an dem Garten des wunderlichen Hofrats vorbei. Der Liebling des letzteren, ein zahmer Star, sitzt auf dem Spitzdache eines Pumpbrunnens, über den sich eine Trauerweide neigt. Der Vogel stimmt, eben wie Leopold vorüber will, sein Stückchen an, mit einem spöttischen Zwischenruf, der offenbar ihm gilt: "Es reiten drei – Spitzbub – zum Tore hinaus"; zugleich wird das gepuderte Haupt des Hofrats sichtbar; derselbe ersucht den Bildhauer, einen Augenblick hereinzutreten. "Ich habe eine Neuigkeit", sagte er, "über deren angenehmen Inhalt Sie wohl dem Flegel da oben seine Unart vergessen werden. Monsieur Larkens wurde den Morgen schnell zu einem Verhöre berufen. Man darf sich auf ein erwünschtes Resultat gefasst halten; mir ward nur en passant und ganz im allgemeinen, jedoch von sicherer Hand ein Wink gegeben. Bringen Sie den Leutchen diesen Trost, sagen es aber nicht weiter." Voll Freuden dankte der Bildhauer und wollte eilends gehen, als der Hofrat, der heute seinen schönen Tag hatte, ihn noch am Rockknopf festielt und sagte: "Widmen Sie doch dem Burschen da droben noch einen blick! Bemerken Sie die philosophische klarheit, den feinen Sarkasmus, womit dieser Schnabel in die Welt hinaussticht! Stellen wir uns nun etwa unter der Brunnenpyramide ein Monument, ein Grabmal vor, so wäre es dem elegischen Geschmack ohne Zweifel gemässer, in den hängenden Weidenzweigen sich Philomelen, die süsse Sängerin der Wehmut und der Liebe, zu denken, als den gebildetsten Staren, dessen blosse Figur schon viel vom Weltmann hat. Indessen, dünkt mich, wäre ein Hanswurst, gedankenvoll auf einem Sarkophagen sitzend, eine üble Vorstellung auch nicht, vielleicht ein Gegenstand für einen Hogart. Man gäbe dem Kujon etwa ein schlafendes Kind auf den Schoss und hinter seinem rücken würde, halb zürnend halb lächelnd, ein eisgrauer Alter am Stabe das sonderbare Selbstgespräch belauschen. Des Narren Gesicht müsste zeigen, wie er sich Mühe gibt, recht tiefsinnig und ernstaft zu sein; aber es geht nicht, und das bedeutendste Kopfschütteln wird jedesmal von der Schellenkappe begleitet. Was meinen Sie nun? der geflügelte Schlingel dort, welcher gestern das Unglück gehabt, ich weiss weder wo noch wie, in einen Topf mit gelber Ölfarbe zu fallen, davon er die Spuren noch trägt – gleicht er denn nicht aufs Haar so einem buntscheckigen Allerweltsspötter? Ist es nicht ein unvergleichlicher Junge?"
Der Bildhauer musste dem Vogel eine Lobrede halten, war aber endlich nur froh, loszukommen und sich bei den Freunden seiner glücklichen Zeitung zu entledigen.
Wirklich gingen nicht vier Tage hin, als den Gefangenen bereits ihre Lossprechung eröffnet ward. Man hatte bei keinem von beiden eine bösliche Absicht, wohl aber eine strafbare Unziemlichkeit in ihrer Handlungsweise entdeckt, wofür ihnen die Gnade des Königs Verzeihung zuerkannte.
Sämtliche Freunde fanden dies ganz in der Regel, nur den Schauspieler schien die schnelle Wendung der Sache zu befremden, er schüttelte den Kopf, indem er nicht undeutlich zu verstehen gab, dass dahinter irgend etwas stecken müsse; übrigens äusserte er weiter keine Vermutung und teilte von Herzen den allgemeinen jubel.
Der Augenblick, in dem er Nolten zum ersten Male wieder, obgleich am Krankenbett begrüsste, riss jeden, der zugegen war, zu Rührung und Freude hin. Nie hatte man eine leidenschaftlichere Freundschaft gesehen, und wenn sonst Larkens die Vermeidung jedes Anscheins von Empfindsamkeit beinahe bis zur Härte trieb, so ward er jetzt nicht satt, den Kranken zu umarmen und zu küssen, ihm aufs beweglichste den Unfall abzubitten, dessen er sich allein anklagte. Zum Glück versprach der Arzt, dass Nolten in kurzer Zeit völligen Gebrauch von seiner Freiheit würde machen können, ja der Kranke selber schwur, es fehle gar nicht viel, so hätte er wohl Lust, sich heute schon auf die Füsse zu richten; zum wenigsten wollte er aus dem traurigen Arrestzimmer erlöst sein und müsste man ihn auch samt dem Bette wegtragen. Larkens nahm gleich den Schliesser auf die Seite, liess sich die nächstgelegenen Zimmer weisen und kam bald mit der lustigen Botschaft wieder, er habe nur wenige Schritte von Teobalds Zelle ein Lokal entdeckt, darüber in der Welt nichts gehe: einen kleinen getäfelten Rittersaal mit einem Erker, der die schönste Aussicht im ganzen Schloss darbiete. Sodann beschrieb er den altertümlichen Reiz der vielfach verzierten eichenen Wände, eine Reihe von lebensgross in Holz geschnitzten Grafen und Herzogen mit ihren Wappenschildern und Sinnsprüchen, die hölzerne Decke, auf welcher, in gleiche Quadrate geteilt, die halbe biblische Historie in rührender Geschmacklosigkeit gemalt zu schauen, zwei riesenhafte Ofen, die man im Notfall beide heizen würde; daneben in einer Ecke lehne ein Haufen rostiger Waffen, an deren Schwere der Patient von Tag zu Tage seine zunehmenden Kräfte prüfen müsse; auch stünden ein paar kleine Feuerspritzen bereit, und er behalte sich vor, dieselben an dem Tage, wo man Befreiung und Genesung festlich begehen würde, mit Tokaier füllen zu lassen, denn da müsse der Wein recht eigentlich in Strömen fliessen. Sprach er das letztere im Scherz, so war es ihm mit der Verlegung Noltens in den bezeichneten Saal so vollkommen Ernst dass er noch jenen Morgen die Erlaubnis hiezu von seiten des Verwalters einholte und Anstalt machte, alles recht sauber und reinlich herzustellen. Der Umzug ging des andern Tages vor sich, und Nolten musste gestehen, er fühle sich wahrhaft erleichtert und erhoben durch eine so heitere als eindrucksvolle Umgebung. Fenster an Fenster reihten sich die langen Wände entlang und die ehemalige Pracht erstreckte sich selbst bis auf die kleinen runden Scheiben