unverkennbar; sie führte irgend etwas im Schilde und schien nur den günstigen Zeitpunkt abzuwarten.
Diese geheime Absicht offenbarte sich denn auch gar bald. Der alte Gärtner machte eines tages dem Präsidenten in aller Stille die Entdeckung: Agnes habe ihn auf das flehentlichste beschworen, dass er ihr gelegenheit verschaffe, aus dem schloss zu entkommen und nach ihrer Heimat zu reisen. Dabei habe sie ihm alles mögliche versprochen, auch selbst die Mittel sehr geschickt angegeben, wie seine Beihülfe völlig verschwiegen bleiben könnte. – Ein solches Verlangen war nun, die Heimlichkeit abgerechnet, so unverzeihlich nicht, der Maler hatte neulich selbst den Gedanken für sie gehabt, man ging jetzt ernstlich darüber zu Rate, verdoppelte indes die Wachsamkeit.
Sowenig es bei diesem allen jemanden im schloss einfiel, den armen Freund sein lästiges Gastrecht empfinden zu lassen so war ihm eine solche Grossmut doch nichtsdestoweniger drückend. Dann rückte der Termin herbei, wo er jene Stelle in W* antreten sollte. Er dachte mit Schaudern der Zukunft, mit doppelt und dreifach blutendem Herzen des alten Vaters in Neuburg, der nichts von dem drohenden Umsturz der lieblichsten Hoffnungen ahnte.
An einem Morgen kommt Nolten wie gewöhnlich zum Frühstück auf den Saal. Nannette und Margot fliehen bei seinem Eintritt erschrocken auseinander, sie grüssen ihn mit abgewandtem Gesicht, ihr Weinen verbergend. "Was ist geschehen?" fragt er voll Ahnung, "was ist Agnesen zugestossen?" Er will hinaus, sich überzeugen, im selben Augenblick tritt der Präsident eilfertig herein. "Ich bin auf alles gefasst!" ruft Nolten ihm zu: "Ums himmels willen, schnell! was hat es gegeben?" "Gelassen! ruhig! Mein teurer Freund, noch ist nicht alles verloren. Was wir längst fürchten mussten, das frühere Übel, wovon Sie mir sagten, scheint leider eingetreten – Aber fassen Sie sich, o sein Sie ein Mann! Wie es damals vorübergegangen, so wird es auch diesmal." "Nein, nimmer, nimmermehr! Sie ist das Opfer meiner Tollheit! – Also das noch! Zu schrecklich! zu grässlich! – Was? und das soll ich mit ansehn? mit diesen Augen das sehen und soll leben? – Nun, sei's! Sei's drum; es geht mit uns beiden zur Neige. Ich bin es gewärtig, bin's völlig zufrieden, dass morgen jemand kommt und mir sagt: Deine Braut hat Ruhe, Agnes ist gestorben." Er schwieg eine Weile, fuhr auf und riss im unbändigsten Ausbruch von Zorn und von Tränen, nicht wissend, was er wollte oder tat, die Schwester wild an sich her – "Wie stehst du da? was gaffst du da?" "Herr, nicht so! das ist grausam", ruft Margot entrüstet und nimmt die Zitternde in Schutz, die er wie rasend von sich weggeschleudert hat. "Oh", ruft er, die Faust vor die Stirne geschlagen, "warum wütet niemand gegen mich? warum steh ich so ruhig, so matt und erbärmlich in kalter Vernichtung? Ha, würfe mir irgendein grimmiger Feind meinen Schmerz ins Gesicht, vor die Füsse! und schölte mich den gottverlassnen Toren, der ich bin, den dummen Mörder, der ich bin! streute mir Salz und Glut in die Wunde – das sollte mir wohltun, das sollte mich stärken –"
"Wir überlassen Sie sich selbst, mein Freund", versetzte ganz ruhig der Präsident, "und wollen Ihnen dadurch zeigen, dass wir nicht glauben, einen Mann, denn dafür hielt ich Sie bis jetzt, vor sich selber hüten zu müssen."
So stand nun der Maler allein in dem saal. Es war der schrecklichste Moment seines Lebens.
Wenn uns ganz unerwartet im ausgelassensten Jammer ein beschämender Vorwurf aus verehrtem mund trifft, so ist dies immerhin die grausamste Abkühlung, die wir erfahren können. Es wird auf einmal totenstill in dir, du siehst dann deinen eigenen Schmerz, dem Raubvogel gleich, den in der kühnsten Höhe ein Blitz berührt hat, langsam aus der Luft herunterfallen und halbtot zu deinen Füssen zucken.
Der Maler hatte sich auf einen Sitz geworfen. Er sah mit kalter Selbstbetrachtung geruhig auf den Grund seines inneren herab, wie man oft lange dem Rinnen einer Sanduhr zusehn kann, wo Korn an Korn sich unablässig legt und schiebt und fällt. Er bröckelte spielend seine Gedanken, der Reihe nach auseinander und lächelte zu diesem Spiel. Dazwischen quoll es ihm, ein übers andre Mal, ganz wohl und leicht ums Herz, als entfalte soeben ein Engel der Freuden nur sachte, ganz sachte die goldnen Schwingen über ihm, um dann leibhaftig vor ihn hinzutreten!
Erschrocken schaut er auf, ihm deucht, es komme jemand, wie auf Socken, durch die drei offen ineinandergehenden Zimmer herbei. Er staunt – Agnes ist's, die sich nähert. Sie geht barfuss; sonst aber nicht nachlässig angetan; nur eine Flechte ihres Haars hängt vorn herab, davon sie das äusserste Ende gedankenvoll lauschend ans Kinn hält. Ein ganzer Himmel voll Erbarmung scheint mit stummer Klagegebärde ihren schleichenden gang zu begleiten, die Falten selber ihres Kleids mitleidend die liebe Gestalt zu umfliessen.
Nolten ist aufgestanden; doch ihr entgegenzugehen darf er nicht wagen; all seine Seele hält den Atem an. Das Mädchen ist bis unter die tür des Saals vorgeschritten, hier bleibt sie stehen und lehnt sich in bequem-gefälliger Stellung mit dem Kopf an die Pfoste. So schaut sie aufmerksam zu ihm