Recht? Sei Zeuge du Himmel, du frommes Gewölbe, dass dieser Jüngling mir zugehört! Er hat mir's geschworen vorlängst auf der Höhe, da er mich fand. Die herbstlichen Winde ums alte Gemäuer vernahmen den Schwur; alljährlich noch reden die Winde von dem glückseligen Tag. Ich war wieder dort, und sie sagten: Schön war er als Knabe, wär er so fromm auch geblieben! Aber die Kinder allein sind wahrhaftig. – Agnes, was geht sie dich an? Ihr konntest du dein Wort nicht halten, du selbst hast's ihr bekannt, das hat sie krank gemacht, sie klagte mir's den Abend. Warst du ihr ungetreu, ei sieh, dann bist du mir's doppelt gewesen."
Diese letzten Worte fielen dem Maler wie Donner aufs Herz Er wütete gegen sich selbst, und jammervoll war es zu sehen, wie dieser Mann, taub gegen alle Vernunft, womit der Präsident ihm zusprach, sich im eigentlichen Sinne des Worts, die Haare raufte und Worte ausstiess, die nur der Verzweiflung zu vergeben sind. Endlich stürzt er dem schloss zu, der Präsident, voll Teilnahme, eilt nach. Auf seinen Wink wollen einige Leute sich der Verrückten bemächtigen, aber mit einer Schnelligkeit, als hätte sie es aus der Luft gehascht, schwingt sie ein blankes Messer drohend in der Faust, dass niemand sich zu nähern wagt. Dann stand sie eine ganze Weile ruhig, und nach einer unbeschreiblich schmerzvollen Gebärde des Abschieds, indem sie ihre beiden arme nach der Seite auswarf, wo Nolten sich entfernt hat, wandte sie sich und verschwand zögernden Schritts in der Finsternis. Die Nacht ging ruhig vorüber. Agnes hatte sich gestern, noch eh der Arzt erschienen war, unter den Bemühungen so vieler zärtlichen hände sehr bald erholt. Das fräulein und die Schwägerin wichen die ganze Nacht nicht von ihrem Bette: von Stunde zu Stunde war Nolten an die Tür getreten, zu hören, wie es drinne stand. Gesprochen hatte das Mädchen seit gestern fast nichts, nur in einem wenig unterbrochenen Schlummer hörte man sie einigemal leise wimmern. Am Morgen aber nahm sie das Frühstück mit einer erfreulichen Heiterkeit aus Margots Hand, verlangte, dass diese und Nannette sich niederlegen, und ausruhn, für sich selber wünschte sie nichts, als allein bleiben zu dürfen. Da man ihr dies nicht weigern durfte, so ward eine person ins Nebenzimmer gesetzt, von welcher sie auf der Stelle gehört und allenfalls beobachtet werden konnte.
Noltens Unruhe und Verzagteit, solange man in Agnesens Zustand noch nicht klar sehen konnte, ist nicht auszusprechen. Es trieb ihn im schloss, es trieb ihn im Freien umher, nicht anders als einen Menschen, der jeden Augenblick sein Todesurteil kommen sieht. Dabei sagt er sich wohl, dass vor allem der Präsident eine befriedigende Erklärung des Vorfalls erwarten könne, dass er diese sich selbst und seiner eigenen Ehre schuldig sei. Jedoch mit der edelsten Schonung verweist ihn jener auf einen ruhigeren Zeitpunkt und gönnt ihm gerne die Wohltat, sich in der Einsamkeit erst selbst zurechte zu finden.
Ach, aber leider überall erstarren ihm Sinn und Gedanke, wo und wie er auch immer das fürchterliche Angstbild in sich zu drehen und zu wenden versucht, er sieht nicht Grund noch Boden dieser Verwirrungen ab; auf sich selbst wälzt er die ganze Schuld, auf jenen Abend, da er die arme Seele so tödlich erschüttert und für die wahnsinnigen Angriffe des Weibs erst empfänglich gemacht.
Unglücklicherweise kam nachmittags Besuch von der Stadt, Herren vom Kollegium des Präsidenten mit Frauen und Kindern. Der Maler liess sich verleugnen, seine Schwester half Margoten treulich die Hausehre retten.
Gegen Abend fand sich eine günstige Stunde, dem Präsidenten die gedachte Aufklärung zu geben. An ihrem Vater bemerkte Margot, als er und der Maler, nach einer langen Unterredung im Garten, endlich ins Zimmer traten, eine auffallende Bewegung; er mochte nicht reden, man setzte sich schweigend zu Tische und doch wollte man sich nachher nicht sogleich trennen; es war, als bedürften sie alle einander, obgleich keins dem andern etwas zu sagen oder abzufragen Miene machte. Die Mädchen griffen in der Not zu einer gleichgültigen Arbeit. Der Präsident sah ein grosses Paket Kupferstiche, noch uneröffnet, an der Seite liegen; es war das prächtige Denonsche Werk zu der französischen Expedition nach Agypten (er hatte es Nolten zuliebe von der Stadt bringen lassen), es wurde ausgepackt, doch niemand hielt sich lange dabei auf.
Noch lasten auf jedem die Schrecken des gestrigen Abends; bald muss man mitleidig die flüchtige Gestalt Elisabets auf finsteren Pfaden verfolgen, bald stehen die Gedanken wieder vor dem einsamen Bette Agnesens still, welche durch eine wunderbare Scheidewand auf immer von der Gesellschaft abgeschnitten scheint.
Der Präsident kann sich sowenig als der Maler es verbergen, dass das Mädchen auf dem geraden Wege sei, sich durch eine falsche idee von Grund aus zu zerstören. Das Unerträgliche, das Fürchterliche dabei ist für die Freunde das Gefühl, dass weder Vernunft noch Gewalt, noch Überredung hier irgend etwas tun können, um eine Aussöhnung mit Nolten zu bewirken: denn dies muss entscheiden, und zwar unverzüglich, ein jeder Augenblick früher ist, wie bei tödlicher Vergiftung, mit Gold nicht aufzuwiegen. Aber Agnes verriet den unbezwinglichsten Widerwillen gegen ihren Verlobten; man wusste nicht, war Furcht oder Abscheu grösser bei ihr. Wieviel Elisabet mitgewirkt, stand nicht zu berechnen, vermutlich sehr viel; genug ein zweimaliger, erst bittender, dann stürmischer Versuch,