behauptete, so behagliche Stunden in langer Zeit nicht mehr gelebt zu haben, Nolten bemühte sich zum wenigsten, einen unzeitig auf ihm lastenden Ernst zu verleugnen. Nach Tische schickten sich die Mädchen an, Briefe nach Haus zu schreiben. Der Maler aber nahm eine Partie hinterlassener Schriften seines Freundes in den Garten.
Es war ein schwüler Nachmittag. Nolten trat in ein sogenanntes Labyrint. So heissen bekanntlich in der altfranzösischen Gartenkunst gewisse planmässig, aber scheinbar willkürlich ineinandergeschlungene Laubgänge, mit einem einzigen Eingang, welcher sich schwer wiederfinden lässt, wenn man erst eine Strecke weit ins Innere gedrungen ist, weil die grünen, meist spiralförmig umeinander laufenden und durch unzählige Zugänge unter sich verbundenen Gemächer fast alle einander gleichen. Die Wege sind sehr reinlich gehalten, die Wände glatt mit der Schere geschnitten, ziemlich hoch und oben gemeiniglich offen. Der Maler schritt in diesen angenehmen Schatten, seinen Gedanken nachhängend, von Zelle zu Zelle, und nachdem er lange vergeblich auf das Zentrum zu treffen gehofft hat, verfolgt er endlich eine bestimmte Richtung und gelangt auch bald in ein grösseres rundes Gemach, worauf die verschiedenen Wege von allen Seiten zuführen; es ist oben bis auf eine schmale Öffnung überwölbt, und diese sanfte Dämmerung, die Einsamkeit des Plätzchens, wo kaum das Summen einer Fliege die tiefe süsse Mittagstille unterbrach, alles stimmte vollkommen zu den Gefühlen unseres Freundes. Er setzte sich auf eine Bank und schlug die Mappe auf. Verschiedene Aufsätze fanden sich da, meistens persönlichen Inhalts, Poesien, kleine Diarien, abgerissene Gedanken. Sehr viel schien sich auf Teobald selbst zu beziehen, anderes war durchaus unverständlich, auf frühere Lebensepochen hindeutend. Besonders anziehend aber war ein dünnes Heft mit kleinen Gedichten, fast lauter Sonette "an L.", sehr sauber geschrieben. Nolten erriet, wem sie galten, denn der Verstorbene hatte ihm selbst von einer frühen Liebe zu der Tochter eines Geistlichen gesprochen. Es war allem nach ein höchst vortreffliches Mädchen, das in der schönsten Jugend gestorben. Wahrscheinlich fiel das Verhältnis in den Anfang von Larkens' Universitätsjahren; wie heilig ihm aber noch in der spätesten Zeit ihr Andenken gewesen, erkannte Teobald teils aus der Art, wie Larkens sich darüber äusserte (er sprach ganz selten und auch dann nie ohne Rückhalt von der Sache), teils auch aus andern Zeichen, die er erst jetzt verstand. So lag z.B. in den zierlich geschriebenen Blättern ein hochrotes Band mit schmaler Goldverbrämung, das der Schauspieler von Zeit zu Zeit und, wie Nolten sich bestimmt erinnerte, immer nur an Freitagen, unter der Weste zu tragen pflegte; der Maler legte die Gedichte zurück, um sie später mit Agnes zu geniessen. Jetzt aber ward er durch die Aufschrift einiger andern Bogen aufs äusserste frappiert und eigentlich erschreckt. "Peregrinens Vermählung mit *." Eine Note am Rand sagte deutlich, wer gemeint war; er blätterte und entdeckte im ganzen eine unschuldige Phantasie über seine frühere Berührung mit Elisabet. – Von jeher war es dem Schauspieler gewohntes Bedürfnis gewesen, alles, was ihn auf länger oder kürzere Zeit interessierte die Eigentümlichkeiten seines nächsten Umgangs, das ganze Leben mancher Freunde, durch Zutat seiner Einbildung mit einem magischen Firnis aufzuhöhen, sich näherzubringen und so alles auf zweifache Art zu geniessen. Er trieb diesen idealen Unterschleif nicht leicht in solchem Masse, dass ihm dadurch die natürliche Ansicht von Dingen und Personen verrückt oder unschmackhaft geworden wäre, er beurteilte namentlich Teobalds Wesen bei alledem auf die nüchternste Weise und pflegte jener phantastischen Neigung so wenig auf Kosten der Freundschaft, dass er vielmehr mit ängstlicher Sorgfalt alles und jedes vor ihm verstekkte, was auf die Gesundheit seines Gemüts irgend nachteilig von dorter hätte wirken können. So liess er sich denn insbesondere von seiner Vorliebe für Elisabet nichts gegen Teobald merken. Er beschäftigte sich lange Zeit mit dem Schicksale dieser person, doch ausser den getreu nach der Wahrheit verfassten Memoiren, welche der Leser längst kennt, kam Nolten keine Zeile von den dahin einschlagenden Versuchen zu Gesicht. Ohne Zweifel hatte Larkens einmal die Absicht gehabt, die geschichte mit der Zigeunerin für sich zu erweitern und ins Fabelhafte hinüberzuspielen; dasjenige, was der Maler in Händen hielt, waren teils Fingerzeige zu Gedichten, teils ausgeführte Stükke, welche in loser und schwebender Verknüpfung, wie es der mytischen Komposition angemessen schien, zuletzt einen gewissen Lebenskreis erschöpfen sollten. Freilich geschah diese wunderliche Amplifikation der an sich schon wunderbaren Tatsachen mehr in seiner eignen als Noltens Sinnesweise. Der Maler konnte sich an der Fiktion als solcher ergötzen, doch brachte diese Reihe von seltsamen Bildern alsbald eine solche Beklemmung, Unruhe und Schwere über ihn, dass er die Blätter mehr als einmal ungeduldig wegwarf.
Indem hier einige Stücke ausgehoben werden mögen, ist zum Verständnis des ersten Gedichts einer Randbemerkung zu erwähnen, wodurch auf eine gewisse Zeichnung hingewiesen wird, welche von Nolten zur Zeit, als er die Schule zu ** besuchte, entworfen, Elisabets Gestalt in asiatischem Kostüm, mit Szenerie im ähnlichen Geschmack, darstellte; später sah Larkens das Blatt und bat sich's aus, doch lag es nicht hier bei.
Die Hochzeit4
Aufgeschmückt ist der Freudensaal;
Lichterhell, bunt, in laulicher Sommernacht
Stehet das offene Gartengezelte;
Säulengleich steigen,
Reichlich durchwirket mit Laubwerk,
Die stolzen Leiber
sechs gezähmter, riesiger Schlangen,
Tragend und stützend das
Leicht gegitterte Dach.
Aber die Braut noch wartet bescheiden
In dem Kämmerlein ihres Hauses.
Endlich bewegt sich der Zug der Hochzeit,
fackeln tragend, Feierlich stumm.
Und in der Mitte,
Mich an der linken