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gebraucht, eine Zierde auffällt, die ihm völlig fremd ist; die rote Blüte einer Granate, der natur täuschend nachgemacht. Das Blut steigt ihm in die Wange, eine plötzliche Ahnung schiesst ihm durch den Kopf – "von ihr! von ihr! o sicherlich von dir, Constanze!" rief er aus. "Die Liebe deutet mir das rätselhafte Wort, das du vor wenig Tagen, halb Scherz, halb Ernst, gegen mich hast fallenlassen. Die Blüte der Granatewar's nicht so? Ja, so war's! Und nun heute nachtstutzte mein Auge nicht mehr als einmal an der Blumen austeilenden Gärtnerin und ihrem kleinen Diener? So ist sie's doch gewesen! gewiss, der Junge hat mir's angesteckt, wie ich verdriesslich in jenem Fenster sass. Sie muss ihm den Wink gegeben haben. So erkannte sie mich doch. Du Engel! Engel! Und du, mein seliges Herz! ja hoffe nur und hoffe kühn! das ist ein teures, unschätzbares Merkzeichen. Mir beginnt ein neues Leben! Herauf, du schläfriger Morgen! O warum stürzt die Sonne sich nicht prächtig und entzückt mit einemmal über den schattenden Berg, da mich ein Wunder glücklich macht? Du grauer Tag, wie blickst du seltsam in die glühende Blätterkrone dieses geborstenen Kelchs! Lieber, grauer Tag, wahrsage mir nicht Schlimmes mit dieser gelassenen Miene! und willst du neidisch sein, so wiss es nur und ärgre dichsie liebt mich! Mich! Ja, siemich!" Indessen hatte Larkens das ihm übergebene Briefchen Agnesens geöffnet und gelesen, es war ein einfacher Gruss, wobei sie Teobalden aufs lebhafteste dankt für sein letztes Schreiben, welches jedoch, die Wahrheit zu sagen, von ganz anderer Hand, und, wie so manche frühere Sendung, bloss unterschoben war.

"Du bittest mich", sagte Larkens nach einer Pause gerührten Nachdenkens vor sich hin, "du bittest mich, armer Freund, ich soll das Blättchen bei mir vergraben, soll den Knoten zerhauen, soll deine ganze verleidete Sache über Hals und Kopf der Vergessenheit überliefern, und so alles mit einem Male gutmachen. Ich will gutmachen, aber auf ganz andere Art als du denkst, und Gott sei Dank, dass mir nicht jetzt erst einfällt, diese sorge auf mich zu nehmen. Wie preis ich den Genius, der mir gleich anfangs das Mittel eingab, dem guten kind deinen Wankelmut zu verbergen, ihm durch eine leichte Täuschung allen Schmerz, alle Angst zu ersparen, und, wenigstens solange sich noch Heilung für den Verblendeten hoffen lässt, das holde geschöpf im schönen Traum seiner Liebe zu lassen. Aus einem Verhältnisse zu der Gräfin kann offenbar nichts werden, tausend Umstände sind dagegen; Constanze selber, wie ich sie kenne, hat nicht den entfernten Gedanken an so etwas, kann ihn gar nicht haben. Teobald wird müssen seiner leidenschaft entsagen lernen, ich sehe alles voraus, es wird tief bei ihm einschneidenschad't nichts, das soll mir ihn zu sich selbst bringen, soll mir ihn weich machen für Agnes; er wird dem Himmel danken, wenn ihm das weggeworfene Kleinod erhalten blieb. Für jetzt wär's Unsinn, ihm die Gräfin gewaltsam vom Herzen reissen zu wollen; ich hoffe, es ist nur ein Übergang, und ich müsst ihn schlecht kennen, oder es kann ihm in die Länge selbst nicht schmecken. Auf jeden Fall lässt er mich ja an allem teilnehmen, was etwa mit ihm und Constanzen vorgeht, und Larkens ist bei der Hand, wenn Feuer im Dach auskommen sollte; überdies will ich meinen Leuten so genau aufpassen, dass mir nichts in die Quere laufen soll. Das erste ist nun, ich muss wissen, was an dem Märchen mit Agnes ist; gewiss irgendeine verleumderische Teufelei, und mein vortrefflichster Nolten hat in der blinden Hitze einmal wieder danebengeschossen; ich lasse mich rädern, das ist's. – Hm! freilich, hätt ich nur ein einzig Mal das Mädel mit diesen meinen Augen gesehen! aber so, was bürgt mir für sie? Man hat Beispiele, dass so ein Engelchen auch einmal einen schlechten Streich macht, oder, was bei ihnen geradesoviel ist, einen dummen. Nein, zum Henker, ich kann's wieder nicht denken! Sind mir ihre Briefe nicht Zeugnis genug? So schreibt doch wahrlich keine Galgenfeder! Und gesetzt, sie hätt einmal ein paar Tage einen Wurm im Kopf gehabt und ein bissel nebenaus geschielt, etwas Gift mag so was immer ansetzen beim Liebhaber, doch im ganzen was tut's? Ein verdammter Egoismus, dass wir Männer uns alles lieber verzeihen, als so einem lieben Närrchen; eben als hätten wir allein das Privilegium, uns zuweilen vom Leibhaftigen den Pelz ein wenig streicheln zu lassen, ohne ihn just zu verbrennen. Wetter! diese frommen Hexchen haben so gut Fleisch und Blut wie unsereiner, und der nächste blick auf die person des Alleinzigen wirft den Hundertstels-Gedanken von Untreue und das gewagteste Luftschloss wieder übern Haufen; dann gibt es nichts pikanter Wollüstiges für so eine süsse Krabbe, als die Tränchen, womit sie gleich drauf die Verirrung ihrer Phantasie am bärtigen Halse des Liebsten unter tausend Küssen stillschweigend abbüsset. Aber auch nicht einmal dieser leichten Seitensprünge halt ich Agnesen fähig; wenigstens wär mir leid um das goldreine Christengelsbild, das ich mir so nach und nach von dem Mädchen konstruierte. Mord und Tod! dass man