Schatten, ein Mann in dunkelm Kleide, und dieses war Herr Nolten."
"Sonderbarer Mensch!" versetzte der Präsident, "wie magst du denn behaupten, dies gesehen zu haben?"
"Ich kann nichts sagen, als: vor meinen Augen war es licht geworden, ich konnte sehen, und das ist so gewiss, als ich jetzt nicht mehr sehe."
"Jenes Frauenbild" – fragte der Präsident mit List, "verglichst du es jemandem?"
"Damals noch nicht. Erst heute musst ich an die verrückte Fremde denken, ich liess mir sie daher beschreiben und kann die Ähnlichkeit nicht leugnen."
"Herrn Nolten aber, wie konntest du diesen sogleich erkennen?"
"Mein Vater zeigte auf den Boden und nannte dabei den Herrn Maler, da merkt ich erst, dass dieser, welcher vor uns lag, und jener, welcher drüben stand, sich durchaus glichen und einer und derselbe wären."
"Warum brauchst du den Ausdruck Schatten?"
"So deuchte mir's eben; doch liessen sich Gesicht und Miene und Farben der Kleidung wohl unterscheiden. Als beide sich umfassten, sich die arme gaben und so der Tür zu wollten, da bogen sie wie eine Rauchsäule leicht um den hölzernen Pfeiler, der in der Mitte der kammer steht."
"Arm in Arm, sagst du?"
"dicht, dicht aneinandergeschlossen; sie machte den Anfang, er tat's ihr nur wie gezwungen nach und traurig. Hierauf – aber o allmächtiger Gott! wie soll ich, wie kann ich aussprechen, was keine Zunge vermag, was doch niemand glaubt und niemand glauben kann, am wenigsten mir, mir armen Jungen!" Er schöpfte tief Atem und fuhr sodann fort: "Sie schlüpften unhörbar über die Schwelle, er glitt über sein Ebenbild hin, gleichgültig, als kennt er es nicht mehr. Da wirft er auf einmal sein Auge auf mich, o ein Auge voll Elend! und doch so ein scharfer, durchbohrender blick! und zögert im gehen, schaut immer auf mich und bewegt die Lippen, wie kraftlos zur Rede – da hielt ich's nimmer aus und weiss auch von hier an nichts weiter zu sagen."
Der Präsident verschonte den jungen Menschen mit jeder weitern Frage, beruhigte ihn und empfahl endlich Vater und Sohn, die Sache bei sich zu behalten, indem er zu verstehen gab, dass er nichts weiter als eine ungeheure Selbsttäuschung darunter denke. Der alte Gärtner aber schien sehr ernst und mass selbst seinem Herrn im inneren eine andre Meinung bei, als ihm nun eben zu äussern beliebe. Nachdem die beiden Leichen auf dem katolischen Gottesacker des nächsten Städtchens, jedoch mit Zuziehung eines protestantischen Geistlichen, zur Erde bestattet worden, traf der edelmütige Mann, durch den es vornehmlich gelang, diese letzte Pflicht mit allem wünschenswerten Anstande und unter einem ansehnlichen Geleite vollzogen zu sehen, ungesäumt Anstalt, der Freundschaft und der Menschenliebe ein neues Opfer zu bringen. Weder konnte er zugeben, dass die arme überbliebene Schwester des Malers sich einer so traurigen Heimreise, als ihr jetzt bevorstand, allein unterziehe, noch sollte der Förster den Verlust seiner Kinder auf andere Weise, als aus dem mund des Gastfreundes vernehmen, dessen Haus der unschuldige Schauplatz so schwerer Verhängnisse ward.
Bald sass daher der Präsident mit Nannetten und Margot im Wagen. übrigens war es bei ihm schon im stillen beschlossene Sache, das Mädchen, wenn es ihr und den Ihrigen gefiele, wieder zurückzunehmen und für ihr künftiges Glück zu sorgen. Der Gedanke war eigentlich von Margot ausgegangen und kaum entielt sie sich, Nannetten nicht schon unterwegs die Einwilligung abzudringen.
Der Schmerz des Alten in Neuburg übersteigt allen Ausdruck; doch verfehlte die Persönlichkeit des hohen Gastes ihre gute wirkung nicht. Noch in der Anwesenheit des Präsidenten kam ein Brief des Hofrats im Forstause an, mit der Überschrift an Nolten und mit der ausdrücklichen Bitte um schleunigste Beförderung. Der Förster erbrach ihn, las und reichte das Blatt mit stummer Verwunderung dem Präsidenten. Der Brief lautete folgendermassen: "Soeben erfahre durch Freundeshand den grausamen Verlust, der Sie mit dem tod einer geliebten Braut betroffen. Auch die näheren Umstände und was alles dazu mitgewirkt, weiss ich. Ihr Unglück, welches mit dem meinigen so nah zusammenfällt, ja recht vom Unglücksstamme meines Daseins ausging, erschüttert mich und zwingt mich zu reden.
Wie oft, als Sie noch bei uns waren, hat mir das Herz gebrannt, Ihnen um den Hals zu fallen! Wie presste, peinigte mich mein Geheimnis! Aber – wie soll man es heissen – Furcht, Grille, Scham, Feigheit – ich konnte nicht, verschob die Entdeckung von Tag zu Tag, mich schauderte davor, in Ihnen, in dem Sohne eines Bruders, mein zweites Ich, meine ganze Vergangenheit wiederzufinden, dies Labyrint, wenn auch nur im Gespräch, in der Erinnerung, aufs neue zu durchlaufen!
Seit Ihrem Abgang war ich für solchen Eigensinn, Gott sei mein Zeuge, recht gestraft mit einer wunderbaren sehnsucht nach Ihnen, Wertester! Nun aber vollends dürstet mich nach Ihrem Anblick innig, wir haben einander sehr, sehr viel zu sagen. Meine Gedanken stehen übrigens so: Zu einer so gemessnen Tätigkeit, als Sie in W* erwarten würde, dürfte Ihnen der Mut jetzt wohl fehlen, um so leichter werden Sie es daher verschmerzen, dass dort, wie mir geschrieben wird, gewisse Leute, auf Ihr Zögern, bereits geschäftig sind, Sie auszustechen. Wir