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rief er aus, indem er nachdenklich die Feder weglegte. "Mitunter hat es mich ergötzt, von der innersten Seele dieses lieblichen Wesens gleichsam Besitz zu nehmen, und um so grösser war mein Glück, je mehr ich's unerkannt und wie ein Dieb geniessen konnte. Ich bilde mir ein, das Mädchen wolle mir wohl, während ich ihr in der Tat soviel wie nichts bedeute; ich schütte unter angenommener Firma die ganze Glut, die letzte, mühsam angefachte Kohle meines abgelebten Herzens auf dies Papier und schmeichle mir was Rechts bei dem Gedanken, dass dieses Blatt sie wiederum für mich erwärme. O närrischer Teufel du! kannst du nicht morgen verschollen, gestorben, begraben sein, und wächst der Schönen drum auch nur ein Härchen anders? Bei alledem hat mir die Täuschung wohlgetan, sie half mir in hundert schwülen Augenblicken den Glauben an mich selbst aufrechterhalten. Es fragt sich, ob es nicht ähnliche Täuschungen gibt, eben in bezug auf unsre herrlichsten Gefühle? Und doch, es scheint in allen etwas zu liegen, das ihnen einen ewigen Wert verleiht. Gesetzt, ich werde diesem wackern kind an keinem Orte der Welt von Angesicht zu Angesicht begegnen, gesetzt, es bliebe ihr all meine warme Teilnahme für immerdar verborgen, soll das der Höhe meines glücklichen Gefühls das mindeste benehmen können? Wird denn die Freude reiner Zuneigung, wird das Bewusstsein einer braven Tat nicht dann erst ein wahrhaft Unendliches und Unveräusserliches, wenn du damit ganz auf dich selbst zurückgewiesen bist?"

Er nahm jetzt in Gedanken den herzlichsten Abschied von dem Mädchen, und weil nach seiner Berechnung schon ihr nächster Brief wieder unmittelbar an Nolten kommen sollte, so gab er ihr deshalb die nötige Weisung, jedoch so, dass sie dabei nichts weiter denken konnte.

Verriet nun das Benehmen des Schauspielers in diesen letzten Tagen überhaupt eine gewisse Unruhe und Beklommenheit, so war er bei dem Abschied von Teobald noch weniger imstande, eine heftige Bewegung zu verbergen, welche, zusammengehalten mit einigen seiner Äusserungen, auf ein geheimes Vorhaben hinzudeuten schien und unserm Maler wirklich auf Augenblicke ein unheimliches Gefühl gab, das denn Larkens nach seiner Art, wobei man oft nicht sagen konnte, ob es Ernst oder Spass sei, schnell wieder zu zerstreuen wusste.

übrigens fühlte Nolten die grosse Lücke, welche durch des Schauspielers Entfernung notwendig nach innen und aussen bei ihm entstehen musste, nur allzubald, und die vielfachen Nachfragen der Leute zeigten ihm genugsam, dass er nicht als der einzige bei dieser Veränderung entbehre. Die beiden Freunde Leopold und Ferdinand reisten indessen auch ab, und doppelt und dreifach ward jetzt des Malers Verlangen geschärft, das Gleichgewicht seines Wesens vollkommen herzustellen. Der Entwurf eines neuen Werkes, wozu die erste idee während der Gefangenschaft bei ihm entstanden war, lag auf dem Papier, und nun ging es an die Ausführung mit einer Lust, mit einem Selbstvertrauen, dergleichen er nur in den glücklichsten Jahren seines ersten Strebens gehabt zu haben sich erinnerte. Dennoch musste er nach und nach bemerken, dass ihm zu einer völligen Freiheit der Seele noch vieles fehlte; er ward verdriesslich, er stellte die Arbeit unwillig zurück, er wusste nicht, was ihn hindere.

Eines Morgens bringt man ihm die Schlüssel zu den Zimmern des Schauspielers. Dieser hatte sie bei seiner Abreise einem dritten Freunde mit dem ausdrücklichen Wunsche hinterlassen, dass er sie erst nach Verfluss einiger Tage an den Maler ausliefere, welcher dann nicht säumen möge, die Zimmer aufzuschliessen und was darin sich vorfinde, teils in Empfang zu nehmen, teils zu besorgen Zugleich erhielt Nolten ein Verzeichnis der sämtlichen Effekten, nebst Angabe ihrer Bestimmung. Er stutzte nicht wenig über diese sonderbare Kommission und befragte jene Mittelsperson mit einiger Ängstlichkeit: Was denn das alles zu bedeuten hätte? Der junge Mensch aber wusste nicht viel weiter Bescheid zu geben und entfernte sich bald. Sogleich öffnete Nolten die Zimmer, wo er Mobilien, Bücher, Kupferstiche, Uhren und dergleichen wie sonst in der besten Ordnung fand. Alsbald aber zogen einige an ihn überschriebene Pakete, die auf einem Tischchen besonders hingerüstet waren, seine Augen auf sich. Hastig riss er den Brief auf, welcher obenan lag. Gleich bei den ersten Linien geriet Nolten in die grösste Bewegung, es zitterte das Blatt in seiner Hand er musste innehalten, er las aufs neue, bald von vorne, bald aus der Mitte, bald von hinten herein, als müsste er die ganze bittere Ladung auf einmal in sich schlingen. Inzwischen fiel sein blick auf die übrigen Pakete, deren eines die Überschriften hatte: "Briefe von Agnes. Von deren Vater. Meine Briefkonzepte an Agnes." Ein anderes zeigte den Titel: "Fragmente meines Tagebuchs." Ohne recht zu wissen was er tat, griff er nochmals nach dem einzelnen Schreiben, er durchlief es ohne Besinnung, indem er sich von einem Zimmer, von einem Fenster zum andern rastlos bewegte; er wollte sich fassen, wollte begreifen, nachdem er schon alles begriffen, alles erraten hatte. Er warf sich aufs Sofa nieder, die Ellbogen auf die Kniee gestützt, das Gesicht in beide hände gedrückt, sprang wieder auf und stürzte wie ein Unsinniger umher.

Sein Bedienter hatte soeben das Pferd zum Spazierritt vorgeführt und meldete es ihm. Er befahl, es wegzuführen, er befahl, noch zu warten, er widersprach sich zehnmal in einem Atem. Der Bursche ging, ohne seinen Herrn verstanden zu haben. Nach einer halben Stunde, während welcher Nolten, weder die übrigen Papiere anzusehen, noch sich