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einigermassen zu beruhigen vermocht hatte, wiederholte der Diener seine Anfrage. Rasch nahm der Maler Hut und Gerte, steckte die nötigsten Papiere zu sich und entkam wie betrunken der Stadt. Wir wenden uns auf kurze Zeit von ihm und seinem traurigen Zustande weg und sehen inzwischen nach jenem wichtigen Schreiben.

Larkens an Nolten

"Indem Du diese Zeilen liesest, ist der, der sie geschrieben, schon viele Meilen weit von Dir entfernt, und wenn er Dir denn die Absicht gesteht, dass er sich fortgestohlen, um so bald nicht wiederzukehren, dass er seinen bisherigen Verhältnissen auf immer und auch Dir, dem einzigen Freunde, vielleicht auf Jahre sich entziehen will, so soll folgendes wenige diesen Schritt, so gut es kann, rechtfertigen.

Gewiss klingt es Dir selber bald nicht mehr wie ein hohles und frevelhaft übertriebenes Wort, was Du wohl sonst manchmal von mir hast hören müssen: mein Leben hat ausgespielt, ich habe angefangen, mich selber zu überleben. Das ist mir so klar geworden in der letzten Zeit, wo ja unsereiner wahrhaftig schöne gelegenheit hatte, die Resultate von dreissig Jahren wie Fäden mit den Fingern auszuziehn. Ich mag Dir die alte Litanei nicht vorsingen; genug, mir ist in meiner eigenen Haut nimmer wohl. Ich will mir weismachen, dass ich sie abstreife, indem ich von mir tue, was bisher unzertrennlich von meinem Wesen schien, vor allem den Teaterrock, und dann noch das eine und andere, was ich nicht zu sagen brauche. Mancher grillenhafte Heilige ging in die Wüste und bildete sich ein, dort seine Tagedieberei gottgefälliger zu treiben Ich habe noch immer etwas Besseres wie das im Sinn. Am ende ist's freilich nur eine neue Fratze, worin ich mich selber hintergehen möchte; und fruchtet's nicht, nun so geruht vielleicht der Himmel, der armen Seele den letzten Dienst zu erweisen, davor mir denn auch gar nicht bang sein soll.

Den Abschied, Lieber, erlass mir! O ich darf nicht denken was ich mit Dir verliere, herrlicher Junge! Aber still; Du weisst, wie ich Dich am Herzen gehegt habe, und so ist auch mir Deine Liebe wohlbewusst. Das ist kein geringer Trost auf meinen Weg. Auch kann es ja gar wohl werden, dass wir uns an irgendeinem Fleck der Erde die hände wieder reichen. Aber wir tun auf alle Fälle gut, diese Möglichkeit als keine zu betrachten. übrigens forsche nicht nach mir, es würde gewiss vergeblich sein.

Und nun die Hauptsache.

Mit den Paketen übergeb ich Dir ein wichtiges, ich darf sagen, ein heiliges Vermächtnis. Es betrifft Deine Sache mit Agnesen, die mich diese letzten zehn Monate fast einzig beschäftigte. Mein Lieber! ich bitte dich, höre mich ruhig und vernünftig an.

In der gewissesten Überzeugung, dass die Zeit kommen müsse, wo Dein heissestes Gebet sein werde, mit diesem Mädchen verbunden zu sein, ergriff ich ein gewagtes Mittel, Dir den Weg zu diesem Heiligtume offenzuhalten. Vergib den Betrug! nur meine Hand war falsch, mein Herz gewisslich nicht: ich glaubte das Deine treulich abzuschreiben; straf mich nicht Lügen! Lasst mich den Propheten eurer Liebe gewesen sein! Ihr Märtyrer war ich ohnehin; denn indem ich Deiner Liebe Rosenkränze flocht, meinst du, es habe sich nicht manchmal ein Dorn in mein eigen Fleisch gedrückt? Doch das gehört ja nicht hieher genug, wenn meine Episteln ihren Dienst getan. Fahre Du nun mit der Wahrheit fort, wo ich die Täuschung liess. O Teobaldwenn ich jemals etwas über Dich vermochte, wenn je der Name Larkens den Klang der lautern Freundschaft für Dich hatte, wenn Dir irgend das Urteil eines Menschen richtiger, besser scheinen konnte als Dein eigenes, so folge mir diesmal! Hätt ich Worte von durchdringendem Feuer, hätt ich die goldne Rede eines Gottes, jetzt würde ich sie gebrauchen, um Dein Innerstes zu rühren, Freund, Liebling meiner Seele! – So aber kann ich's nicht; mein Kiel ist stumpf, mein Ausdruck matt Du weisst ja, es ist alle Schönheit von mir gewichen; die dürre nackte Wahrheit blieb mir allein, sie unddie Reue. Vor dieser möchte ich Dich bewahren. Ich bin Dein guter Genius, und indem ich von Dir scheide, sei Dir ein andrer, besserer, empfohlen. Ich meine Agnesen. Setze das Mädchen in seine alten Rechte wieder ein. Du findest auf der Welt nichts Himmlischers, als die Seele dieses Kindes ist. glaube mir das, Nolten, so gewiss als schwür ich's auf dem Totenbette. – Du hast Dich in Deinem Argwohn garstig geirrt. Lies diese Briefe, namentlich des Vaters, und es wird Dir wie Schuppen von den Augen fallen. Dann aber zaudre auch nicht länger; fasse Dich! Eile zu ihr, tritt sorglos unter ihre Augen, sie wird nichts Fremdes an Dir wittern, sie weiss nichts von einer Zeit, da Teobald ihr minder angehört als sonst; das Feld ist durchaus frei und rein zwischen euch.

Es steht bei Dir, ob der gute Tropf das Intermezzo erfahren soll oder nicht; bevor ein paar Jahre vorüber, würde ich kaum dazu raten. Dann aber wird euch sein, als hättet ihr einmal in einem Sommernachtstraum mitgespielt, und Puck, der täuschende Elfe, lacht noch ins Fäustchen über dem wohlgelungenen Zauberspass. Dann gedenket auch meiner mit Liebe, so wie man ruhig eines Abgeschiednen denkt, nach welchem man sich wohl zuweilen sehnen mag