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ich ihr meine Worte geschickt in die Feder gegeben und noch mehr, bis sie sich die Rolle einigermassen angeeignet hatte. Sodann schafft ich die nötige Kleidung, und wahres Vergnügen gewährte mir die naive Miene, womit sie sich selbst in ihrer idealischen Vermummung betrachtete. Sie behandelte das Ganze mit einer gewissen Feierlichkeit und gefiel sich gar wohl dabei; ihre Rezitation freilich war hart und trocken, allein ihr Begriff von dieser poetischen Figur so ziemlich richtig. Sämtliche Vorbereitungen geschahen in einem abgelegenen Zimmer ausser dem haus, wo ich Schauspielern beiderlei Geschlechts zuweilen Unterricht erteilte, so dass mein jetziges Geschäft niemandem auffiel. Wie anständig das Mädchen seine Sache machte, haben Sie ja gesehen, und ich selbst verwunderte mich im stillen über die glückliche Ausführung."

Leopold ward kaum fertig, sein Erstaunen auszudrücken, indem er sich die Einzelheiten der Neujahrsfeier auf dem Turme zurückrief. Da er nun um so mehr Verlangen bezeugte, über die sonderbare person der Zigeunerin und ihr früheres Verhältnis zu Teobald eines näheren belehrt zu werden, zeigte sich der Schauspieler nicht ungerne bereit; er wollte soeben seine Erzählung beginnen, als er sich bedenkend innehielt und endlich sagte: "Wissen Sie was, mein Lieber? Sie erfahren die kurze geschichte am besten aus einigen Blättern, worin ich dasjenige, was mir Nolten im Anfange unserer Bekanntschaft vertraute, treulich darzustellen gesucht habe, da mir die Begebenheit gar wohl der Aufbewahrung wert geschienen; besonders merkwürdig ist das mit dem Ganzen verflochtene Schicksal eines gewissen längst gestorbenen Verwandten der Noltenschen Familie, in dessen Leben überhaupt ich die prototypische Erklärung zur geschichte unseres Freundes zu finden glaube. Vor mehreren Wochen entlehnte ein Bekannter das Heft von mir, ich gebe Ihnen einige Zeilen an ihn mit und er wird es Ihnen einhändigen. Durchläuft man dies Bruchstück aus unsers Noltens Leben mit Bedacht, und vergleicht man damit seine spätere Entwicklung bis auf die Gegenwart, so erwehrt man sich kaum, den wunderlichen Bahnen tiefer nachzusinnen, worin oft eine unbekannte höhere Macht den gang des Menschen planvoll zu leiten scheint. Der meist unergründlich verhüllte, innere Schicksalskern, aus welchem sich ein ganzes Menschenleben herauswickelt, das geheime Band, das sich durch eine Reihe von Wahlverwandtschaften hindurchschlingt, jene eigensinnigen Kreise, worin sich gewisse Erscheinungen wiederholen, die auffallenden Ähnlichkeiten, welche sich aus einer genauen Vergleichung zwischen früheren und späteren Familiengliedern in ihren Charakteren, Erlebnissen, Physiognomieen hie und da ergeben (so wie man zuweilen unvermutet eine und dieselbe Melodie, nur mit veränderter Tonart, in demselben Stükke wiederklingen hört), sodann das seltsame Verhängnis, dass oft ein Nachkomme die unvollendete Rolle eines längst modernden Vorfahren ausspielen mussdies alles springt uns offener, überraschender als bei hundert andern Individuen hier am Beispiel unseres Freundes in das Auge. Dennoch werden Sie bei diesen Verhältnissen nichts Unbegreifliches, Grobfatalistisches, vielmehr nur die natürlichste Entfaltung des Notwendigen entdecken. Die Spitze des Ganzen besteht aber in der Art und Weise, wie unser Freund als Knabe zur innigsten Vermählung mit der Kunst geleitet worden, deren ursprünglicher Charakter sich noch heute in einem grossen teil seiner Gemälde erkennen lässt. Genug, Sie mögen selbst urteilen. Aber ach! was werden Sie bei dieser Lektüre fühlen, wenn Sie denken, dass eben derjenige, dessen ahnungsvolle Knabengestalt Ihnen in den Blättern begegnet, nunmehr als Mann von der sinnlosen Faust eines fremdartigen Geschickes aus seiner eigenen Sphäre herausgestossen, und noch ehe er die Hälfte seiner Rechnung abgeschlossen, hier in diesen Mauern eilig verwelken und vergehen soll! Denn, o mein Freund! ich fürchte alles, und dieser Kummer wird mich aufreiben, wird mich noch vor ihm tötenund möchte er nur! Sehen Sie mich an; ich glaube zu fühlen und mein Spiegel sagt es mir, dass der Gram dieser drei Tage mich um doppelt soviel Jahre älter gemacht hat. Still; ich muss abbrechen, wenn ich nicht von Sinnen kommen will. Gehen Sie hinüber zu dem Armen und drücken ihm die Hand im Namen des Larkens. Ach, möchte ich ihn wenigstens einmal wieder von Angesicht sehen! und dochich fürchtete mich davor."

Leopold griff nach dem hut und erbat sich noch die Anweisung zu dem merkwürdigen Heft; da eben der Schliesser eintrat, säumte er nicht länger, um vor allem den geliebten Patienten zu besuchen. Mit heissen Blicken sah ihm der Schauspieler nach, eine unbegrenzte sehnsucht nach Teobald übermannte ihn, aber umsonst, die tür zog sich zu und drüben hörte er das Schloss zum Zimmer des Geliebten rauschen.

So stand nun der Bildhauer vor dem Bette Noltens, und heimlich entsetzt über das äusserst elende Aussehen des Kranken musste er alle Fassung aufbieten, um seine Bewegung nicht zu verraten. Den Gemütszustand Noltens konnte er im ganzen nicht gewahr werden, er sprach wenig und nur angestrengt mit matter stimme. Einmal fragte er den Wärter, wer doch des Morgens in aller Frühe unten in der Küche so hübsch zu singen pflege? Etwas kleinlaut erwiderte der Alte: "Meine Tochter. Ich will's ihr aber untersagen, es schickt sich nicht, und ach! das Gesinge ist noch ihr einzig Leben." Teobald bat sehr, man möge das Mädchen ja nicht irremachen in diesen Unterhaltungen; er fragte, wie es komme, dass sie nur ernste traurige Lieder zu kennen scheine? "Der Henker weiss", war die Antwort, "woher sie all das Zeug herkriegt; sie war von Kindheit auf ein närrisches Ding, nicht auch lustig und rasch wie die andere Jugend, aber fleissig und verständig, und besorgt mir alles