aufgeschlossen, dir das heiligste Gefühl blossgestellt zu haben, das mir kein Mensch unter der Sonne von den Lippen gelockt hätte, wenn es der Freund nicht wäre, von dem ich eine liebevolle Teilnahme an meiner Sinnesart erwarten durfte, selbst wenn sie der seinigen zuwiderliefe. Höre, ich kenne dich als einen verständigen und klugen Mann, nur was gewisse Dinge anbelangt, gewisse Eigenheiten eines treuen Gemüts, so hätt ich nicht vergessen sollen, dass wir von jeher vergeblich drüber disputierten. Lass uns von diesem Punkte lieber gleich abgehn und tun, als wäre von nichts die Rede gewesen, es braucht's auch nicht, da ich meinen Weg verfolgen kann, unbeschadet unseres bisherigen Verhältnisses."
"Doch wirst du mir nicht zumuten" antwortete Larkens "ich soll dich stillschweigend einer Grille überlassen, die dir nur schädlich werden kann. – Vorderhand finde ich deinen Irrtum verzeihlich; das Unglück macht den Menschen einsam und hypochondrisch, er zieht den Zaun dann gern so knapp wie möglich um sein Häuschen. Ich selber könnte wohl einmal in diesen Fall geraten, nur wär es dann ein Kasus – wahrhaftig ganz verschieden von dem deinen. Der Herr führt seine Heiligen wunderlich. Unstreitig hat dein Leben viel Bedeutung, allein du nimmst seine Lehren in einem viel zu engen Sinn: du legst ihm eine Art dämonischen Charakter bei, oder, ich weiss nicht was? – glaubst dich gegängelt von einem wunderlichen Spiritus familiaris, der in deines Vaters Rumpelkammer spukt. Ich will mich in diese Mysterien nicht mischen; was Vernünftiges dran ist, leuchtet mir ein, so gut wie dir: nur sage mir, mein Lieber du hast vorhin von Einsamkeit, von Unabhängigkeit gesprochen: je nachdem du das Wort nimmst, bin ich ganz einverstanden. In allem Ernst, ich glaube, dass deine künstlerische natur, um ihren ungeschwächten Nerv zu bewahren, ein sehr bewegtes gesellschaftliches Leben nicht verträgt. Eben die edelsten Keime deiner Originalität erforderten von jeher eine gewisse stete Temperatur, deren Wechsel soviel möglich nur von dir abhängen musste, eine heimlich melancholische Beschränkung, als graue Folie jener unerklärbar tiefen Herzensfreudigkeit, die so recht aus dem innigen Gefühl unseres Selbst hervorquillt. Im ganzen ist das so bei jedem Künstler von Genie, ich meine bei jedem Künstler deines Faches, nur weiss der eine mehr, als der andere seine Stimmung in die Welt zu teilen. Was aber namentlich die Berührung mit der sogenannten grossen Welt anbelangt, so war es mir gleich anfangs eine ausgemachte Sache, dass du dich nie dortin verlieren würdest. Der plötzliche Anlauf, den du mit der Bekanntschaft des Herzogs genommen, schien mir deshalb der grösste Widerspruch mit dir selber. Gewohnt, dich als einen seltnen Knaben zu betrachten, der ausgerüstet mit erhabnen Kräften sich auf einmal ungeschickt und fast unmächtig fühlen müsse, sobald man ihn in jene blendenden Zirkel hineinzöge, war mir die Geschmeidigkeit, womit du dich in kurzem assimiliertest, beinah, wie soll ich sagen? nicht verdächtig, doch höchst auffallend, und mir ahnete, es würde in die Länge nicht wohl dauern. Wie leicht, so meint ich, wär es möglich, dass unter solchen Influenzen sich dies und jenes von seiner ursprünglichen Farbe verwischte, dass sein Ehrgeiz eine falsche Richtung nähme, dass er an der Treue gegen seinen Genius etwas aufopferte! Kurzum, mich peinigte etwas, und wär's auch nur das törichte Mitleid, das einen anwandeln kann, wenn der Kristall, losgerissen aus seiner mütterlichen Nacht, die sein Wachstum förderte, in die unkeuschen hände der Menschen fällt. Doch das sind Possen. Aber du siehst nur daraus, ich bin weder borniert, noch anmassend, noch leichtsinnig genug, dir dein eigentliches Esse zu bestreiten und den stillen Boden aufzulockern, worin dein Wesen seit frühester Zeit so liebevoll Wurzel geschlagen. Gewiss, ich habe die herrlichsten Früchte daraus hervorgehn sehen; und – Nolten! siehst du, es hat dich nicht befremdet noch verdrossen, wenn du seit der ganzen Zeit, als wir uns kennen, nichts von überschwenglichem Lobe, von entusiastischen Diskursen über den gang deines Geistes und dergleichen aus meinem mund vernahmst; ich bin nun einmal wie ich bin. Aber in diesem Augenblick, wo sich so viel ernste Betrachtung von selbst aufdringt, du deine Sache gleichsam auf die Spitze stellst, jetzt möchte ich wohl, dass die Zunge sich mir löste, dass ich dir sagen könnte, wie ich von Anfang an mit einer stillen Rührung, mit einer bewundernden Freude deiner Entwicklung zugeschaut, ja gewiss mit mehr Pietät und Sorgfalt, als du mir zuzutrauen scheinst."
Nolten hörte mit zunehmendem Staunen die Bekenntnisse seines Freundes, wodurch er sich wirklich höher geehrt und herzlicher gestärkt fühlte, als durch das ruhmvollste Lob, das ihm irgendein mächtiger gönner hätte spenden mögen. Er wollte soeben etwas erwidern, als der Schauspieler fortfuhr:
"Lass mich dir eins anführen. Du erinnerst dich des Gesprächs, das wir bei einem Spazierritt nach L. zusammen hatten. Es war der köstlichste Abend mitten im Juli, die untergehende Sonne warf ihren roten Schein auf unsere Gesichter, wir schwatzten ein weites und breites über die Kunst. Mit jedem Worte schlossest du, ohne es zu wollen, mir die Bildung deiner natur vollständiger auf, zum erstenmal durft ich mich freudig in den inneren Kelch deines Wesens vertiefen. Es fragte sich, weisst du über das Verhältnis des tief religiösen und namentlich des christlichen Künstlergemüts zum Geist der Antike und der poetischen Empfindungsweise des Altertums, über die Möglichkeit einer beinahe gleich liebevollen Ausbildung