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hinwenden soll. Er horcht und horcht, undabermals dieselben unbegreiflichen Töne! Leis auf den Socken, den Schlafrock umgeworfen, geht er vor seine Tür, und schleicht, mit den Händen an der Wand forttastend, den finstern gang hin, bis in die Nähe des Zimmers, wo sich der Gärtner und Henni befinden. Er ruft um Licht, der Gärtner eilt heraus, verwundert, den Maler zu dieser Stunde hier zu sehen. Da nun weder Vater noch Sohn irgend etwas anderes gehört haben wollen, als das wechselnde Pfeifen des Windes, welcher auf dieser Seite heftiger gegen das Haus herstiess, so entfernte sich Nolten, scheinbar beruhigt, mit Licht, gab übrigens nicht zu, dass man ihn zurückbegleitete.

Keine volle Minute verging, so vernahm der Alte und Henni vollkommen deutlich die oben beschriebenen Töne und gleich darauf einen starken Fall samt einem lauten Aufschrei.

Kaum sind sie vor die alte Kapelle gelangt kaum sah der Gärtner drei Schritte vor sich den Maler der Länge nach unter der offenstehenden Tür ohne Lebenszeichen liegen, so ruft schon Henni, sich angstvoll an den Vater klammernd und ihn nicht weiter lassend "Halt, Vater, halt! um Gottes willen seht Ihr nichtdort in der kammer –"

"Was?" ruft der Alte ungeduldig, da ihn der Knabe aufhält, "so lass mich doch! Hier, vor uns liegt, was mich erschrecktder Maler, leblos am Boden!"

"Dort aberdort steht er ja auch und – o seht Ihr, noch jemand –"

"Bist du von Sinnen? du bist blind! was ist mit dir?"

"So wahr Gott lebt, ich sehe!" versetzte der Knabe mit leiser, von Angst erstickter stimme und deutet fortwährend nach der Tiefe der kammer, auf die Orgel, wo für den Gärtner nichts zu sehen ist; dieser will nur immer dem Maler beispringen, über welchen Henni weit wegschaut. "Vater! jetztjetztsie schleichen auf uns zuSchrecklich! o flieht –" Hier versagt ihm die Sprache, er hängt ohnmächtig dem Alten im Arm, der jetzt ein verzweifeltes Notgeschrei erhebt. Von allentalben ruft es und rennt es herbei, der Hausherr selbst erscheint mit den ersten und schon ist der Wundarzt zur Hand, der diese letzten Tage das Schloss nicht verliess; er läuft von Nolten zu Henni, von Henni zu Nolten. Beide trägt man hinauf, ein jedes will helfen, mit raten, mit ansehn, man hindert, tritt und stösst einander, der Präsident entfernt daher alles bis auf wenige Personen. Ein Reitender sprengt nach der Stadt, den zweiten Arzt zu holen, indes der gegenwärtige, ein ruhiger, tüchtiger Mann, fortfährt, das Nötige mit Einreibung und warmen Tüchern nach der Ordnung zu tun; schon füllte schauerlicher Duft der stärksten Mittel das Zimmer. Mit Henni hat es keine Gefahr, obgleich ihm die volle Besinnung noch ausbleibt. An Nolten muss nach stundenlanger Anstrengung, so Kunst wie Hoffnung erliegen. Bescheiden äusserte der Wundarzt seinen Zweifel und als endlich der Medikus ankam, erklärte dieser auf den dritten blick, dass keine Spur von Leben hier mehr zu suchen sei. Hatte Agnesens Krankheit und Tod überall in der Gegend das grösste Aufsehn und die lebhafteste Teilnahme erregt, so machte dieser neue Trauerfall einen wahrhaft panischen Eindruck auf die Gemüter der Menschen, zumal bis jetzt noch kein hinreichender Erklärungsgrund am Tage lag. Da indes doch irgendein heftiger Schrecken die tödliche Ursache gewesen sein muss, so lag allerdings bei der von Kummer und Verzweiflung erschöpften natur des Malers die Annahme sehr nahe, dass hier die Einbildung, wie man mehr Beispiele hat, ihr Äusserstes getan. Dieser Meinung waren die Ärzte, sowie der Präsident. Doch fehlte es im schloss, je nachdem man auf gewisse Umstände einen ängstlichern Wert legen wollte, auch nicht an andern Vermutungen, die, anfänglich nur leise angedeutet, von den Vernünftigen belächelt oder streng verwiesen, in kurzem gleichwohl mehr Beachtung und endlich stillschweigenden Glauben fanden.

Der Schwester liess sich das Unglück nicht lange verbergen; es warf sie nieder als wär es ihr eigener Tod. Margot hielt treulich bei ihr aus, doch freilich blieb hier wenig oder nichts zu trösten.

Henni befindet sich, zum wenigsten äusserlich, wieder wohl. Er scheint über einem ungeheuern Eindruck zu brüten, dessen er nicht Herr werden kann. Ein regungsloses Vor-sich-Hinstaunen verschlingt den eigentlichen Schmerz bei ihm. Er weiss sich nicht zu helfen vor Ungeduld, sobald man ihn über sein gestriges Benehmen befragt; er flieht die Gesellschaft, aber sogleich scheucht ihn eine Angst in die Nähe der Seinen zurück.

Der Präsident, in Hoffnung irgendeines neuen Aufschlusses über die traurige Begebenheit, befiehlt dem Knaben in Beisein des Gärtners, zu reden. Auch dann noch immer zaudernd und mit einer Art von trotzigem Unwillen, der an dem sanften Menschen auffiel, gab Henni, erst mit dürren Worten, dann aber in immer steigender Bewegung, ein seltsames Bekenntnis, das den Präsidenten in sichtbare Verlegenheit setzte, wie er es aufzunehmen habe.

"Als ich", sprach nämlich der Befragte, "gestern nacht mit meinem Vater auf den Lärm, den wir im untern Hausflur hörten, nach der Kapelle liefdie Tür stand offen, und die Laterne aussen auf dem gang warf einen hellen Schein in die kammersah ich tief hinten bei der Orgel eine Frau, wie einen Schatten, stehen, ihr gegenüber in kleiner Entfernung stand ein zweiter