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wollen, dächt ich, selbigen zuvorkommen und erst dabei nichts einbüssen. hören Sie meinen Vorschlag: Wir beide ziehen zusammen! sei es nun hier, oder besser an einem anderen Plätzchen, wo sich's fein stille hausen lässt, gerade wie es zweien Leuten ziemt, wovon zum wenigsten der eine der Welt nichts mehr nachfragt, der andere, soviel mir bekannt, von jeher starken Trieb empfunden, mit der Kunst in eine Einsiedelei zu flüchten. Was mich betrifft, ich habe noch wenige Jahre zu leben. Wie glücklich aber, könnt ich das, was etwa noch grün an mir sein mag, auf Sie, mein teurer Neffe, übertragen. Ja schleppen wir unsere Trümmer aus dem Schiffbruch mutig zusammen! Ich will tun, als wär ich auch noch ein Junger. Mit Stolz und Wehmut sei's gesagt, wir sind zwei Stücke eines Baums, den der Blitz in der Mitte gespalten, und ist vielleicht ein schöner Lorbeer zuschanden gegangen. Sie müssen ihn noch retten und ich helfe mit.

sehen Sie, wir gehören ja recht füreinander, als Zwillingsbrüder des Geschicks! Mit dreifachen ehernen Banden haben freundlich-feindselige Götter dies Paar zusammengeschmiedetein seltenes Schauspiel für die Welt, wenn man's ihr gönnen möchte; doch das sei ferne; das Grab soll unsern Gram dereinst nicht besser decken, als wir dies Geheimnis bewahren wollen, nicht wahr? – Aber so kommen Sie! kommen Sie gleich!

Schliesslich noch eine kleine Bitte: dass Sie mir vor den Menschen immerhin den Namen lassen, unter dem Sie zu ** meine arme person haben kennengelernt.

Für Sie aber heiss ich, der ich bin

Ihr treuer Oheim Friedrich Nolten, Hofrat."

Der Präsident wollte in die Erde sinken vor Staunen. Er hatte durch Teobald von diesem Verwandten als dem verstorbenen Vater Elisabets gehört und nuner glaubte zu träumen.

Die beiden Männer sahn sich lange schweigend an und blickten in einen unermesslichen Abgrund des Schicksals hinab.

Der Präsident verweilte sich noch einen Tag und schied sodann mit grosser Rührung. Es war natürlich, dass Nannette den Alten nicht verliess. Später entschlossen sich beide auf unwiderstehliches Bitten des Hofrats, mit diesem in einem dritten Orte einer kleinen Landstadt unfern Neuburg, zusammenzuwohnen. Der Oheim ward fast rasend, als er den Tod des Neffen vernahm und dass nicht wenigstens noch sein Bekenntnis ihn hatte erreichen sollen! Mit grösserer Ruhe empfing er die Nachricht von dem, vielleicht nur wenige Tage vor Teobalds Ende eingetretenen Tod seiner wahnsinnigen Tochter. Man hatte sie, wie der Präsident sogleich bei seiner Heimkunft Meldung tat, etliche Meilen von seinem Gute entseelt auf öffentlicher Strasse gefunden, wo sie ohne Zweifel vor blosser Entkräftung liegen geblieben. – Ihr Vater war von ihrer jammervollen Existenz seit Jahren unterrichtet. Er hatte früher unter der Hand einige Versuche gemacht, sie in einer geordneten Familie unterzubringen; aber sie fing, ihrer gewohnten Freiheit beraubt, wie ehmals ihre Mutter, augenscheinlich zu welken an, sie ergriff zu wiederholten Malen die Flucht mit grosser List und da überdies ihr melancholisches Wesen, mit der Muttermilch eingesogen, durchaus unheilbar schien, so gab man sich zuletzt nicht Mühe mehr, sie einzufangen.

Noch ist nur übrig zu erwähnen, dass Gräfin Armond, seit lange krank und aller Welt abgestorben, jedoch mit Noltens Glück noch bis auf die letzte Zeit, und zwar in Verbindung mit dem Hofrat, insgeheim beschäftigt, jene kläglichen Schicksale nur wenige Monate überlebte.

Fussnoten

1 Sonnenkeileso nannte man drei eigentümlich gegeneinandergestellte steinerne Spitzsäulen, welche durch den Schatten, den sie werfen, den Ureinwohnern als eine Art von Sonnenuhr gedient haben sollen. 2 Die kurze Beschreibung dieser Gegend ist, soviel es möglich war, nach der natur entworfen. Der Punkt, auf welchen man hier ausdrücklich aufmerksam machen will, befindet sich im Württembergischen, im Oberamt Nürtingen, zunächst bei dem Pfarrdorfe Gross-Bettlingen. 3 Möglicher Irrung zuvorzukommen, weil es sich hier um ein bestimmtes Lokal handelt, wird erinnert, dass man dort weder ein solches Denkmal, noch überhaupt diese Sage zu suchen hat, wozu übrigens der wirkliche Name des gedachten Hügels dem Verf. Veranlassung gegeben. 4 Im mund des Bräutigams gedacht. 5 Diese Zeilen finden sich wirklich in einem uralten, wohl längst vergriffenen Andachtsbuch Sie sind unnachahmlich schön; indessen fügen wir, um einiger Leser willen, diese Übersetzung bei:

Dein Liebesfeuer,

Ach Herr! wie teuer

Wolle ich es hegen,

Wollt ich es pflegen

Hab's nicht geheget,

Und nicht gepfleget,

War Eis im Herzen,

– O Höllenschmerzen!