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wollt ich doch sehen, die schönere Maschen und künstlichere Filets vorweisen könnte, als Sie, mein fräulein, hier bei diesen Linien und Graden gemacht haben!"

Sofort erklärte Margot dies und jenes, und wenngleich Nannette immer diejenige war, welche die Sachen am begierigsten auffasste, am schnellsten begriff, und am besten zu schmeicheln verstand, so blieb doch Margots Aufmerksamkeit, obwohl nicht unmittelbar, denn sie fürchtete durch eine direkte und vorzugsweise Belehrung Agnesen zu verletzen, dennoch am ersten auf diese gerichtet. Überhaupt hatte ihre Neigung zu dem stillen Mädchen etwas Wunderbares, man darf wohl sagen, Leidenschaftliches. Man sah sie, zumal auf dem Spaziergange, nicht leicht neben Agnes, ohne dass sie einen Arm um sie geschlagen, oder die Finger in die ihrigen hätte gefaltet gehabt. Zuweilen machte diese Innigkeit, dies unbegreiflich zuvorkommende Wesen das anspruchlose Kind recht sehr verlegen, wie sie sich zu benehmen, wie sie es zu erwidern habe.

Inzwischen hatte man die Nachbarschaft des Guts ziemlich kennengelernt, die Stadt ohnehin schon mehrmals besucht. Unter anderm rief Teobalden die Publikation des Larkensschen Testaments dahin. Es fand sich ein bedeutendes Vermögen. Ohne alle Rücksicht auf entferntere Familienglieder (nähere aber lebten überall nicht mehr), hatte der Verstorbene vorerst einige öffentliche Benefizien zumal für seinen Geburtsort gestiftet; sodann betrafen einzelne Legate nur eine kleine Zahl von Freunden, darunter eine Dame, deren Name und Charakter ausser dem Maler niemand erfuhr. Der letztere selbst und seine Braut waren keineswegs vergessen. Bemerkenswert ist die ausdrückliche Verfügung des Schauspielers, dass niemand sich beigehen lassen solle, sein Grabgleichgültig übrigens wo es seiauf irgendeine Weise ehrend auszuzeichnen.

Am Abende desselben tages, da diese Dinge in der Stadt bereinigt werden mussten, gab ein Konzert, von welchem alle Freunde der Musik lange vorher mit grosser Erwartung gesprochen, einen höchst seltenen Genuss. Es war der Händelsche Messias. Der Maler, dem ein hiesiger Aufentalt oft eine Art von Überwindung kostete, weil er sich eine reine Totentrauer durch unvermeidliche Zerstreuung fast jedes Mal vereitelt und zersplittert sah, fand heute in dem frommen Geist eines der herrlichsten Tonstücke den übervollen Widerklang derjenigen Empfindungen, mit denen er vom grab des Geliebten kommend unmittelbar in den Musiksaal eintrat. Er hatte sich etwas verspätet und musste ganz entfernt von seiner Gesellschaft, in einer der hintersten Ecken sich mit dem bescheidensten platz begnügen, den er jedoch mit aller Wahl nicht besser hätte treffen können. Denn ihn verlangte herzlich, die süsse Wehmut dieser Stunde bis auf den letzten Tropfen rein für sich auszuschöpfen, er sehnte sich, dem Sturme gottgeweihter Schmerzen den ganzen Busen ohne Schonung preiszugeben. – Spät in der Nacht fuhr er mit den drei Frauenzimmern (der Präsident war diesmal nicht dabei) im schönsten Mondenschein nach haus. Es hatte jenes Meisterwerk dermassen auf alle gewirkt, dass es in der ersten Viertelstunde, wo sie sich wieder im Gefährt befanden, beinahe aussah, als hätte man ein Gelübde getan, auf alles und jedes Gespräch darüber zu verzichten; und als das Wort endlich gefunden war, galt es dem teuren Larkens fast ausschliesslich. Das fräulein offenbarte sich bei der gelegenheit zum erstenmal entschiedener von seiten des Gefühls, was wenigstens dem Maler gewissermassen etwas Neues war, da es ihn manchmal deuchte, als stünde diese Eigenschaft bei ihr unter einer etwas zu strengen und jedenfalls zu sehr bewussten Vormundschaft des mächtigern Verstandes. Das Wahre aber ist: Margot verbot sich, bei aller übrigen Lebendigkeit, von jeher den kecken Ausdruck tieferer Empfindung, vielmehrer verbot sich von selber bei ihr, da sie ihr Leben lang nie einen Umgang gehabt, wie ihn das Herz bedurfte. Es wäre nicht leicht zu bezeichnen, was es eigentlich war, das einem so trefflichen Wesen von Kindheit an die Gemüter der Menschen, oder doch ihres Geschlechts, entfremden konnte. In der Tat aber, so wenig kannte sie das Glück der Freundschaft, dass sie ihre eigene Armut auch nur dunkel empfand, und dass ihr von dem Augenblick ein durchaus neues Leben, ja ein ganz anderes Verständnis ihrer selbst aufgegangen zu sein schien, da sie in Agnesen vielleicht die erste weibliche Kreatur erblickte, welche sie von Grund des Herzens lieben konnte und von der sie wiedergeliebt zu werden wünschte. Nolten las heute recht in ihrer Seele, obgleich auch jetzt noch ihre Worte etwas Gehaltenes und Ängstliches behielten, so dass sie, was niemals erhört gewesen, mitten in der Rede ein paarmal stockte, oder gar abbrach.

Zu haus angekommen, glaubten alle aus der lichten Wolke eines frommen und lieblichen Traumes unvermutet wieder auf die platte Erde zu treten, doch fühlte jedes im sanft und freudig bewegten inneren, dass dieser Abend nicht ohne bedeutende Spuren, sowohl in dem Verhältnis zueinander als im Leben des einzelnen werde bleiben können. Der Präsident nahm dieser Tage eine Reise vor, und in Geschäften, wie er sagte; doch eigentlich war seine Absicht, dem bevorstehenden Geburtsfeste seiner Frau auszuweichen. Der Maler mit den Mädchen war anstandshalber gleichfalls geladen und diese Höflichkeit musste angenommen werden. Der Präsident war schon fort, als die Botschaft einlief, die Feier unterbleibe wegen Unpässlichkeit der Frau. Vermutlich lag nur eine Empfindlichkeit gegen den Gatten zugrunde. Margot indes fuhr am Morgen allein nach der Stadt, verhiess jedoch, am Abend wieder hierzusein. So blieben unsre Leute einen vollen Tag sich selbst überlassen, was zur Abwechslung vergnüglich genug schien. Sie konnten sich so lange als die Herren dieser Besitzung denken; Nannettens rosenfarbener Humor erfreute sich einmal wieder des freiesten Spielraums, selbst Agnes