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, deren Blei noch überall die Spuren guter Vergoldung zeigte. Es soll der Saal vorzeiten seiner Kostbarkeit und ausserordentlichen Helle wegen, "die goldene Laterne" geheissen haben.

Einer der ersten Besuche, deren unser Freund in seiner neuen wohnung eine grosse Anzahl erhielt, war Tillsen und der alte Baron von Jassfeld. Beide hatten während der Gefangenschaft, vermutlich aus Rücksicht gegen den Hof, Anstand genommen, diese Pflicht zu erfüllen. Der Schauspieler konnte eine spöttische Bemerkung deshalb nicht unterdrücken, für Teobald aber war wenigstens der gegenwärtige Beweis von Aufmerksamkeit um so wichtiger, als er eine günstige Folgerung auf die Gesinnungen der Zarlinschen daraus zog. Allein hierin irrte er sich, denn gar bald liess man ihn merken, dass in jenem haus noch immer eine auffallende Verstimmung herrsche, dass er wohltun würde, sich vorderhand durchaus entfernt zu halten. Hiezu war er nun wirklich fest entschlossen, besonders da auch in den folgenden Tagen von seiten des Grafen nicht einmal ein trockener Glückwunsch, geschweige denn, wie doch zu erwarten gewesen wäre, ein freundlich Wort an ihn erging.

Unter andern Umständen vielleicht hätten diese Aussichten ihn trostlos gemacht, aber so ward sein Stolz empfindlich gereizt, er sah sich unfreundlich, schnöde zurückgestossen, und da er wusste, wie wenig von jeher die Gräfin gewohnt gewesen, sich ihre Gefühle und Handlungen durch den Bruder oder sonst jemanden vorschreiben zu lassen, so konnte er auch ihr jetziges Benehmen keineswegs auf fremde Rechnung setzen Er glaubte sich in seinen Vorstellungen von der ungemeinen Denkart dieses Weibes entschieden getäuscht, zum erstenmal fand er an Constanzen die Kleinlichkeit ihres Geschlechts, die engherzige Pretiosität ihres Standes, ja was noch mehr als dies, er überzeugte sich, dass sie ihn niemals eigentlich geliebt haben könne. Er war traurig, allein er wunderte sich, dass er es nicht in höherem Grade sei.

Auf diese Art hatte nun freilich der Schauspieler, dem sehr darum zu tun sein musste, die Eindrücke dieser leidenschaft bei Nolten von Grund aus zu vertilgen, bei weitem leichtere Arbeit, als er immer gefürchtet. Er wunderte sich im stillen höchlich über die vernünftige Gelassenheit seines Freundes, und gab dem Wunsche desselben gerne nach, dass von der Sache nicht weiter die Rede sein solle.

übrigens gab es für Larkens gar mancherlei zu bedenken und auszumitteln. Gleich nach der Haftsentlassung war es eine seiner ersten Sorgen gewesen, ob jene seltsame Elisabet, welche vor wenig Tagen von Leopold war auf der Strasse gesehen worden, nicht etwa noch in der Nähe sich befinde: mehrere Gründe setzten es jedoch ausser Zweifel, dass sie die Stadt bereits wieder verlassen. Jetzt wünschte er sich über den Zustand der Gemüter im Zarlinschen haus, sowie über den wahren Grund der eilfertigen Erledigung jener anfänglich so ernstaft behandelten Rechtssache genauer zu unterrichten. Er war um so begieriger, als einige heimliche Stimmen sich verlauten liessen Herzog Adolph habe sich mit seinem fürstlichen Worte für die Gefangenen verbürgt und so den Knoten mit einemmal zerschnitten. Dies fand der Schauspieler so unwahrscheinlich nicht, obgleich der Herzog, wie es schien, seine Grossmut öffentlich nicht Wort haben wollte und sich übrigens jeder Berührung mit seinen Schützlingen entzog. Höchst peinlich empfand daher Larkens seine Ungewissheit über diesen Punkt, sowie die Unmöglichkeit, dem Wohltäter ausdrücklich zu danken, wenn dieser sich wirklich in der person des Herzogs versteckt haben sollte. Letzteres ward er je länger je mehr überzeugt, und bald gesellte sich hiezu noch eine weitere, obgleich noch sehr entfernte Mutmassung, welche er jedenfalls vor Nolten auf das sorgfältigste zu verbergen guten Grund haben mochte. Der Gedanke stieg nämlich bei ihm auf, ob nicht Gräfin Constanze selbst als geheime Triebfeder, zunächst zugunsten Teobalds, durch den Herzog könnte gewirkt haben? Er wusste nicht eigentlich, was ihn auf diese Vorstellung führte, im allgemeinen aber setzte er bei Constanzen noch immer eine stille, sehr nachhaltige Neigung für Teobald voraus, und es war ihm unmöglich, sie anders als in einem leidenden Zustande zu denken.

Eines Morgens findet er seinen Freund ausser dem Bette unter dem halboffenen Fenster sitzen und sich im kräftigen Strahl der Frühlingssonne wärmen. Der Schauspieler drückte laut seine Freude über die glücklichen Fortschritte des Rekonvaleszenten aus, während Teobald ihm lächelnd mit der Hand Stillschweigen zuwinkte, denn der lieblichste Gesang tönte soeben aus dem Zwinger herauf, wo die Tochter des Wärters mit den ersten Gartenarbeiten beschäftigt war. Sie selbst konnte wegen eines Vorsprungs am Gebäude nicht gesehen werden, desto vernehmlicher war ihr Liedchen, wovon wir wenigstens einen Vers anführen wollen.

Frühling lässt sein blaues Band

Wieder flattern durch die Lüfte,

Süsse wohlbekannte Düfte

Streifen ahnungsvoll das Land;

Veilchen träumen schon,

Wollen balde kommen;

Horch, von fern ein leiser Harfenton! – –

Frühling, ja du bist's!

Frühling, ja du bist's!

Dich hab ich vernommen!

Die Strophen bezeichneten ganz jene zärtlich aufgeregte Stimmung, womit die neue Jahreszeit den Menschen, und den Genesenden weit inniger als den Gesunden, heimzusuchen pflegt. Eine seltene Heiterkeit belebte das Gespräch der beiden Männer, während ihre Blicke sich fern auf der keimenden Landschaft ergingen. Nie war Nolten so beredt wie heute, nie der Schauspieler so menschlich und liebenswürdig gewesen. Auf einmal stand der Maler auf, sah dem Freunde lang und ernst, wie mit abwesenden Gedanken, ins Gesicht, und sagte dann, indem er seine hände auf die Schultern des andern legte, im ruhigsten Tone: "Soll ich dir gestehen, Alter, dass dies der glücklichste Tag meines Lebens ist, ja dass mir vorkommt, erst heute