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die Rede geworden, dass man vielleicht am besten täte, sie geradezu nach haus zurückzubringen. Der Antrag ward ihr durch Nannetten mit aller Zarteit gestellt, allein statt dass sie ihn, wie man erwartete, mit beiden Händen ergriffen hätte, bedachte sie sich ernstlich und schüttelte den Kopf. Es war, als wenn sie ihren Zustand fühlte und ihrem Vater zu begegnen fürchtete.

Es sprach jemand die Meinung aus, dass Nolten sich entweder ganz entfernen, oder seine Entfernung wenigstens der Braut sollte glauben gemacht werden, da seine Gegenwart sie offenbar beunruhige und ihrem Wahne täglich Nahrung gebe, dagegen, wenn er ginge, wohl gar ein Verlangen nach ihm bei ihr rege werden dürfte, wo nicht, so könnte man zuletzt Veranlassung nehmen, ihn als den erwarteten wahren Geliebten ihr förmlich vorzuführen, oder sie, wie ein Kind, den frohen Fund gleichsam selbst tun zu lassen; gelänge diese List und wisse man sie kühn und klüglich durchzuführen, so sei Hoffnung zur Kur vorhanden. – Diese Ansicht schien so ganz nicht zu verwerfen. Doch Teobald behauptete zuletzt: er müsse bleiben, sie müsse ihn von Zeit zu Zeit vor Augen haben, ein ruhiges, bescheidenes Benehmen, der Anblick seines stillen Kummers werde günstig auf sie wirken, er halte nichts auf künstliche Anschläge und Täuschungen, er denke, wenn irgend noch etwas zu hoffen sei, auf seine Weise eine weit gründlichere und dauerhaftere Heilung zu erzielen.

Nunmehr aber würden wir es unter der Würde des Gegenstands halten und das Gefühl des Lesers zu verletzen glauben, wenn wir ihn mit den Leiden des Mädchens ausführlicher als nötig, auf eine peinliche Art unterhalten wollten, so viele Anmut ihr Gespräch auch selbst in dieser traurigen Zerstörung noch immer offenbaren mochte. Deshalb beschränkt sich unsere Schilderung einzig auf das, was zum Verständnis der Sache selbst gehört.

"fräulein, du kannst ja Lateinisch", sagte sie einmal zu Margot, "was heisst der Funke auf lateinisch?" "Scintilla", war die gutmütige Antwort. "So, so; das ist ein musterhaftes Wort, es gibt ordentlich Funken; aber du wirst es nur geschwind erdacht haben? Tut auch nichts, desto besser vielmehr: ich will künftig, wenn ich dir etwas über die Augen des Bewussten zu sagen habe, in seiner Gegenwart nur bloss Scintilla sagen, dann merk aufs grüne FlämmchenBst! hörst du nichts? er regt sich hinterm Ofenschirmnämlich, er kann sich unsichtbar machenEi das weisst du besser wie ich. Und, fräulein, wenn du wieder mit ihm buhlst, mir kann es ja eins sein, aber gewarnt hab ich dich." "Was soll mir dasLiebe Agnes!" "O ihr habt einander flugs im Arm, wenn niemand um den Weg ist! Ich bitte dich, sag mir, wie küsst sich's denn mit ihm? ist er recht hässlich süss? merkt man ihm an, dass er den Teufel im Leib hat? – fräulein, weil dir doch nichts dran liegt, ob er hie und da noch andre Galanterien neben dir hat, so will ich dir gleich einige nennen kannst ihn damit necken: Erstlich ist da: eine schöne Komtessefürnehm, ah fürnehm! Sieh, so ist ihr Anstand –" (hier machte sie eine graziöse Figur durchs Zimmer) "Zieh ihn nur damit auf! Aber angeführt seid ihr im Grund doch alle miteinander. Du willst mir nicht glauben, dass er mit der Zigeunerin verlobt ist? Wenn ich Lust hätte, könnt ich den Ort wohl nennen, wo der Verspruch gehalten wurde und wer den Segen dazu sprach, aber fromme Christen beschreien so was nicht. Überhaupt, ich werde jetzt zur Schlittenfahrt müssen. Du leihst mir deinen Zobel doch wieder?" Margot verstand, was sie im Sinne hatte, und gab ihr das Kleidungsstück. Nach einiger Zeit kam sie sehr artig geputzt, wie der Frühling und Winter, aus ihrem Zimmer hervor, ging in den Garten und zum Karussell, wo sie sich dann gewöhnlich in einen mit hölzernen Pferden bespannten Schlitten setzte. Der Boden durfte nicht gedreht werden, sie behauptete, es komme alles von selbst in gang, wenn sie die im Kreise springenden Rosse eine Zeitlang ansehe, und es mache ihr einen angenehmen Schwindel.

Nannette setzte sich mit ihrer Arbeit in den Schatten der nächsten Laube. Bald gesellte sich Agnes zu ihr, forderte sie auf, nicht traurig zu sein und verhiess: ihr Bruder werde nun bald ankommen und sie beide entführen "Nicht wahr, wir wollen fest zusammenhalten? Du bist im Grund so übel dran wie ich mit diesen Lügengesichtern. Ja, ja, auch dir gehen die Augen nach und nach auf, ich merkte es neulich, wie dir grauste, als dich der Bösewicht Schwester hiess. Zwinge dich nur nicht bei ihm, er kann uns doch nicht schaden. – Jetzt aber sollst du etwas liebes sehen, das wird dich freuen: Lies diese Blätter, du kennst die Hand nicht, aber den Schreiber. Sie sind mein höchster Schatz, mehr, mehr als Gold und Perlen und Rubinen! Ich musste sie dem Höllenbrand abführen, er hatte sie mir unterschlagen. Nimm sie drum fein in acht und lies ganz in der Stille, recht in herzinniger Stille." Sie ging und liess Nannetten das Liederheft zurück, dessen wir schon bei gelegenheit der hinterlassenen Papiere des Schauspielers erwähnt haben.

Da diese Gedichte "An L." überschrieben waren und Agnes unter