unserer neulichen Zusammenkunft; ich und Ferdinand hatten Sie kaum verlassen, das Schloss lag hinter uns, ich wollte soeben in die Prinzenstrasse einlenken, so zeigt mir ein zufälliger Seitenblick in die leere Kastanienallee, wo wir vorüber mussten, ein weibliches Wesen ganz ruhig an einen der Bäume gelehnt. Das Auge der Unbekannten begegnete dem meinigen. Ich kam fast von Sinnen beim Anblick dieser Physiognomie, denn – doch zuvor muss ich fragen – Sie erinnern sich wohl des tollen Gemäldes von Nolten?"
"Welches?"
"Der Organistin."
"Ganz wohl."
"Und wenn ich Ihnen nun sage, diese war's, werden Sie mir glauben?"
"Nicht, bis ich erst ausgerechnet, wie viel Bouteillen wir damals getrunken."
"Spassen Sie; es war heller Mondschein, ich sah das Gesicht deutlich wie am Tage, und was meine Nüchternheit betrifft –"
"Schon gut!" unterbrach ihn Larkens aufstehend und ging einigemal nachdenklich auf und ab, indessen Leopold fortfuhr. "Noch muss ich Ihnen gleich eine Schwachheit bekennen, lieber Larkens, und Sie mögen mich immerhin darüber ausschelten, aber wer in aller Welt ist ganz vorm Aberglauben sicher, sonderlich unter solchen Umständen? Kaum war mir vorgestern gesagt worden, Teobald habe sich gefährlich krank gelegt, so deutete ich mein Begegnis mit der gespenstischen Orgelspielerin urplötzlich als ein Omen aus, denn mir fiel ein, was man von Trauerfällen sagt, welche auf ähnliche Weise angekündigt worden. Und dieser dummen Furcht bin ich noch heute nicht ganz los, obwohl ich recht gut weiss, dass die Erscheinung keine Vision, noch Gespenst oder dergleichen, sondern ein ordentliches Menschenkind gewesen."
"Aufrichtig gesprochen, mein Bester", sagte Larkens, "ich zweifle an dieser Apparition so gar nicht im mindesten, dass ich Ihnen vielleicht selber den Schlüssel zu dem Rätsel geben kann. Doch, schweigen Sie darüber gegen unsern Freund, versprechen Sie mir reinen Mund zu halten."
"Gewiss, wenn Sie's für nötig finden."
"Nun denn – aber zuvor wär ich begierig, wie Ihr Abenteuer abgelaufen. Sie sprachen die person?"
"Mein Gott, nicht doch! denn (beinahe schäme ich mich, es zu bekennen) die Erscheinung bestürzte mich dergestalt, dass ich mich wohl drei – viermal im Ring herumwirbelte, und während ich nach meinem zurückgebliebenen Begleiter umsah, war das Nachtbild schon verschwunden, auch mit aller Mühe nicht mehr aufzufinden. Das einzige erfuhren wir des andern Tages zufällig von Teobalds Bedientem, dass eine Bettlerin, deren Beschreibung mit jener person vollkommen zusammenstimmte, sich tages vorher in Noltens haus eingefunden und auf die Versicherung, er sei auf längere Zeit abwesend, sich wieder fortgeschlichen. Alles mein fragen und Forschen blieb fruchtlos."
"Also" – fing Larkens an – "merken Sie auf. Zwei Tage vor der letzten Neujahrsnacht, die Ihnen hoffentlich noch im Gedächtnis ist, traf ich auf meinem Hausflur ein Mädchen an dessen Äusseres mich gleich frappierte, und zwar eben auch in der von Ihnen angegebenen Beziehung. Es war eine Zigeunerin, hoch, schlank gewachsen, nicht mehr ganz jung, aber immer noch eine wirkliche Schönheit, kurz die Ähnlichkeit mit jenem Bilde bis auf wenig zwischenliegende Jahre vollkommen Ein Korb mit hölzerner Schnitzware hing ihr am arme, allein meine erste Ahnung, dass sie wohl in anderer Absicht als des Verkaufs wegen hiehergekommen, bestätigte mir bald ihre Frage nach einem Maler, der hier wohnen sollte; sie zog einen Brief hervor, es war die Handschrift von Noltens Braut, doch lautete die Adresse, ich weiss nicht mehr warum, an mich, die Sendung selbst gehörte für Nolten. Es hatte nämlich die Zigeunerin auf ihren Streifzügen auch Neuburg berührt und einen Gruss mit hiehergenommen. Mir war die person nach mehrfältigen Erzählungen Teobalds nichts weniger als fremd, aber je genauer ich um ihre frühere Berührung mit unserm Freunde wusste, desto bedenklicher fand ich's, so ohne weiteres zur Erfüllung ihres Wunsches beizutragen, welcher dahin ging, den 'schönen herrlichen Jungen', wie sie ihn nannte, einmal wiederzusehen. Wenigstens, dachte ich, müsste der herrliche Junge vorbereitet werden, und bei näherer Betrachtung schien mir die Hintertreibung einer solchen Zusammenkunft das Sicherste und Zweckmässigste. Ich gebrauchte allerlei Finten, sie ein für allemal von jedem Versuche abzuschrecken; da indessen das närrische Ding darauf bestand und ihr Verlangen ebenso gerecht als arglos und treuherzig erschien, so sann ich auf Mittel, wie Nolten ihr gezeigt werden könnte, ohne dass jedoch er sie gewahr würde. Das liess sich nun wohl auf verschiedene Weise machen. Mir gefiel aber, wie ich gern gestehen will, ein etwas romantisch seltsamer Weg besser als etwa ein simples Gucken durch Spalt und Schlüsselloch, kurz, die Neujahrsmaskerade kam mir eben recht zu statten und –"
"Was?" rief Leopold verwundert, "am Ende wird noch der Nachtwächter vom Albaniturm aus der geschichte hervorspringen!"
"Das errät sich nun leicht; so hören Sie kurz noch den Hergang. Nachdem ich das Mädchen mit meinem Plane bekannt gemacht, den sie anfangs freilich gar nicht fassen wollte, nachdem sie mir ferner auf eine mir unvergesslich rührende Weise das Versprechen gegeben, mit Willen schlechterdings nichts gegen meine genaue Instruktion zu tun oder merken zu lassen so diktiert ich ihr einige Seiten, welche sie zu meiner grössten Freude mit fremden Zeichen schrieb, da sie unsere Buchstaben nur sehr schlecht zu machen wusste. Aber es kostete immer noch Mühe genug, bis