hinüber. Der rührende Umriss ihrer Figur, sowie die Blässe des Gesichts wird noch reizender, süsser durch die Dämmerung des grünen Zimmers bei den gegen die schwüle Morgensonne verschlossenen Fensterladen. So ihn betrachtend, spricht sie erst für sich: "Er gleicht ihm sehr, er hat ihn gut gefasst, ein Ei gleicht dem andern nicht so, aber eines von beiden ist hohl." Dann sagte sie laut und höhnisch: "Guten Morgen, Heideläufer! Guten Morgen Höllenbrand! Nun, stell Er sich nicht so einfältig! Schon gut, schon gut! ich bin unbeschreiblich gerührt. Er bekommt ein Trinkgeld fürs Hokuspokus. – Bleib Er nur – bitte gehorsamst, ich sehe's recht gut, nur immer zwölf Schritt vom leib. Was macht denn seine liebe braune Otter? – haha, nicht wahr? Mein kleiner Finger sagt mir nur zuweilen auch etwas. Nun, ich muss weiter. Kurze Aufwartungen, das ist so Mode in der vornehmen Welt. Und bemüh Er sich nur nie wegen meiner, wir nehmen das nicht so genau."
Sie neigte sich und ging.
Wenn man – sprach Teobald erschüttert bei sich selbst – wenn man etwa so träumt, wie dieses wirklich ist, so schüttelt sich der Träumende vor Schmerz und ruft sich selber zu: hurtig erwecke dich, es wird dich töten! Schnell dreht er die nächtliche Scheibe seines Geistes dem wahren Tageslichte zu – Noch mehr! er greift mit Geisterarmen entschlossen durch die dicke Mauer, hinter der sein Körper gefangen steht, und öffnet wunderbar sich selber von aussen die Riegel. Mir schiesst in der wachsenden Todesnot kein Götterflügel aus den Schultern hervor und entreisst mich dem Dunstkreis, der mich erstickt, denn dies ist wirklich, dies ist da, kein Gott wird's ändern! Soviel man nach und nach aus Agnesens verworrenen Gesprächen zusammenreimen konnte, so schien die sonderbarste Personenverwechslung zwischen Nolten und Larkens in ihr vorgegangen zu sein; vielmehr es waren diese beiden in ihrer idee auf gewisse Weise zu einer person geworden. Den Maler schien sie zwar als den Geliebten zu betrachten, aber keineswegs in der Gestalt, wie sie ihn hier vor Augen sah. Die Briefe des Schauspielers trug sie wie ein Heiligtum jederzeit bei sich, ihn selbst erwartete sie mit der stillen sehnsucht einer Braut, und doch war es eigentlich nur wieder Nolten, den sie erwartete. Man wird, wie dies gemeint sei, in kurzem deutlicher einsehn.
Inzwischen hielt sie sich am liebsten an den blinden Henni; sie nannte ihn ihren frommen Knecht, gab ihm allerlei Aufträge, sang mit ihm zum Klavier oder zur Orgel, beredete ihn, sie da- und dortin zu begleiten, wobei sie ihn gewöhnlich mit der Hand am Arm zu leiten pflegte. Man glaubte nur eben ein Paar Geschwister zu sehen, so vollkommen verstanden sich beide. Der Präsident und Nolten versäumten deshalb nicht, dem jungen Menschen gewisse Regeln einzuschärfen, damit eine zweckmässige Unterhaltung ihren Ideen womöglich eine wünschenswerte Richtung gebe. Der gute, verständige Junge liess sich's auch wirklich mit ganzer Seele angelegen sein. Er verfuhr auf die zärteste Weise und wusste die Absicht gar klug zu verstecken. Sie selbst hatte die religiösen gespräche geführt, da er sich denn recht eigentlich zu haus fand und aus dem stillen Schatze seines Herzens mit Freuden alles mitteilte, was eben das Tema gab. Am glücklichsten war er, wenn sie in irgendeinen Gegenstand so weit hineingeführt werden konnte, dass sie von selbst darin fortfuhr, und wirklich verfolgte sie dann die Materie nicht nur sehr lange, mit ziemlicher Stetigkeit, sondern er musste sich häufig auch über den Reichtum ihrer Gedanken, über die tiefe Wahrheit ihrer inneren religiösen Erfahrung verwundern, die freilich mehr nur durch Erinnerung aus dem gesunden Zustand hergenommen sein mochte und mehr historisch von ihr vorgebracht wurde, als dass sie jetzt noch rein und innig darin gelebt hätte; nichtsdestoweniger war die Fähigkeit unschätzbar, sich diese Gefühle lebendig zu vergegenwärtigen, so wie der Vorteil, solche befestigen und Neues daran knüpfen zu können, dem treuen Henni höchst willkommen war. Gegen einige grelle, aus Missverständnis der Bibelsprache entstandene Vorstellungen, welche zwar von haus aus Glaubensartikel bei ihr gewesen sein mochten, in reiferen Jahren aber glücklich verdrungen, jetzt wieder, auf eine närrische Art erweitert, zum Vorschein kamen, hatte Henni vorzüglich zu kämpfen. Besonders kam er mit ihrer falschen Anwendung des Dämonenglaubens ins Gedränge, weil er diese Lehre, als eine an sich selber wahre und in der Schrift gegründete, unmöglich verwerfen konnte.
Allein im höchsten Grad betrübend war es ihm, wenn sie, mitten aus der schönsten Ordnung heraus, entweder in eine auffallende Begriffsverwirrung fiel, oder auch wohl plötzlich auf ganz andere Dinge absprang.
So sassen sie neulich an ihrem Lieblingsplatz unter den Akazienbäumen vor dem Gewächshaus. Sie las aus dem Neuen Testamente vor. Auf einmal hält sie inne und fragt: "Weisst du auch, warum Teobald, mein Liebster, ein Schauspieler geworden ist? Ich will dir's anvertraun, aber sag es niemand, besonders nicht Margot, der Schmeichelkatze, sie plaudert's dem Falschen, dem Heideläufer. Vor dem muss mein Schatz sich eben verbergen. Drum nimmt er verschiedene Trachten an, ich sage dir, alle Tage eine andere Gestalt, damit ihn der Läufer nicht nachmachen kann und nicht weiss, welches von allen die rechte ist. Vor ein paar Jahren kam Nolten in den Vetter Otto verkleidet zu mir; ich kannte ihn nicht und hab ihn arg betrübt. Das