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ihren Namen eine Luise hatte, so eignete sie sich dieselben völlig zu, nicht anders als sie wären von Teobald an sie gerichtet worden. Überdies hatte sie eine Silhouette in jenen Blättern gefunden, von der sie sich beredete, es sei ihr Bild. Man traf sie etliche Male darüber an, dass sie zwei Spiegel gegeneinanderhielt, um ihr Profil mit dem andern zu vergleichen.

Vielleicht ist es dem Leser angenehm, von jenen Gedichten etwas zu sehen und sich dabei des Mannes zu erinnern, der, wie einst im Leben, so jetzt noch im tod, das Herz des unglücklichen Kindes so innig beschäftigen musste.

*

Der Himmel glänzt vom reinsten

Frühlingslichte,

Ihm schwillt der Hügel sehnsuchtsvoll entgegen,

Die starre Welt zerfliesst in Liebessegen,

Und schmiegt sich rund zum zärtlichsten Gedichte.

Wenn ich den blick nun zu den Bergen richte,

Die duftig meiner Liebe Tal umhegen

O Herz, was hilft dein Wiegen und dein Wägen,

Dass all der Wonne herber Streit sich schlichte!

Du, Liebe, hilf den süssen Zauber lösen,

Womit natur in meinem inneren wühlet!

Und du, o Frühling, hilf die Liebe beugen!

Lisch aus, o Tag! Lass mich in Nacht genesen!

Indes ihr, sanften Sterne, göttlich kühlet,

Will ich zum Abgrund der Betrachtung steigen.

*

Wahr ist's, mein Kind, wo ich bei dir nicht bin

Geleitet sehnsucht alle meine Wege,

Zu Berg und Wald, durch einsame Gehege

Treibt mich ein irrer, ungeduldger Sinn.

In deinem Arm! o seliger Gewinn!

Doch wird auch hier die alte Wehmut rege,

Ich schwindle trunken auf dem Himmelsstege,

Die Gegenwart flieht taumelnd vor mir hin.

So denke ich oft: dies schnell bewegte Herz,

Vom Überglück der Liebe stets beklommen,

Wird wohl auf Erden nie zur Ruhe kommen;

Im ewgen Lichte löst sich jeder Schmerz,

Und all die schwülen Leidenschaften fliessen

Wie ros'ge Wolken, träumend, uns zu Füssen.

*

Wenn ich, von deinem Anschaun tief gestillt,

Mich stumm an deinem heilgen Wert vergnüge,

Da hör ich oft die leisen Atemzüge

Des Engels, welcher sich in dir verhüllt.

Und ein erstaunt, ein selig Lächeln quillt

Auf meinen Mund, ob mich kein Traum betrüge,

Dass nun in dir, zu himmlischer Genüge,

Mein kühnster Wunsch, mein einzger, sich erfüllt.

Von Tiefe dann zu Tiefen stürzt mein Sinn,

Ich höre aus der Gotteit nächtger Ferne

Die Quellen des Geschicks melodisch rauschen;

Betäubt kehr ich den blick nach oben hin,

Zum Himmel aufda lächeln alle Sterne!

Ich kniee, ihrem Lichtgesang zu lauschen.

*

Schön prangt im Silbertau die junge Rose,

Den ihr der Morgen in den Busen rollte,

Sie blüht, als ob sie nie verblühen sollte,

Sie ahnet nichts vom letzten Blumenlose.

Der Adler strebt hinan ins Grenzenlose,

Sein Auge trinkt sich voll von sprühndem Golde,

Er ist der Tor nicht, dass er fragen wollte,

Ob er das Haupt nicht an die Wölbung stosse.

Mag einst der Jugend Blume uns verbleichen,

So war die Täuschung doch so himmlisch süsse,

Wir wollen ihr vorzeitig nicht entsagen.

Und unsre Liebe muss dem Adler gleichen:

Ob alles, was die Welt gab, uns verliesse

Die Liebe darf den Flug ins Ewge wagen.

*

Am Waldsaum kann ich lange Nachmittage,

Dem Kuckuck horchend, in dem Grase liegen,

Er scheint das Tal gemächlich einzuwiegen

Im friedevollen Gleichklang seiner Klage.

Da ist mir wohl; und meine schlimmste Plage,

Den Fratzen der Gesellschaft mich zu fügen,

Hier wird sie mich doch endlich nicht bekriegen,

Wo ich auf eigne Weise mich behage.

Und wenn die feinen Leute nur erst dächten

Wie schön Poeten ihre Zeit verschwenden,

Sie würden mich zuletzt noch gar beneiden.

Denn des Sonetts vielfältge Kränze flechten

Sich wie von selber unter meinen Händen,

Indes die Augen in der Ferne weiden.

In der Karwoche

O Woche, Zeugin heiliger Beschwerde!

Du stimmst so ernst zu dieser Frühlingswonne,

Und breitest im verjüngten Strahl der Sonne

Des Kreuzes dunklen Schatten auf die Erde.

Du hängest schweigend deine Flöre nieder,

Der Frühling darf indessen immer keimen,

Das Veilchen duftet unter Blütenbäumen,

Und alle Vöglein singen Jubellieder.

O schweigt, ihr Vöglein hoch im Himmelblauen!

Es tönen rings die dumpfen Glockenklänge,

Die Engel singen leise Grabgesänge,

O schweiget, Vöglein auf den grünen Auen!

Ihr Veilchen, kränzt heute keine Lockenhaare!

Euch pflückt mein frommes Kind zum dunkeln

Strausse,

Ihr wandert mit zum stillen Gotteshause,

Dort sollt ihr welken auf des Herrn Altare.

Wird sie sich dann in Andachtslust versenken,

Und sehnsuchtsvoll in süsse Liebesmassen

Den Himmel und die Welt zusammenfassen

So soll sie meinauch mein! dabei gedenken.

*

Agnes war inzwischen mit Henni spazierengegangen. Sie führte ihn ins freie Feld hinaus, ohne recht zu sagen, wohin es ginge, ein nicht seltener Fall, wo ihr jedesmal eine dritte zuverlässige person unbemerkt in einiger Entfernung hinten nachzufolgen pflegte. Agnes brachte seit einiger Zeit die schöne Sammetjakke, das Geschenk ihres vermeintlichen Liebhabers, kaum mehr vom leib; so trug sie dieselbe auch jetzt, und sah trotz einiger Nachlässigkeit im Anzug sehr reizend darin aus. Unter ordentlichen Gesprächen gelangten beide zu dem nächsten Wäldchen und in der Mitte desselben auf einen breiten Rasenplatz, worauf eine grosse Eiche einzeln stand, die einen offenen Brunnen sehr malerisch beschattete. Agnes hatte von diesem Brunnen, als von einer bekannten Merkwürdigkeit, gelegentlich erzählen gehört. Es