kann ich mir in Ewigkeit nicht vergeben. Aber wer soll auch die Komödianten ganz auslernen! Die können eben alles. Sie sind dir imstande und stellen sich tot, völlig tot. Unter uns, mein Schatz tat es auch, um dem Lügner für immer das Handwerk niederzulegen. Ich war bei der Leiche damals in der Stadt. Ich sage dir – verstehst du, dir allein Henni! – der leere Sarg liegt in der Grube, nur ein paar lumpige Kleiderfetzen drin!"
Sie verfiel einige Sekunden in Nachdenken und klatschte dann fröhlich in die hände: "O Henni! süsser Junge! in sechs Wochen kommt mein Bräutigam und nimmt mich mit und wir haben gleich Hochzeit." Sie stand auf und fing an, auf dem freien Platz vor Henni aufs niedlichste zu tanzen, indem sie ihr Kleid hüben und drüben mit spitzen Fingern fasste und sich mit Gesang begleitete. "Könntest du nur sehen", rief sie ihm zu, "wie hübsch ich's mache! fürwahr solche Füsschen sieht man nicht leicht. Vögel von allen Arten und Farben kommen auf die äussersten Baumzweige vor und schaun mir gar naseweis zu." Sie lachte boshaft und sagte: "Ich rede das eigentlich nur, weil du mir immer Eitelkeit vorwirfst, ich kann dein Predigen nicht leiden. Warte doch, du musst noch ein bisschen Eigenlob hören. Aber ich will einen andern für mich sprechen lassen." Sie zog einen Brief des Schauspielers aus dem Gürtel und las:
"'Oft kann ich mir aber mit aller Anstrengung dein Bild nicht vorstellen, ich meine, die Züge deines Gesichts, wenn sie mir einzeln auch deutlich genug vorschweben, kann ich nicht so recht zusammenbringen. Dann wieder in andern Augenblicken bist du mir so nahe, so greifbar gegenwärtig mit jeder Bewegung! sogar deine stimme, das lachen besonders, dringt mir dann so hell und natürlich ans Ohr. Dein lachen! Warum eben das? Nun ja! behaupten doch auch die Poeten, es gebe nichts Lieblichers von Melodie, als so ein herzliches Mädchengekicher. Ein Gleichnis, liebes Kind. In meiner Jugend, weisst du, hatte ich immer sehr viel von zarten Elfen zu erzählen. Dieselben pflegen sich bei Nacht mit allerlei lieblichen Dingen, und unter anderm auch mit einem kleinen Kegelspiel die Zeit zu verkürzen. Dies Spielzeug ist vom pursten Golde, und drum wenn alle neune fallen, so heissen sie's ein goldenes Gelächter, weil der Klang dabei gar hell und lustig ist. Gerade so dünkt mich, lacht nun mein Schätzchen.'
Henni, was meinst du dazu? Zum Glück hab ich so schnell gelesen, dass du nicht einmal Zeit bekamst, dich drüber zu ärgern. Hör du, als Kind da hatte ich einen Schulmeister, der fand dir gar eine sonderliche Metode, einem das Schnell-Lesen abzugewöhnen, er gab einem das Buch verkehrt in die Hand, dass es von der Rechten zur Linken ging – 'So', rief er dann, 'jetzt lass den Rappen laufen! ich will auch beizeit Hebräisch lehren.' Recht, dass mir der Schulmeister beifällt – ich bitte dich, mache doch deinen guten Vater aufmerksam, dass er nicht mehr chinesisches Gartenhaus sagen soll, sondern chinesisches; er würde mich dauern, wenn man ihn spöttisch drum ansähe, es hat mich schon recht beschäftigt; heute hab ich gar davon geträumt, da gab er mir die Erklärung 'Jungfer, ich pflege mit dem Wort zu wechseln, und zwar nicht ohne Grund: zur Winterszeit, wo alles starr und hartgefroren ist, sprech ich Chinesisch, im Frühjahr wird mein G schon weicher, im Sommer aber bin ich ganz und gar Chinese.' Fürwahr, das ist er auch: er trägt ein Zöpfchen. Im Ernst, ich hätte gute Lust, einmal mit der Schere hinter ihm herzukommen; es ist doch gar zu leichtfertig und altväterisch."
Eine Magd lief über den Weg, Agnes kehrte ihr zornig den rücken und sagte, nachdem sie weg war: "Mir wird ganz übel, sehe ich die Käte. Gestern hört ich sie dort über die Mauer einem Bauerburschen zurufen 'Weisst du schon, dass die fremde Mamsell bei uns zur Närrin worden ist?' Das erzdumme Mensch. Wer ist verrückt? Niemand ist verrückt. Die Vorsehung ist gnädig Deswegen heisst es auch in meinem heutigen Morgengebet:
Wollest mit Freuden,
Und wollest mit Leiden
Mich nicht überschütten!
Doch in der Mitten
Liegt holdes Bescheiden.
Ja, nichts geht über die Zufriedenheit. Gottlob, diese hab ich; fehlt nur noch eins, fehlt leider nur noch eins!"
So ging es denn oft lange fort. Und wenn nun Henni, vom Maler täglich einigemal aufgefordert, nichts Tröstlicheres zu berichten hatte, so brach dem armen mann fast das Herz.
Die Ärzte, die man befragt, gaben bloss Regeln an, die sich von selber verstanden und überdies bei dem Eigensinn der Kranken schwer anzuwenden waren. Zum Beispiel liess sie sich um keinen Preis bewegen, an der allgemeinen Tafel zu speisen; und nur etwa wenn man beim Nachtisch noch auf dem saal beisammen sass, erschien sie zuweilen unvermutet in der offenen Tür des Nebenzimmers, mit ruhigen Augen rings auf der Gesellschaft verweilend, ganz wieder in der angenehmen Stellung, worin wir sie oben dem Maler gegenüber gesehen. Versuchte aber Teobald, sich ihr zu nähern, so wich sie geräuschlos zurück und kam so leicht nicht wieder.
Es war indes aufs neue davon