Präsident stellte die Mutmassung auf, dass Agnes irgendeinen Weg nach ihrer Heimat eingeschlagen und, je nachdem sie zeitig genug sich von hier weggemacht hätte, bereits einen bedeutenden Vorsprung gewonnen haben dürfte, ehe die Späher ausgegangen; für ihr Leben zu fürchten, sei kein Grund vorhanden, es stünde vielmehr zu erwarten, dass sie unterwegs als verdächtig aufgegriffen und öffentlich Anstalt würde getroffen werden, sie in ihren Geburtsort zu bringen. Nannette dachte sich in diesem Fall die Ankunft der Unglücklichen im väterlichen haus beinahe schrecklicher als alles; und doch, wenn man sie nur übrigens wohlbehalten den Armen des Vaters überliefert denken durfte, so liess sich ja von hier an wieder neue Hoffnung schöpfen. Allein mit welchem Herzen musste man der Rückkehr des Malers entgegensehen, wenn sich bis dahin nichts entschieden haben sollte! – Margot hielt die Vermutung nicht zurück, dass die Zigeunerin auch diesmal die verderbliche Hand mit im Spiele habe. Dies alles sprach und wog man hin und her, bis keine Möglichkeit mehr übrig zu sein schien, das Schlimmste aber getraute man sich kaum zu denken, geschweige auszusprechen. Zuletzt entstand eine düstere Stille. In den verschiedenen Zimmern brannte hie und da eine vergessene Kerze mit mattem Scheine; die Zimmer stellten selbst ein Bild der Angst und Zerstörung dar, denn alle Dinge lagen und standen, wie man sie gestern morgen im ersten Schrecken liegen lassen, unordentlich umher. Die Schlossuhr liess von Zeit zu Zeit ihren weinerlichen Klang vernehmen, von den Anlagen her schlug eine Nachtigall in vollen, herrlichen Tönen.
Auf ein Zeichen des Präsidenten erhob man sich endlich, zu Bette zu gehen. Ein teil der Dienerschaft blieb wach.
Gegen drei Uhr des Morgens, da eben der Tag zu grauen begann, gaben im hof die Hunde laut, verstummten jedoch sogleich wieder. Margot öffnet indes ihr Fenster und sieht in der blassen Dämmerung eine Anzahl Männer, darunter den Gärtner und seinen Sohn, mit halb erloschenen Laternen am Schlosstor stehen, welches nur angelehnt war und sich leise auftat. Eine plötzliche Ahnung durchschneidet dem fräulein das Herz und laut aufschreiend wirft sie das Fenster zu, denn ihr schien, als wären zwei jener Leute bemüht, einen entsetzlichen Fund ins Haus zu tragen. Gleich darauf hört sie die Glocke vom Schlafzimmer ihres Vaters. Alles stürzt, nur halb angekleidet, von allen Ecken und Enden herbei.
Die Verlorene war wirklich aufgefunden worden, doch leider tot und ohne Rettung. Vor einer Stunde wurde der Körper nach langen mühsamen Versuchen aus jenem Brunnen im wald gezogen. Es hatte sich der Gärtner, von seinem Sohne auf diesen Platz aufmerksam gemacht, noch spät in der Nacht dortin begeben, und ein aufgefundener Handschuh bestätigte sogleich die Vermutung. Alsbald war der Alte ins nächste Städtchen geeilt, um Mannschaft mit Werkzeugen, Strickleiter und Haken, sowie einen Wundarzt herbeizuholen.
Der Leichnam war, ausser den völlig durchnässten und zerrissenen Kleidern, nur wenig verletzt; das schneeweisse Gesicht um welches die nassen Haare verworren hingen, sah sich noch jetzt vollkommen gleich; der halbgeöffnete Mund schien schmerzlich zu lächeln; die Augen fest geschlossen. Offenbar war sie, mit dem kopf vorwärts stürzend, ertrunken; nur eine leichte Wunde entdeckte man rechts über den Schläfen. Bemerkenswert ist noch, dass sie in Larkens' grüner Jacke, woran man sie gestern eine Kleinigkeit, jedoch sehr emsig und wichtig, hatte verändern sehen, den Tod gefunden.
Der Wundarzt machte zum Überfluss noch den einen und andern vergeblichen Versuch. Vom grenzenlosen Jammer der sämtlichen Umstehenden sagen wir nichts. Nach Nolten hatte man ausgesendet, doch traf ihn weder Bote noch Brief. Den zweiten Tag nach dem tod der Braut erschien er unvermutet von einer andern Seite her. Sein ganzes Eintreten, das sonderbar Gehaltene, matt Resignierte in seiner Miene, seinem Gruss war von der Art, dass er, was vorgefallen, entweder schon zu wissen oder zu vermuten, aber nicht näher hören zu wollen schien. Sonach war denn auch andrerseits der Empfang beklommen, einsilbig. Nannette, die bei der ersten Begrüssung nicht gleich zugegen gewesen, stürzt, da sie des Bruders ansichtig wird, mit lautem Geschrei auf ihn zu. Sein Anblick war nicht nur im höchsten Grade mitleidswert, sondern wirklich zum Erschrecken. Er sah verwildert, sonnverbrannt und um viele Jahre älter aus. Sein lebloser gläserner blick verriet nicht sowohl einen gewaltigen Schmerz, als vielmehr eine schläfrige Übersättigung von langen Leiden. Das Unglück, das die andern noch als ein gegenwärtiges in seiner ganzen Stärke fühlten, schien, wenn man ihn ansah, ein längst vergangenes zu sein. Er sprach nur gezwungen und zeigte eine blöde seltsame Verlegenheit in allem, was er tat. Er hatte sich, wie man nur nach und nach von ihm erfuhr, während der letzten sechs Tage verschiedenen Streifereien in unbekannten Gegenden überlassen, zwecklos und einsam nur seinem Grame lebend; kaum dass er's über sich vermocht, einmal nach Neuburg zu schreiben.
Indem nun von Agnesen noch immer nicht bestimmt die Rede wurde und man durchaus nicht wusste, wie man deshalb bei Nolten sich zu benehmen habe, so wurde jedermann nicht wenig überrascht, als er mit aller Gelassenheit die Frage stellte: auf wann die Beerdigung festgesetzt sei, und wohin man diesfalls gedenke? – Mit gleicher Ruhe fand er hierauf von selbst den Weg zum Zimmer, wo die Tote lag. Er verweilte allein und lange daselbst. Erst diese Anschauung gab ihm das ganze, deutliche Gefühl seines Verlustes, er weinte heftig, als er zu den andern auf den Saal zurückkam