den Teobald heute gemacht, sich Zutritt bei der Braut zu verschaffen, hätte sie eher bis zu Konvulsionen getrieben, als dass sie diesem sehnlichsten Verlangen würde nachgegeben haben. So musste man der Zeit und dem leidigen Zufall die Entwicklung fast ganz überlassen.
Die sonderbar verlegene Spannung der vier im Zimmer sitzenden Personen isolierte nun ein jedes auf seltsame Weise. Es war, als könnte man gar nicht reden, als müsste jeder laut, wie in luftleerem raum, kraftlos und unhörbar an den Lippen verschwinden, ja, als verhindere ein undurchdringlicher Nebel, dass eins das andere recht gewahr werden könne.
Nannette war die Unbefangenste. Sie stellte der Reihe nach ihre Betrachtungen an. Es kam ihr so närrisch vor, dass niemand den Mund öffnen wolle, um der Sache rasch und beherzt auf den Grund zu gehen, dass man nicht Anstalt treffe, so oder so Agnesen beizukommen sie fühlte sich wenigstens Mannes genug, den bösen Geist, welchen Namen er auch haben, in was für einem Winkel er auch stecken möge, kurz und gut auszutreiben, wenn sie nur erst wüsste, wovon es sich handelte, wenn nur der Bruder sie eines Winkes würdigen wollte. Ihre ganze Aufmerksamkeit war auf den Präsidenten gerichtet, als dieser anfing, in Beziehung auf Agnesen der Gesellschaft einige Verhaltungsregeln ans Herz zu legen, welche hauptsächlich darauf hinausliefen: man müsse, so schwer es auch falle, durchaus sein Gefühl verleugnen, in allen Stükken tun, als wäre nichts Besonderes vorgefallen, man müsse bei dem Mädchen durch kein Wort, keine Miene den Grund ihres Kummers, ihrer Absonderung anerkennen; man solle Noltens bei jeder schicklichen gelegenheit und in Verbindung mit den alltäglichsten Dingen bei ihr erwähnen, usw. der gute Mann bedachte nicht, dass die Frauenzimmer zu wenig von dem wahren Standpunkte wussten, um den Sinn dieser Vorschriften ganz einzusehn. – Nannetten war es gewissermassen behaglich, den Präsidenten unter so bedenklichen Umständen zu beobachten. Wir sprechen, was das Mädchen hiebei empfand, in einer allgemeinen Bemerkung aus.
Es gibt Männer, deren ganze Erscheinung uns sogleich den angenehmen Eindruck vollkommener Sicherheit erweckt. Das Übergewicht einer kräftigen, mehr verneinenden als bejahenden natur, die Rechtlichkeit eines resoluten Charakters, sogar die eigentümliche Atmosphäre, welche Rang und Vermögen um sie verbreiten, dies alles scheint nicht nur sie selber zu Herren jedes bösen Zufalls zu machen, sondern ihre Gegenwart wirkt auch auf andere, die sich ihres Wohlwollens nur einigermassen bewusst sind, mit der Magie eines kräftigen Talismans: herzlich gern möchten wir solch einen Glücksmann immer auch ein wenig in unsere sorge und Gefahr verflochten sehen, denn nicht nur etwas Tröstliches, sondern wirklich Reizendes liegt darin, sich eine person, die uns in jedem Betracht überlegen und unzugänglich scheint, nun durch gemeinsame Not auf einmal so menschlich nahe zu fühlen. Das kleinste Wort aus diesem mund, der unbedeutendste Trost tut Wunder; ja einige wollen behaupten, dass selbst die körperliche Berührung durch die weichere Hand, durch das weichere Kleid eines dieser Vornehmen zuweilen etwas Unwiderstehliches habe, und desto mehr, je seltener sie vorkomme. Dies nun empfand Nannette wirklich, als der Präsident vorhin – einer lange still fortgesetzten Gedankenkette gleichsam den letzten Ring anschliessend – mit etwas ermuntertem Gesicht von seinem stuhl aufstand und so im Vorbeigehn mit einer wehmütigen Freundlichkeit das Mädchen unterm Kinn anfasste; sie war von diesem kleinen Lichtblick so sonderbar gerührt, dass sie eine Sekunde lang meinte, nun sei die ganze Not am Ende und alles wieder gut.
Man ging jetzt auseinander. Eine person musste die Nacht wachen; übrigens kam die ganz anfänglich getroffene Einrichtung, dass Nannette mit Agnes in einem Zimmer schlief, nun freilich sehr zustatten. Die tiefe Pause, welche wie durch einen furchtbaren Zauberschlag im Leben unserer Gesellschaft eingetreten war, bezeichnete auch die nächstfolgenden Tage. Nannette und Margot waren indes von dem Zusammenhang des Übels unterrichtet worden. Alles hatte einen andern gang im schloss angenommen. Es war nicht anders, als es läge ein Todkrankes im haus; unwillkürlich vermied man jede Art von Geräusch, auch an Orten, von wo nicht leicht etwas in Agnesens Abgeschiedenheit hätte dringen können; es schien, das müsse nun einmal so sein, und wahrlich, wer auch nur den Maler ansah, das leidende Entsagen, den stumpfen Schmerz in seiner gesunkenen Haltung, der glaubte nicht leise, nicht zart genug auftreten zu können, um durch jede Bewegung, durch jede kleine Zuvorkommenheit das Unglück zu ehren, das uns in solchem Fall eine Art von Ehrfurcht abnötigt. Der Präsident jedoch tadelte mit Ernst diese Ängstlichkeit, welche sich selbst auf die Dienerschaft erstreckte; dergleichen, behauptete er, sei auf die Kranke vom übelsten Einfluss, indem sie sich dadurch in ihrem eingebildeten Elend, in ihrer Mitleidswürdigkeit nur immer mehr müsse bestärkt fühlen.
Inzwischen erreichte man doch mehrere Vorteile über sie. Die Mädchen durften ungehindert bei ihr aus und ein gehen; nur gegen das fräulein, trotz der schwesterlichsten Liebe, womit diese ihr stets nahe zu sein wünschte, verriet sie ein deutliches Misstrauen. Sie verliess ihr Zimmer manchmal und ging an die frische Luft, wenn sie versichert sein konnte, Teobalden nicht zu begegnen. Ihn aber hie und da von der Ferne zu beobachten, war ihr offenbar nicht zuwider, ja man wollte bemerken, dass sie sich die gelegenheit hiezu geflissentlich ersehe. Stundenlang las der Präsident ihr vor; sie bezeugte sich immer sehr ernst, doch gefällig und dankbar. Ein Hinterhalt in ihren Gedanken, ein schlaues Ausweichen, je nachdem ein Gegenstand zur Sprache kam, war