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diesen Köpfen aufsteigen muss, oben an der Decke ansetzte, welche Figuren da in Fresko zum Vorschein kommen müssten? Was sagen Sie? Nolten hat sie alle kopiert, , hat sie sämtlich kopiert!"

"Sie scheinen", erwiderte Leopold gelassen, "wenn ich Sie anders recht fasse, mehr die Gegenstände zu tadeln, unter denen sich dieser Künstler, nur vielleicht etwas zu vorliebig, bewegt, als dass Sie sein Talent angreifen wollten; nun lässt sich aber ohne Zweifel auf dem angedeuteten feld so gut als auf irgendeinem das Charakteristische und das Rein-Schöne mit grossem Glücke zeigen, abgeschmackte und hässliche Formen jedoch, geflissentliches Aufsuchen sinnwidriger Zusammenstellungen kann man von Nolten nicht erwarten, ich kenne sein Wesen von früher und kam in der Absicht hieher, ihn mit einem gemeinschaftlichen Freunde, der auch Maler ist, zu besuchen und uns an seiner bisherigen Ausbildung zu erfreuen."

Der alte Herr hatte diese Worte wahrscheinlich ganz überhört, denn er ging mit lautem Kichern nur wieder in den Refrain seines vorhin Gesagten über: "Hat sie sämtlich kopiert, ja ja, zum Totlachen! Ei, das muss er täglich von mir selber hören."

In diesem Augenblicke trat Ferdinand, der Reisegefährte des Bildhauers, ein und rief diesem mit einem glänzenden Blicke voll Freude zu: "Er kommt! er folgt mir auf dem fuss nach! Er ist der gute Nolten noch, sag ich dir! o gar nicht der achselblickende junge Glückspilz, wie man ihn schildern wollte. Stelle dir vor, er vergass vorhin im jubel über unsre Ankunft eine Einladung zum Herzog, mit dem er trefflich stehen muss, und eilte nur von der Strasse weg, sich zu entschuldigen."

Nach einiger Zeit erschien, in Begleitung eines andern, der Erwartete wirklich. Es war ein herzerfreuendes Wiedersehen, ein immer neu erstauntes trunkenes Begrüssen und Frohlocken unter den dreien. Wie ergötzten sich die Freunde an dem stattlichen Ansehen Teobalds, an dem reinen Anstande, den ihm das Leben in höherer Gesellschaft unvermerkt angehaucht hatte nur verbargen sie ihm nicht, dass die kräftige Röte seiner Wangen in Zeit von wenigen Jahren um ein Merkliches verschwunden sei. Er sah jedoch immer noch gesund und frisch genug neben seinem hageren Begleiter, dem Schauspieler Larkens, aus, den er soeben freundschaftlich produzieren wollte, als dieser sofort mit der angenehmsten Art sich selber empfahl und mit den Worten schloss: "Nun setz dich, liebes Kleeblatt! Ich werde mich mit eurer Erlaubnis bald auch zu euch gesellen, aber den ersten Perl- und Brauseschaum des Wiederfindens müsst ihr durchaus miteinander wegschlürfen! Ich sehe dort ein paar Spielerhände konvulsivisch fingern, das ist auf mich abgesehen."

Damit setzte er sich zu dem alten Herrn in der Ecke, den unser Nolten erst jetzt gewahr wurde und nicht ohne achtung begrüsste. "Sag mir doch", fragte Leopold heimlich, "was für eine Art von Kenner das ist? Er hat die wunderlichsten Begriffe von dir."

"Ach", lächelte der Freund, "da kann ich dir wenig dienen. Das ist ein sehr kurioser Kauz, voll griesgrämischer Eigenheiten, übrigens von viel Verstand, und mir immer ein lieber Mann. Er besitzt gute Kenntnisse von Gemälden, ist aber auf diesen Punkt von den einseitigsten Teorieen eingenommen. Aus einigen meiner Stücke soll er eine eigene Vorliebe und zugleich den unverhohlensten Widerwillen gegen mich gefasst haben, den ich mir kaum zu enträtseln weiss. Denn dass ich es bloss als Künstler mit ihm verdorben habe, ist nicht wohl möglich, wenigstens täte er mir sehr Unrecht, indem der Vorwurf des Phantastischen, den er mir zu machen scheint, nur den kleinsten teil meiner Erfindungen träfe, wenn es je ein Vorwurf heissen soll. Die meisten meiner arbeiten bezeichnen in der Tat eine ganz andere Gattung. Ich vermute, der Mann hat irgendein geheimes Aber an meiner person entdeckt, und ich muss ihn, ohne mir das geringste bewusst zu sein, mit irgend etwas beleidigt haben, das er mir nicht vergessen kann, so gern er möchte, denn es ist auffallend, sooft er mich ansieht, sträubt sich's auf seinem Gesicht wie Sauer und Süss."

Auf diese Weise waren jene leidenschaftlichen Äusserungen einigermassen erklärt, und es gab nun Veranlassung genug, sich gegenseitig über Geschäfte, Schicksale und mancherlei Erfahrungen auszutauschen. Sie durchliefen die Vergangenheit, erinnerten sich des Aufentalts in Italien, wo sich vor drei Jahren ihre Bekanntschaft entsponnen hatte. Endlich fing Ferdinand an: "Du errätst wohl kaum, wo wir heute vor sechs Tagen um diese Stunde zu gast gesessen sind; in welchem Dörfchen, in welchem Stübchen und wer uns bewirtete?" "Nein!" sagte Nolten; aber ein aufmerksamer Beobachter würde in dieser kleinlauten Verneinung ein sehr schnell erratendes Ja gewittert haben. "Neuburg", flüsterte Leopold freudig zuvorkommend und von der anderen Seite flog der Name "Agnes" über Ferdinands Mund. "Ich dank euch", sagte Nolten, wie abbrechend, und verbarg eine unangenehme Empfindung.

"Was danken? du hast ja den Gruss noch nicht einmal in der Hand, den wir dir zu bringen haben!" – und hiemit sah er sich einen Brief entgegengehalten, den er mit erzwungenem Wohlgefallen zu sich steckte, indem er die beiden durch einen Vorsicht gebietenden blick auf die Spieler für jetzt zum Stillschweigen zu vermögen suchte.

"So lass mich", fuhr Ferdinand fort, "wenigstens des anmutigen Örtchens, lass mich des Försterhauses gedenken, wo du