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hart unter den Fenstern Agnesens, sehen sie das schöne Kind unter einigen Weimutsfichten, regungslos ausgestreckt, im weissen Nachtkleide liegen, die Füsse bloss, die Haare auf dem Boden und über die nackten Schultern zerstreut. Nolten sank neben dem Körper in die Kniee, fühlte nach Atem, den er nicht fand, er brach in lauten Jammer aus, indem er die hände der Armen an seine heissen Lippen drückte. Die übrigen standen erschrocken umher, nach und nach sammelten die Lichter sich leise um den unglücklichen Platz, ein banges Stillschweigen herrschte, während andere eine Trage herbeizuholen eilten, und Margot die Füsse der Erstarrten in ihr Halstuch einhüllte. "Lassen Sie uns", sagt jetzt der Präsident zu Nolten, welcher noch immer ohne Besinnung an der Erde kauerte, "lassen Sie uns vernünftig und gefasst schnelle hülfe anwenden, Ihre Braut wird in kurzem die Augen wieder öffnen!" Also hob man vorsichtig die Scheinleiche auf das Polster und alle setzten sich in Bewegung, als auf einmal eine fremde Weiberstimme, welche ganz in der Nähe aus dichtem Gezweige hervordrang, einen plötzlichen Stillstand veranlasste. Unwillkürlich ballte sich Teobalds Faust, da er die majestätische Gestalt der Zigeunerin mit keckem Schritt in die Mitte treten sah, aber die Gegenwart einer unnahbaren Macht schien alle seine Kraft in Bande zu schlagen.

Indes man Agnesen, von den Mädchen geschäftig begleitet, hinwegtrug, sagte Elisabet mit ruhigem Ernst: "Wecket das Töchterchen ja nicht mehr auf! Entlasst in Frieden ihren Geist, damit er nicht unwillig, gleich dem verscheuchten Vogel, in der unteren Nacht ankomme, verwundert, dass es so balde geschah. Denn sonst kehrt ächzend ihre Seele zurück, mich zu quälen und meinen Freund; es eifert, ich fürchte, die Liebe selber im tod noch fort. Ich bin die Erwählte! mein ist dieser Mann! Aber er blickt mich nicht an, der Blöde! Lasst uns allein, damit er mich freundlich begrüsse!"

Sie tritt auf Teobalden zu, der ihre Hand, wie sie ihn sanft anfassen will, mit Heftigkeit wegwirft. "Aus meinen Augen Verderberin! verhasstes, freches Gespenst! das mir den Fluch nachschleppt, wohin ich immer trete! Auf ewig verwünscht, in die Hölle beschworen sei der Tag, da du mir zum ersten Male begegnet! Wie muss ich es büssen, dass mich als arglosen Knaben das heiligste Gefühl zu dir, zu deinem Unglück mitleidig hinzog, in welche schändliche Wut hat deine schwesterliche Neigung, in was für teuflische Bosheit hat deine geheuchelte Herzensgüte sich verkehrt! Aber ich konnte wissen, ich kindischer, rasender Tor, mit wem ich handeln ging! – Herr Gott im Himmel! nur diese Strafe ist zu hartElend auf Elend, unerhört und unglaublich, stürzt auf mich ein – O ihr, deren Blicke halb mit Erbarmen, halb mit entehrendem Argwohn auf mich, auf dieses Weib gerichtet sind, glaubt nicht, dass meine Schuld dem Jammer gleich sei, der mein Gehirn zerrüttet! Das Elend dieser Heimatlosen lest ihr auf ihrer Stirnaus dieser Quelle floss mir schon ein übervolles Meer von Kummer und Verwirrung. Keine Verbrecherin darf ich sie nennensie verdiente mein Mitleid, ach, nicht meinen Hass! Doch wer kann billig sein, wer bleibt noch Mensch, wenn der barmherzige Himmel sich in Grausamkeiten erschöpft? Was? wär's ein Wunder, wenn hier auf der Stelle mich selbst ein tobender Wahnsinn ergriffe, mich fühllos machte gegen das Äusserste, Letzte, das – o ich sehe es unaufhaltsam näher kommen! Was klag ich hier? was stehen wir alle hier? und droben der Engel ringt zwischen Leben und TodSie stirbt! Sie stirbt! Soll ich sie sehen? kann ich sie noch retten? O folgt mir! – Wohin? dort kommt Margot eben von ihr! Jajaauf ihrer Miene kann ich es lesenEs ist geschehenmit Agnes, mit Agnes ist es vorbei! – hinweg! lasst mich fliehen! fliehen ans Ende der Welt –" Kraftvoll hält ihn Elisabet fest, er stösst im ungeheuren Schmerz ein entsetzliches Wort gegen sie aus, aber sie umfasst mit Geschrei seine Kniee und er kann sich nicht rühren. Der Präsident wendet das Auge von der herzzerreissenden Szene. "Weh! Wehe!" ruft Elisabet, "wenn mein Geliebter mir flucht, so zittert der Stern, unter dem er geboren! Erkennst du mich denn nicht? Liebster! erkenne mich! Was hat mich hergetrieben? was hat mich die weiten Wege gelehrt? Schau an, diese blutenden Sohlen! Die Liebe, du böser, undankbarer Junge, war allwärts hinter mir her. Im gelben Sonnenbrand, durch Nacht und Ungewitter, durch Dorn und Sumpf keucht sehnende Liebe, ist unermüdlich, ist unertötlich, das arme Leben! und freut sich so süsser, so wilder Plage, und läuft und erkundet die Spuren des leidigen Flüchtlings von Ort zu Ort, bis sie ihn gefundenSie hat ihn gefundenda steht er und will sie nicht kennen. Weh mir! wie hab ich freudigern Empfang gehofft, da ich dir so lange verloren gewesen, und, Liebster, du mir! – So gar nicht achtest du meines herzlichen Grames, stössest mich von dir wie ein räudiges Tier, – das aber leckt mit der Zunge die Füsse des Herrn, das aber will von seinem Herrn nicht lassen. – – Ihr Leute, was soll's? Warum hilft mir niemand zu meinem