getröstet werden. Zum drittenmal machte er die weite Wallfahrt, und gücklich kommt er ans Ziel. Aber leider trifft er hier alles nur eben wie er's verlassen. Mit Wehmut erkennt er die nackte Stelle, wo er den Stock entwurzelt hatte. Kein Wunder will erscheinen, kein Gebet hilft ihm zu einer fröhlichen Gewissheit. In solcher Not und Hoffnungslosigkeit überfiel ihn die Nacht, als er noch immer auf dem Felsen hingestreckt lag, welcher sich über die Kluft herbückte. In Gedanken sah er so hinunter in die Finsternis und überlegte, wie er mit anbrechendem Morgen in Gottes Namen wieder wandern und seiner Liebsten ein Abschiedsschreiben schicken wolle. Auf einmal bemerkt er, dass es tief unten auf dem ruhigen Spiegel des Wassers als wie ein Gold- und Rosenschimmer zuckt und flimmt. Anfänglich traut er seinen Augen nicht, allein von Zeit zu Zeit kommt der liebliche Schein wieder. Ein frohes Ahnen geht ihm auf. Wie der Tag kommt, klimmt er die Felsen hinab, und siehe da! der weggeworfene Rosenstock hatte zwischen dem Gestein, kaum eine Spanne überm wasser, Wurzel geschlagen und blühte gar herrlich. Behutsam macht Alexis ihn los, bringt ihn ans Tageslicht herauf und findet an derselben Stelle, wo er vor zweien Jahren den Reif angesteckt, ringsum eine frische Rinde darüber gequollen, die ihn so dicht einschloss, dass kaum durch eine winzige Ritze das helle Gold herausglänzte. Noch voriges Jahr müsste Alexis den Ring, wäre er nicht so übereilt und sein Vertrauen zu Gott grösser gewesen, weit leichter entdeckt haben. Wie dankbar warf er nun sich im Gebet zur Erde! Mit welchen Tränen küsste er den Stock, der ausser vielen aufgegangenen Rosen noch eine Menge Knospen zeigte. Gerne hätte er ihn mitgenommen, allein er glaubte ihn dem heiligen Orte, wo er zuvor gestanden, wieder einverleiben zu müssen. Unter lautem Preise der göttlichen Allmacht kehrte er, wie ein verwandelter Mensch, ins väterliche Haus zurück. Dort empfängt ihn zugleich eine Freuden- und Trauerbotschaft: der alte Graf war gestorben, auf dem Totenbett hatte er sich, durch die Belehrung seiner Tochter gewonnen, zum Christentum bekannt und seine Härte aufrichtig bereut. Alexis und Belsore wurden zum glücklichsten Paare verbunden. Ihr erstes hierauf war, dass sie miteinander eine Wallfahrt an den Wunderquell machten und denselben in einen schöngemauerten Brunn fassen liessen. Viele Jahrhunderte lang soll es ein Gebrauch gewesen sein, dass weit aus der Umgegend die Brautleute vor der Hochzeit hieherreisten, um einen gesegneten Trunk von diesem klaren wasser zu tun, welches der Rosentrunk geheissen; gewöhnlich reichte ihn ein Pater Einsiedler, der hier in dem wald gewohnt. Das ist nun freilich abgegangen, doch sagen die Leute, die Schäfer und Feldhüter, dass noch jetzt in der Karfreitag- und Christnacht das rosenfarbene Leuchten auf dem Grund des Brunnens zu sehen sei."
Agnes betrachtete einen vorstehenden Mauerstein, worauf noch ziemlich deutlich drei ausgehauene Rosen und ein Kreuz zu bemerken waren. Henni leitete aus der geschichte mehrere Lehren für seine arme Schutzbefohlene ab; sie merkte aber sehr wenig darauf und zog ihn bald von dem platz weg, um nahebei einen kleinen Berggipfel zu besteigen, welcher sich kahl und kegelförmig über das Wäldchen erhob. "Der Wind weht dort! Ich muss das Windlied singen; es ist sehr ratsam heute", rief Agnes, voraneilend.
Sie standen oben und sie sang in einer freien Weise die folgenden Verse, indem sie bei Frag und Antwort jedesmal sehr artig mit der stimme wechselte, dabei sehr lebhaft in die Luft agierte.
"'Sausewind! Brausewind!
Dort und hier,
Deine Heimat sage mir!'
'Kindlein, wir fahren
Seit vielen Jahren
Durch die weit weite Welt,
Und wollen's erfragen,
Die Antwort erjagen,
Bei den Bergen, den Meeren,
Bei des himmels klingenden Heeren –
Die wissen es nie,
Bist du klüger als sie,
Magst du es sagen.
– Fort! Wohlauf!
Halt uns nicht auf!
Kommen andre nach,
Unsre Brüder,
Da frag wieder.'
'Halt an! Gemach,
Eine kleine Frist!
Sagt, wo der Liebe Heimat ist,
Ihr Anfang, ihr Ende!'
'Wer's nennen könnte!
Schelmisches Kind,
Lieb ist wie Wind,
Rasch und lebendig,
Ruhet nie,
Ewig ist sie,
Aber nicht immer beständig.
– Fort! Wohlauf auf!
Halt uns nicht auf!
Fort über Stoppel, und Wälder, und Wiesen!
Wenn ich dein Schätzchen sehe,
Will ich es grüssen;
Kindlein, ade!'"
Gegen Abend hatte sich Agnes ermüdet zu Bette gelegt; der Präsident war eine Zeitlang bei ihr gewesen, auf einmal kam er freudig aus ihrem Schlafzimmer und sagte eilfertig zu Teobald hin: "Sie verlangt nach Ihnen, gehen Sie geschwinde!" Er gehorchte unverzüglich, die andern blieben zurück und er zog die tür hinter sich zu. Agnes lag ruhig auf der Seite, den Kopf auf einem Arm gestützt. Bescheiden setzte er sich mit einem freundlichen Gruss auf den Stuhl an ihrem Bette; durchaus gelassen, doch einigermassen zweifelhaft sah sie ihn lange an; es schien als dämmerte eine angenehme Erinnerung bei ihr auf, welche sie an seinen Gesichtszügen zu prüfen suchte. Aber heisser, schmelzender wird ihr blick, ihr Atem steigt, es hebt sich ihre Brust, und jetzt – indem sie mit der Linken sich beide Augen zuhält – streckt sie den rechten Arm entschlossen gegen ihn, fasst leidenschaftlich seine Hand und drückt sie fest an ihren Busen