nach etlichen hundert Schritten mit einem Male einen hellgrünen, warmen Frühling zauberhaft aus breiten Glastüren sich entgegenleuchten sah.
Teobald forderte zu einem gang durch die Höhle auf, und die Gräfin, die den Ort noch nicht kannte, nahm nach kurzem Zaudern den Arm ihres Begleiters an. Ein eisernes Geländer, woran man fortlief, leitete sicher an den Wänden hin, und so waren beide mit vorsichtigen Tritten eine Strecke weit gewandert, als Constanze, das Ende des dunkeln Ganges vergeblich erwartend, bereits ängstlich die Umkehr verlangte. Nolten bat dringend, vollends auszuhalten, und überredete sie endlich. Aber in steter Furcht, einen Misstritt zu tun, oder gegen einen Vorsprung des Felsen zu stossen, hielt sich die zarte Frau fest und fester an ihren Führer, und indes beide schweigend und sachte nebeneinander gingen, wie seltsam war es unserem Freunde, so viel Schönheit und Jugend in voller und doch unsichtbarer Gegenwart leis atmend an seiner Seite! Sein Herz pochte gewaltsamer, und wie schon das Wunderbare und Grossartige eines solchen Ortes erhöhend auf die Sinne wirkt, so steigerte sich jetzt seine Phantasie bis zu einer gewissen Feierlichkeit, alles schien ihm etwas Ausserordentliches, etwas Entscheidendes ankündigen zu wollen.
Dies trat auch nur zu bald und auf ganz andere Weise ein, als er sich hätte je vermuten können; denn in dem Augenblick, wo ihm vorne ein dämmernd hereinfallendes Licht den nahen Ausgang verheisst, glaubt er von derselben Seite her eine stimme zu vernehmen, deren wohlbekannter Ton ihn plötzlich starr wie eingewurzelt stehenbleiben macht. Constanze fühlt, wie er zusammenschrickt, wie sein Atem ungestüm sich hebt, wie er mit der Faust gegen die Brust fährt, "Was ist das? um Gottes willen Nolten, was haben Sie?" Er schweigt. "Wird Ihnen nicht wohl? Ich beschwöre, reden Sie doch!"
"Keine Furcht, edle Frau Besorgen Sie nichts – aber ich gehe nicht weiter – keinen Schritt – denken Sie was Sie wollen, nur fragen Sie mich nicht!"
"Nolten!" entgegnete die Gräfin mit Heftigkeit, "was soll der unsinnige Auftritt? kommen Sie! Soll ich mich etwa krank hier frieren? Was haben Sie vor? Den Augenblick verlass ich diesen Ort – werden Sie mir folgen oder geh ich allein? Lassen Sie mich los! ich befehl es Ihnen." – Er hält sie fester. "Nolten! ich rufe laut, wenn Sie beharren!"
"Ja, rufen Sie! rufen Sie ihn herbei – er ist nicht weit von uns – ich habe seine stimme gehört, meines schlimmsten, meines tödlichsten Feindes – Herzog Adolph ist in der Nähe!"
Nun erst schien Constanze zu begreifen; sie stand sprachlos, ohne Bewegung.
"Der Augenblick ist da!" rief Teobald, "ich fühl es, jetzt, oder niemals muss es heraus, das Geheimnis, das seit Monaten an meinem Leben zehrt und frisst, das mich zugrunde richten wird, wenn ich's nicht endlich darf aus der Brust stossen – Constanze! ahnest du es nicht? O dass ich dir ins Auge blicken, dir's von der Stirne lesen könnte, du habest längst erraten!"
"Still, Nolten! schweigen Sie – um meiner Ruhe willen, kein Wort weiter! Kommen Sie vorwärts, dort an das Licht –"
"Dortin? nein, nimmermehr! sein Sie barmherzig – Nicht dass ich mich fürchtete vor ihm, dem Übermütigen – sein Anblick nur ist mir unerträglich – Jetzt, eben jetzt, als hätte die Hölle ihn bestellt, mir jede meiner kurzen Seligkeiten zu vergiften! Ich hass ihn, hass ihn, weil er um deine Liebe schleicht Constanze! Ist's nicht so? kannst du's leugnen? und dürft er hoffen? Er? Gib einen laut! Lass mich's erfahren! Alles weisst du, weisst, was ich leide, mein Herz, mein Verlangen kann dir nicht unbekannt sein; Engel! o himmlischer, gib mir ein Zeichen! Lass mir ein Lispeln, mir einen schwachen Händedruck bekennen, was du im stillen mir zudenkst, was deine Güte schüchtern mir gewähren möchte! glaube mir, ein Gott hat uns hieher geführt, mein Innerstes erst bitter aufgeregt und alles, alles – Hass, Verzweiflung, Angst, die unbegrenzte Wonne deiner Nähe zusammengedrängt hier in diesen verborgenen Winkel, um endlich mein Herz hervorzurufen, mir das Bekenntnis zu entreissen, und auch deine Lippen aufzuschliessen – So sprich denn, o sprich! die Minuten sind kostbar!" Er zog die Zitternde, Verstummte an sich. Ihr Haupt sinkt unwillkürlich an seine Brust, indes ihre Tränen fliessen und sein Kuss auf ihrem Halse brennt. Den Mund in die dichte Lockenfülle drückend, hätte er ersticken mögen vom süss betäubenden Dufte dieser üppigen Haare – der Boden schien sich zu teilen unter den Füssen Constanzens – Erd und Himmel zu taumeln vor ihrem geschlossenen Auge – in eine unendliche Nacht voll seliger Qualen stürzt ihr Gedanke hinab – liebliche Bilder in flammendem Rosenschein, wechselnd mit drohenden, grünaugigen Larven, dringen auf sie ein – aber noch immer halten ihre Kniee sich aufrecht, noch immer entfahrt ihr kein laut, kein Seufzer, nur von einem flüchtigen Schauder zuckt augenblicklich ihr Körper zusammen. Mächtiger, kecker fühlt das herrliche Weib sich umschlungen; da rauscht auf einmal der Tritt eines Menschen unfern von ihnen, jäher Schrecken fasst Teobald an, und eh er noch seitwärts ausbeugen kann, streift schon das Kleid des Vorübergehenden an ihnen hin