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das ist ganz in der Art eines schöngeistigen Klubs, das weiss man ja lange. Lassen wir's halt gut sein; werden uns den Prozess nicht machen."

So kamen die beiden in ihrer wohnung an. Teobald, ganz nur in der heimlich entzückten Erinnerung an die Güte der Geliebten schwelgend, liess sich den ärgerlichen Gegenstand wenig anfechten, er freute sich auf die Stille seines Zimmers, wo er ungestört mit seinem Herzen weiterreden konnte. Larkens pfiff wie gewöhnlich, wenn er bei der Nachhausekunft den Schlüssel in die tür steckte, seine fröhliche Arie, und so überliess sich denn jeder sich selber.

Dem Leser aber mag zum Verständnisse des Obigen Folgendes dienen.

Der seit etwa zwei Jahren mit Tod abgegangene König Nikolaus, Vater und Vorfahrer des regierenden, galt bis in sein späteres Alter für einen ausnehmend schönen und auch sonst sehr begabten Mann. Er hatte mit einer ungleich jüngeren Dame aus einem anverwandten Fürstenhause ein zärtliches Verhältnis, das die letztere mit einiger Aufdringlichkeit undso glaubte manaus eigennützigen, politischen Absichten auch dann noch fortzusetzen wusste, als der Monarch für die Reize der Jugend bereits abgestorben sein sollte, oder ihnen auch wirklich schon entsagt hatte. Aber Schwäche des Charakters, oder eine Verbindlichkeit, der er nicht ausweichen konnte, machten ihn gegen die Zauberin nachgiebiger, als wohl seinem Rufe dienlich war. Eine beschwerliche Nervenkrankheit, aber mehr noch die sorge, er genüge als Regent seinem volk nimmer, verbitterte ihm vollends das Leben, er sehnte sich mit einer Ungeduld, deren Ausbrüche oft schauerlich gewesen sein sollen, dem Tod entgegen, und man wollte wissen, dass er einen misslungenen Versuch zum Selbstmorde gemacht. Bekannt genug war die Anekdote, wonach er einst in einem Anfall von Verzweiflung bitter scherzend ausgerufen. "Der Himmel will einen neuen Metusalah aus mir haben, und Viktorie zerrt mich mit Gewalt in die Jünglingsjahre zurück." Diese Worte klangen um so komischer, je mehr man der boshaften Meinung einiger Spötter trauen wollte, dass die schneeweissen Locken Seiner Majestät sich noch immer nicht ungerne von den Rosen der jungen Fürstin schmeicheln liessen. Wie dem auch gewesen sein magunter denjenigen, welchen das Gedächtnis dieses merkwürdigen, früher sehr wohltätigen Regenten höchst ehrwürdig, ja heilig blieb, war auch unser Larkens, und zwar abgesehen von der persönlichen Gunst des Königs gegen ihn als Schauspieler, war Nikolaus in seinen Augen ein grossartiges tragisches Rätsel der Menschennatur, eine mächtige graue Trümmer an dem uralten Königspalast. Geschmäht von dem Geschmacke einer frivolen Zeit, angestaunt von wenigen edleren Geistern, hätte sich die herrliche Säule, wie sie bereits mit halbem leib schon in die Erde eingesunken war, gramvoll lieber vollends unter den Boden verborgen mit ihren für dieses Geschlecht unlesbar gewordenen Chiffern, aber es war anders mit ihr beschlossen, und so konnte oder wollte sie auch den Trost nicht von sich abwehren, dass ein jugendlicher Efeu sich liebevoll an ihr hinanschlinge.

Zu entschuldigen ist es nun, wenn der Freund einen teil jener idee mit frommem Sinne auf ein Gebilde seiner Phantasie übertrug, und gewissermassen eine Apoteose jenes unglücklichen Fürsten liefern wollte, ohne weder zu hoffen noch zu fürchten, dass andere, denen er seinen Versuch vorgeführt, auch nur entfernterweise geneigt sein könnten, irgendeinewürdige oder unwürdigeDeutung zu machen. Es war eine überaus klare und schöne Winternacht. Die Glocke schlug soeben elf. Im Zarlinschen haus war alles schon stille geworden, nur das Schlafzimmer der Gräfin finden wir noch erhellt. Constanze, im weissen Nachtgewande, allein vor einem Tischchen bei dem Bette sitzend, ist beschäftigt, die schönen Haare loszuwickeln, das Ohrgehänge und die schmale Perlschnur abzulegen, die ihrem Halse immer so einfach reizend gestanden. Sie hob die Schnur nachdenklich spielend am kleinen Finger gegen das Licht, und wenn wir recht auf ihrer Stirne lesen, so ist es Teobald, an den sie gegenwärtig denkt. Scheint es doch, als wüsste sie, dass sie ihm diese Gabe verdanke, dass das Geschenk nur vermittelst eines künstlichen Umwegs aus seiner Hand durch eine dritte in die ihre gelangt war! – aber, in der Tat, sie wusste es nicht; und doch wiederholte sie sich heute nicht zum erstenmal jene Worte, die er einst, im Anschaun ihrer Gestalt verloren, gegen sie hatte fallenlassen. "Perlen", sagte er, "haben von jeher etwas eigen Sinnund Gedankenvolles in ihrem Wesen für mich gehabt, und wahrlich, diese hier hängen um diesen Hals, wie eine Reihe verkörperter Gedanken, aus einer trüben Seele hervorgequollen. Ich wollte, dass ich es hätte sein dürfen, der das Glück hatte, Ihnen das Andenken umzuknüpfen. Es liegt ein natürliches unschuldiges Vergnügen darin, zu wissen, dass eine person, die wir verehren, der wir stets nahe sein möchten, irgendeine Kleinigkeit von uns bei sich trage, wodurch unser Bild sich ihr vergegenwärtigen muss. Warum dürfen doch Freunde, warum dürfen entferntere Bekannte sich einander nicht allemal in diesem Sinne beschenken? muss das edlere Gefühl überall der Konvenienz weichen?"

Constanze erinnerte sich gar wohl, wie sie damals errötete, und was sie scherzhaft zur Antwort gab. Ach, seufzte sie jetzt vor sich hin, wüsste er, wie tief ich sein Bild im Innersten des Herzens bewahre, er würde den Geber dieser armen Zierde nicht beneiden.

Unruhig stand sie auf, unruhig trat sie ans Fenster und liess den herrlich erleuchteten Himmel mit aller seiner Ahnung, mit all seiner Hoheit auf ihre Seele wirken. Die Liebe zu jenem