sie am meisten spricht.
Ich wohnte in England bei einer Verwandten, einer Witwe ohne Kinder. Sie war mit ihrem mann gegen den Willen beider verheiratet worden, sie lebten nur wenige Monate zusammen und er starb nach einigen Jahren im Auslande. Mein Aufentalt in London fiel eben in die Zeit, als die schöne Frau sich zum zweiten Male, und entschieden nach Neigung mit einem reichen Kaufmann aus Deutschland verlobte. Religiöse Schwärmerei, eben dasjenige, wodurch sie in der ersten Ehe so unglücklich gewesen, machte hier neben einer natürlichen leidenschaft das wesentliche Band der Herzen aus. Ich erinnere mich seiner noch ganz wohl, als eines Mannes von hoher und zugleich sehr zarter Gestalt, anziehend und geheimnisvoll in seinen Manieren. Er ging lange Zeit im Haus der Witwe aus und ein, sie sollen gemeinschaftlich die heimlichen Versammlungen einer gewissen sekte besucht haben, deren Grundsätze man eigentlich nicht kannte, kurz, er war erklärter Bräutigam; aber niemand begriff, warum es mit der Hochzeit nicht vorangehn wollte, von der sich die Familie eines der glänzendsten Feste versprach. Indessen ward er veranlasst eine sehr weit aussehende Reise in Geschäften nach Nordamerika zu tun, und nun zweifelte man gar nicht mehr, dass er die Verbindung in der Stille werde ausgehn lassen; man bemitleidete die Braut, die ihn jedoch ganz ruhig und getrost sich einschiffen sah, und soviel man bemerken konnte, bald einen lebhaften Briefwechsel mit ihm unterhielt. Ich war zugegen, als einsmals eine Kiste mit ausgewählten Geschenken anlangte, welche die Lady mit einem feierlichen Wohlgefallen ausbreitete, wobei sie mir vertraute: es wäre dies die Morgengabe ihres Gatten. Ich verstand sie nicht und sie erklärte sich auch nicht deutlicher. Späterhin erst ward mir das Rätsel gelöst. Das wundersame Paar hatte sich nämlich verpflichtet, die Vermählung auf eine höchst mysteriöse und völlig geistige Weise vollziehen zu lassen. Indem sie so viele hundert Meilen durch Land und Meer geschieden waren, sollte jedes in seinem eignen haus, zu einer und derselben Stunde, hier zwischen Aufgang, dort zwischen Untergang der Sonne, feierlich von zwei besonderen Priestern eingesegnet werden. Nachdem also die Braut ganz im geheimen aufs festlichste gekleidet und mit Blumen geschmückt, welche man gegen die Morgendämmerung im Garten gebrochen, die halbe Nacht sich mit Gebet auf die wichtige Handlung vorbereitet hatte, erschien der Geistliche, von dreien Glaubensbrüdern begleitet. Ein kleiner Saal war sparsam erleuchtet, ein Tisch, worauf zwei Kerzen brannten, zum Altare aufgeputzt. Als nun der Geistliche in seiner Liturgie an die Stelle kam, wo im Namen des Abwesenden mit dem Ja geantwortet werden sollte, verlöschte plötzlich eins der Lichter von selbst, zum Erstaunen der Gegenwärtigen und zum grössten Schrecken der Braut, die indessen dadurch getröstet wurde, dass man sie in diesem Zufall ein erfreuliches Zeichen sehen liess; sie richtete sich beruhigt von ihren Knieen auf und fühlte sich mit dem Geliebten innig und geheimnisvoll verbunden. Als man sie sofort allein gelassen, bestieg sie, der Vorschrift gemäss, ein hochzeitlich verziertes, mit süssen Wohlgerüchen besprengtes Lager, worin sie den Vormittag hinter dicht verschlossnen Fensterladen zubrachte. Mit was für Bildern sich ihre Träume beschäftigten, ob sie mit dem himmlischen Bräutigam oder dem irdischen verkehrt habe, lass ich dahingestellt sein – wahrscheinlich mit beiden zugleich, und keiner hatte somit Ursache zur Eifersucht. Genug von dieser tollen Zeremonie, deren raffiniert sinnliche Heiligkeit jeden empört. Merkwürdig bleibt nur, dass bald nachher die Nachricht vom tod des Kaufmanns einlief. Er war, nach kurzem Krankenlager, einige Tage vor der Hochzeit gestorben, an welcher er, wenn man der armen Wachskerze glauben will, wenigstens geistweise teilgenommen. Was halten Sie von dieser Manifestation eines Abgeschiedenen, mein lieber Maler?"
Teobald lächelte und war im Begriff, zu antworten, als Margot und Nannette mit grosser Bewegung ins Zimmer gelaufen kamen, und hastig ein Fenster öffneten, das gegen die Gartenallee hinaussah. "Um Gottes willen, hören Sie doch", rief das fräulein den beiden Männern zu, "was für ein seltsamer Gesang das ist!" Während der Präsident, ganz erstaunt, sich mit den Mädchen stritt, ob die stimme im Garten oder ausserhalb desselben sei, war Nolten in der Mitte des Zimmers sprachlos stehen geblieben: er kannte diese Töne, die Ruine vom Rehstock stand urplötzlich vor seinem Geist, ihm war, als schlüge das Totenlied einer Furie weissagend an sein Ohr, er zog seine Schwester vom Fenster hinweg und mit hastig verworrenen Worten fordert er sie auf, mit ihm nach Agnesen zu sehen. Sie fanden Schlafzimmer und Bett des Mädchens leer. Unter dem Wehruf eines Verzweifelten eilt Nolten hinunter, den Anlagen zu. Bediente mit Laternen waren bereits dort angekommen. Der Präsident vom Fenster aus gab ungefähr die Richtung an, von wo die stimme hergekommen, denn schon war kein laut mehr zu hören. Das ganze Schloss war in Bewegung und in dem weitläufigen Garten sah man bald so viele Lichter hin und her schweben, als nur Personen aufzutreiben waren. Der Präsident selbst half jetzt eifrig mitsuchen. Es war eine laue Nacht, der Himmel überzogen, kein Lüftchen bewegte die Zweige. Alle grösseren und kleinern Wege, Schlangenpfade, Gänge, Lauben, Pavillons und Treibhäuser hat man in kurzem vergeblich durchlaufen, einige steigen über die Mauer, andre eilen ohne Schonung der Gewächse und Beete, das Gebüsch und die tiefern Schatten zu beleuchten. Nicht lange, so winkt der Jäger des Präsidenten diesen mit einem traurigen Blicke hinweg, der Maler und die Frauenzimmer folgen. Wenige Schritte vom Haus,