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dunkeln Horizont machte die Szene nun erst recht einladend. Die junge Schwägerin, nach ihrer unsteten Art, war indes weggelaufen, um mit des Fräuleins Zofe zu kurzweilen, einer muntern Französin, in der sie einen unerschöpflichen Schatz von Geschichten und Spässen, eine wahre Adelschronik entdeckt hatte. Agnes bemühte sich, in Noltens Gedanken einzugehen, sein Schweigen tröstlich aufzulösen. Sie erinnerte sich jener Worte, welche der Maler im ersten Schmerz auf die entsetzliche Todesnachricht im Gastof etwas vorschnell gegen sie hatte fallenlassen, wornach sie sich dem Toten auf eine besondere Weise persönlich verpflichtet glauben musste. Ihre fragen deshalb hatte Nolten nachher nur ausweichend und so allgemein wie möglich beantwortet, auch diesmal ging er schnell darüber hin und sie beharrte nicht darauf. Nun aber sprach sie überhaupt so ruhig, so verständig von dem Gegenstand, aus ihren einfachen Worten leuchtete so ein reines und sicheres Urteil über die innerste Gestalt jenes verunglückten Geistes hervor, dass Teobald ihr mit Verwunderung zuhörte. Zugleich tat sie ihm aber weh, in aller Unschuld. Denn freilich musste sich in einem weiblichen Gemüt, auch in dem liebevollsten, die denke- und Handlungsweise eines Mannes wie Larkens, nach ihrem letzten sittlichen grund, um gar viel anders spiegeln als in den Augen seines nächsten Freundes, und Nolten konnte im Räsonnement des Mädchens, wie zart und herzlich es auch war, doch leicht etwas entdecken, wodurch er dem Verstorbenen zu nahgetreten sah, ohne dass er Agnesen auf ihrem Standpunkt zu widerlegen hoffen, ja dieses auch nur wagen durfte. "Du kennst, du kennst ihn nicht!" rief er zuletzt mit Eifer aus, "es ist unmöglich! O dass er dir nur einmal so erschienen wäre, wie er mir in zwei Jahren jeden Tag erschien, du würdest einen andern Massstab für ihn finden, vielmehr du würdest jedes hergebrachte Mass unwillig auf die Seite werfen. Ja, liebstes Herz" (er stockte, sich besinnend, dann rief er ungeduldig:) "Warum es dir verhalten? was ängstigt mich? O Gott, bin ich es ihm nicht schuldig? Du sollst, Agnes, ich will's, du musst ihn lieben lernen! dies ist der Augenblick, um dir das rührendste Geheimnis aufzudecken. Du bist gefasst, gib deine Hand, und höre, was dich jetzt, verstehe mich Liebste, jetzt, da wir uns ganzso selig ungeteilt besitzen, nicht mehr erschrecken kann. Wie? hat denn das Gewitter, das mit entsetzlichen Schlägen noch eben jetzt erschütternd ob deinem haupt stand, uns etwas anderes zurückgelassen, als den erhebenden Nachhall seiner Grösse, der noch durch deine erweiterte Seele läuft? und überall die Spuren göttlicher Fruchtbarkeit? die süsse, rein verkühlte Luft? Wir können vom Vergangenen gelassen reden, ohne Furcht, dass es deshalb mit seiner alten Pein aufs neue gegen uns aufstehen werde. Wär es nur Tag, nun würde rings die Gegend vom tausendfachen Glanz der Sonne widerleuchten! Doch, sei es immer Nacht! Mit tiefer Wehmut weihe sie ein jedes meiner Worte, wenn ich nunmehr von alten zeiten zu dir rede, wenn ich längst heimgeschickte Stürme vom sichern Hafen der Gegenwart aus anbetend segne, hier an deiner Seite, du einzige, du Teure, ach schon zum zweitenmal und nun auf ewig Mein-Gewordene! Ja, in den seligen Triumph so schwer geprüfter Liebe mische ich die sanfte Trauer um den Freund, der unsdu wirst es hörenzu diesem schönen Ziel geleitet hat.

Agnes! nimm diesen Kuss! gib ihn mir zurück! Er sei statt eines Schwurs, dass unser Bund ewig und unantastbar, erhaben über jeden Argwohn, in deinem wie in meinem Herzen stehe dass du, was ich auch sagen möge, nicht etwa rückwärts sorgend, dir den rein und hell gekehrten Boden unsrer Liebe verstören und verkümmern wollest.

Ein anderer an meinem Platz würde mit Schweigen und Verhehlen am sichersten zu gehen glauben, mir ist's nicht möglich, ich muss das verachten, o undnicht wahr? meine Agnes wird mich verstehen! – Was ich von eigner Schuld zu beichten habe, kann in den Augen des gerechten himmels selbst, ich weiss das sicher, den Namen kaum der Schuld verdienen; und doch, so leicht wird die rechtfertige Vernunft von dem schreckhaften Gewissen angesteckt, dass noch in tausend Augenblicken und eben dann, wenn ich den Himmel deiner Liebe in vollen Zügen in mich trinke, am grausamsten, mich das Gedächtnis meines Irrtums, wie eines Verbrechens befällt. Ja, wenn ich anders mich selbst recht verstehe, so ist's am Ende nur diese sonderbare Herzensnot, was mich zu dem Bekenntnis unwiderstehlich treibt. Ich kann nicht ruhn, bis ich's in deiner liebevollen Brust begraben, bis ich durch deinen Mund mich freudig und auf immer losgesprochen weiss."

Der Maler wurde nicht gewahr, wie dieser Eingang schon die arme innig beben machte. In wenigen, nur schnell hervorgestossenen Sätzen war endlich ein teil der unseligen beichte heraus. Aber das Wort erstirbt ihm plötzlich auf der Zunge. "Vollende nur!" sagt sie mit sanftem Schmeichelton, mit künstlicher Gelassenheit, indem sie zitternd seine hände bald küsst, bald streichelt. Er schwankt und hängt besinnungslos an einem Absturz angstvoll kreisender Gedanken, er kann nicht rückwärts, nicht voran, unwiderstehlich drängt und zerrt es ihn, er hält sich länger nicht, er zuckt undlässt sich fallen. Nun wird ein jedes Wort zum Dolchstich für Agnesens Herz. Ottodie