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; der Maler liegt, eh er sich's selbst versieht, an ihrem Halse und saugt von ihren Lippen eine Glut, die von der Angst des Moments eine schaudernde Würze erhält; der Wahnsinn funkelt frohlockend aus ihren Augen, Verzweiflung presst dem Freunde das himmlische Gut, eh sich's ihm ganz entfremde, noch einmalja er fühlt's, zum letztenmal, in die zitternden arme.

Aber Agnes fängt schon an unruhig zu werden, sich seinen Küssen leise zu entziehen, sie hebt ängstlich den Kopf in die Höhe: "Was flüstert denn bei dir? was spricht aus dir? ich höre zweierlei Stimmenhülfe! zu hülfe! du tückischer Satan, hinweg –! Wie bin ich, wie bin ich betrogen! – O nun ist alles, alles mit mir aus. – Der Lügner wird hingehn, mich zu beschimpfen bei meinem Geliebten, als wär ich kein ehrliches Mädchen, als hätt ich mit Wissen und Willen dies Scheusal geküsst – O Teobald! wärest du hier, dass ich dir alles sagte! Du weisst nicht, wie's die Schlangen machten! und dass man mir den Kopf verrückte, mir, deinem unerfahrnen, armen, verlassenen Kind!" Sie kniete aufrecht im Bette, weinte bitterlich und ihre losgegangenen Haare bedeckten ihr die glühende Wange. Nolten ertrug den Anblick nicht, er eilte weinend hinaus: "Ja lache nur in deine Faust und geh und mach dich lustig mit den andernes wird nicht allzu lange mehr so dauern, denn es ist gottvergessen und die Engel im Himmel erbarmt's, wie ihr ein krankes Mädchen quält!"

Die Schwägerin kam und setzte sich zu ihr, sie beteten; so ward sie ruhiger.

"Nicht wahr?" sprach sie nachher, "ein selig Ende, das ist's doch, was sich zuletzt ein jeder wünscht; einen leichten Tod, recht sanft, nur so wie eines Knaben Knie sich beugt; wie komm ich zu dem Ausdruck? ich denke an den Henni; mit diesem müsste sich gut sterben lassen."

In diesem Ton sprach sie eine Weile fort, vergass sich nach und nach, ward munterer, endlich gar scherzhaft, und zwar so, dass Nannetten dieser Sprung missfiel. Agnes bemerkte es, schien wirklich durch sich selbst überrascht und beschämt, und sie entschuldigte alsbald ihr Benehmen auf eine Art, welche genugsam zeigt, wie klar sie sich auf Augenblicke war: "Siehst du", sagte sie mit dem holdesten Lächeln der Wehmut, "ich bin nur eben wie das Schiff, das leck an einer Sandbank hängt und dem nicht mehr zu helfen ist; das mag nun wohl sehr kläglich sein, was kann aber das arme Schiff dafür, wenn mittlerweile noch die roten Wimpel oben ihr Schelmenspiel im Wind forttreiben, als wäre nichts geschehn? Lass gehen wie es gehen kann. Wenn erst Gras auf mir wächst, hat's damit auch ein Ende." Der Maler verliess den folgenden Tag in aller Frühe das Schloss: der Präsident selbst hatte dazu geraten und ihm eines seiner Pferde geliehen. Es war vorderhand nur um einen Versuch mit einigen Tagen zu tun, wie das Mädchen sich anliesse, wenn Teobald ihr aus den Augen wäre. Er selbst schien bei seiner Abreise noch unentschlossen, wohin er sich wende. Auf alle Fälle ward ein dritter Ort bestimmt, um zur Not Botschaft für ihn hinterlegen zu können. Von W* war nicht die Rede noch kürzlich hatte er dortin um Frist geschrieben, im Herzen übrigens gleichgültig, ob sie ihm gewährt würde oder die ganze Sache sich zerschlüge.

Die grössere Ruhe, die man bei Agnes, seit der Gegenstand ihrer Furcht verschwunden ist, alsbald wahrnehmen kann, wird nach und nach zur stillen Schwermut, ihre Geschwätzigkeit nimmt ab, sie ist sich ihres Übels zuzeiten bewusst und der kleinste Zufall, der sie daran erinnert, ein Wort, ein blick von seiten ihrer Umgebung kann sie empfindlich kränken. Auffallend ist in dieser Hinsicht folgender Zug. Der Präsident, oder Margot vielmehr, besass ein grosses Windspiel, dem man, seiner ausgezeichneten Schönheit wegen, den Namen Merveille gegeben. Der Hund erzeigte sich Agnesen früher nicht abgeneigt, seit einiger Zeit aber floh er sie offenbar, verkroch sich ordentlich vor ihr. Ohne Zweifel hatte diese Scheu einen sehr natürlichen Grund, Agnes mochte ihn unwissentlich geärgert habengenug, sie selber schien zu glauben, es fühle das Tier das Unheimliche ihrer Nähe. Sie schmeichelte dem Hund auf alle Weise, ja gar mit Tränen, und liess zuletzt, da nichts verfangen wollte, betrübt und ärgerlich von ihm ab, ohne ihn weiter ansehn zu wollen.

Seit kurzem bemerkte man, dass sie ihren Trauring nicht mehr trug. Als man sie um die Ursache fragte, gab sie zur Antwort: "Meine Mutter hat ihn genommen." "Deine Mutter ist aber tot, willst du sie denn gesehen haben?" "Nein; dennoch weiss ich, sie hat den Ring mit fort; ich kenne den Platz, wo er liegt, und ich muss ihn selbst dort abholen. O wäre das schon überstanden! Es ist ein ängstlicher Ort, aber einer frommen Braut kann er nichts anhaben; ein schöner Engel wird da stehen, wird fragen, was ich suche, und mir's einhändigen. Auch sagt er mir sogleich, wo mein Geliebter ist und wann er kommt."

Ein andermal liess sie gegen Henni die Worte fallen: "