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Mir kam gestern so der Gedanke, weil der Nolten doch gar zu lange ausbleibt, gib acht, er hat mich aufgegeben! Und, recht beim Licht besehn, es ist ihm nicht sehr zu verdenken; was tät er mit der Törin? er hätte seine liebe Not im haus. Und überdies, o Henniwelk, welk, welk, es geht zum Welken! Siehst du, wie es nun gut ist, dass noch die Hochzeit nicht war; ich dachte wohl immer so was. Nun mag es enden wann es will mir ist doch mein Mädchenkranz sicher, ich nehm ihn ins GrabUnter uns gesagt, Junge, ich habe mir immer gewünscht, so und nicht anders in Himmel zu kommen. Aber den Ring muss ich erst haben, ich muss ihn vorweisen können."

Noch eines freundlichen und frommen Auftritts soll hier gedacht werden, zumal es das letzte ist, was wir von des Mädchens traurigem Leben zu erzählen haben.

Nannette kam einsmals in aller Eile herbeigesprungen und ersuchte das fräulein und deren Vater, ihr in ein Zimmer des untern Stocks herab zu folgen, um an der angelehnten tür der alten kammer, wo die Orgel stand, einen Augenblick Zeuge der musikalischen Unterhaltung Hennis und Agnesens zu sein. So gingen sie zu dreien leise an den bezeichneten Ort und belauschten einen überaus rührenden Gesang, in welchen die Orgel ihre Flötentöne schmolz. Bald herrschte des Knaben und bald des Mädchens stimme vor. Es schien alt-katolische Musik zu sein. Ganz wundersam ergreifend waren besonders die kraftvollen Strophen eines lateinischen Bussliedes aus E-dur. Hier steht nur der Anfang.

Jesu, benigne!

A cuius igne

Opto flagrare,

Et te amare; –

Cur non flagravi?

Cur non amavi

Te, Jesu Christe?

– O frigus triste!5

Es folgten noch zwei dergleichen Verse, worauf Henni sich in ein langes Nachspiel vertiefte, dann aber in ein anderes Lied überging, welches die ähnlichen Empfindungen ausdrückte. Agnes sang dies allein und der Knabe spielte.

Eine Liebe kenn ich, die ist treu,

War getreu, seitdem ich sie gefunden,

Hat mit tiefem Seufzen immer neu,

Stets versöhnlich, sich mit mir verbunden.

Welcher einst mit himmlischem Gedulden

Bitter bittern Todestropfen trank,

Hing am Kreuz und büsste mein Verschulden,

Bis es in ein Meer von Gnade sank.

Und was ist's, dass ich doch traurig bin?

Dass ich angstvoll mich am Boden winde?

Frage: Hüter, ist die Nacht bald hin?

Und: was rettet mich von Tod und Sünde?

Arges herz! ja gesteh' es nur,

Du hast wieder böse Lust empfangen;

Frommer Liebe, alter Treue Spur

Ach, das ist auf lange nun vergangen!

Darum ist's auch, dass ich traurig bin,

Dass ich angstvoll mich am Boden winde

Hüter! Hüter! ist die Nacht bald hin?

Und was rettet mich von Tod und Sünde?

Bei den letzten Worten fiel Margot Nannetten mit heissen Tränen um den Hals. Der Präsident ging leise ab und zu. Noch immer klang die Orgel alleine fort, als könnte sie im Wohllaut unendlicher Schmerzen zu keinem Schlusse mehr kommen. Endlich blieb alles still. Die tür ging auf, ein artiges Mädchen, Hennis kleine Schwester, welche die Bälge gezogen, kam auf den Zehen geschlichen heraus, entfernte sich bescheiden und liess die tür hinter sich offen. Nun aber hatte man ein wahres Friedensbild vor Augen. Der blinde Knabe nämlich sass, gedankenvoll in sich gebückt, vor der offnen Tastatur, Agnes, leicht eingeschlafen, auf dem Boden neben ihm, den Kopf an sein Knie gelehnt, ein Notenblatt auf ihrem Schosse. Die Abendsonne brach durch die bestäubten Fensterscheiben und übergoss die ruhende Gruppe mit goldenem Licht. Das grosse Kruzifix an der Wand sah mitleidsvoll auf sie herab.

Nachdem die Freunde eine Zeitlang in stiller Betrachtung gestanden, traten sie schweigend zurück und lehnten die tür sacht an. Am folgenden Morgen ward Agnes vermisst. Nannette hatte beim Aufstehn ihr Bette leer gefunden und voller Schrecken sogleich Lärm gemacht. Niemand begriff im ersten Augenblick, wie sie nur irgend aus dem Schlafzimmer entkommen können, da man dasselbe aus verschiedenen Gründen seit einiger Zeit von dem untern Stock in den obern verlegt hatte, die Türen nachts sorgfältig geschlossen, auch wirklich am Morgen noch verschlossen gefunden wurden. Aber vor einem Seitenfenster, das neben dem Belvedere hinausführte, entdeckte man zwischen den Bäumen eine hohe Leiter, welche der Gartenknecht, nach seinem eigenen Geständnis, gestern abends angelegt, weil Agnes durchaus ein altes Vogelnest verlangt habe, das oben aus einer der Lücken im steinernen Fries hervorgesehen. nachher war die Leiter vergessen worden, was ohne Zweifel die Absicht des Mädchens gewesen.

Der Vormittag verflog unter den angestrengtesten Nachforschungen, unter endlosem Hin- und Herraten, fragen, Boten-Aussenden undEmpfangen. Innerhalb des Schlossbezirks war bereits alles um- und umgekehrt. Es wurde Abend und noch erschien von keiner Seite die mindeste Nachricht, der mindeste Trost. Eine falsche Spur, wozu die irrige Aussage eines Feldhüters Veranlassung gegeben, machte überdies den grössten Aufentalt.

Die Sonne war seit zwei Stunden untergegangen und noch blieb alles Laufen und Schicken fruchtlos; die Freunde kamen ausser sich. Nach Mitternacht kehrten die letzten fackeln zurück, nur der alte Gärtner und selbst der blinde Henni waren noch immer aussen, so dass man endlich um diese besorgt zu werden anfing. Niemand im schloss dachte daran, sich schlafen zu legen. Der