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Besonders angenehm erschienen immer nach dem Abendessen die ruhigen gemeinschaftlichen Lesestunden. Der Maler hatte anfangs unmassgeblich eine Lektüre vorgeschlagen, welche man in doppelter Hinsicht willkommen hiess. Unter den schriftlichen Sachen, die er vorläufig aus Larkens' Nachlasse an sich gezogen, befand sich zufälligerweise ein dünner, italienischer Quartband, die "Rosemonde" des Ruccelai entaltend, wovon ihm der Schauspieler, teils wegen der Seltenheit der alten ursprünglichen Venezianer-Ausgabe, teils weil eine angenehme Erinnerung für ihn dabei war, vormals mit besonderer Liebe gesprochen und gelegentlich erzählt hatte, dass er als fünfzehnjähriger Knabe das Buch aus der Sammlung eines Grossonkels nebst einigen andern Werken verschleppt habe, natürlich ohne es zu verstehen, nur weil die schön vergoldete Pergamentdecke ihn gereizt. Einige Zeit hernach habe von ungefähr ein Kenner es bei ihm erblickt und es für einen ausserordentlichen Schatz erklärt; hiedurch sei er auf den Inhalt neugierig worden, um so mehr, da seine Neigung zu Schauspielen und Tragödien schon damals bis zur Wut entzündet gewesen. Nun habe er der Rosemonde – der unbekannten Geliebten – zu Gefallen mit wahrhaft ritterlichem Eifer sich stracks dem Italienischen ergeben, und nachdem er die Süssigkeit der Sprache erst verschmeckt, für gar nichts anderes mehr auge und Ohr gehabt, in kurzem auch, ein zweiter Almachilde (so hiess Rosemondens Liebhaber und Retter), der armen Königstochter sich völlig bemächtigt.
War aber dieses Stück, als ein verehrter Zeuge der schönen Kindheit des tragischen Teaters der Italiener schon an und für sich merkwürdig genug, so setzte sich nun unser Zirkel, des Mannes eingedenk, von dem es herkam, mit einer Art von Andacht zu dem Trauerspiel, wiewohl es während des Lesens und Verdeutschens an munteren Bemerkungen nicht fehlte, entweder weil die Übersetzung zuweilen stocken wollte, oder weil man nicht umhin konnte, die im ganzen herrliche Charakteristik in der Dichtung mitunter etwas hart und holzschnittartig zu finden. Ausser Agnes und Nannetten war allen die Sprache bekannt; man übersetzte wechselsweise, am liebsten aber sah man immer das Buch in Margots hände zurückkehren, welche mit eigener Gewandteit die Verse in Prosa umlegte und meistens ein paar Szenen im voraus zu Papier gebracht hatte, da denn wirklich der Ausdruck an Kraft, Erhabenheit und Rundung nichts mehr zu wünschen übrig liess, so dass man, obgleich alles sehr treu gegeben war, etwas ganz Neues zu hören glaubte und den Dichter in seiner ursprünglich grandiosen natur vollkommen gerechtfertigt sah. Dem in gewisser Hinsicht unbefriedigenden Schlusse der Handlung half das fräulein, einem glücklichen Fingerzeig ihres Vaters folgend, durch Einschaltung einer kurzen Szene auf, worin die Vereinigung des liebenden Paares, welche der Dichter nur anzudeuten, bei seinem höhern Zwecke kaum für der Mühe wert gehalten, zum Troste jedes zart besorgten Lesers klärlich motiviert war. Man bedauerte nur, mit der Lektüre so schnelle fertig geworden zu sein, und weil jedermanns Ohr nun schon von den südlichen Klängen gereizt und hingerissen war, so brachte der Präsident einen italienischen Novellisten hervor, indessen der Maler gereimte Gedichte gern vorgezogen hätte, aus einem grund zwar, den er nicht allzu lebhaft geltend machen wollte: er war entzückt, wie Margot Verse las; er glaubte einen solchen Wohllaut kaum je von Eingeborenen gehört zu haben, und wenn es manchen Personen als ein liebenswürdiger Fehler angerechnet wird, dass sie das R nur gurgelnd aussprechen können, wie denn dies eben bei dem fräulein der Fall war, so schien diese Eigentümlichkeit der Anmut jenes fremden Idioms noch eine Würze weiter zu verleihen. Agnes entging es nicht, mit welchem Wohlbehagen Freund Teobald am mund der Leserin hing, allein auch sie vermochte demselben Zauber nicht zu widerstehen.
Überhaupt lernten die Mädchen nach und nach immer neue Talente an dieser Margot kennen; das meiste brachte nur der Zufall an den Tag, und weit entfernt, es auf eine falsche Bescheidenheit anzulegen, oder im Gefühl ihrer Meisterschaft den Unkundigen gegenüber die Unterhaltung über gewisse Gegenstände vornehm abzulehnen, teilte sie vielmehr die Hauptbegriffe sogleich auf die einfachste Weise mit und machte durch die Leichtigkeit, womit sie alles behandelte, den andern wirklich glauben, dass das so schwere Sachen gar nicht wären, als es im Anfang schien; sogar legte sie einmal das liebenswürdige Geständnis ab: "Wir Frauen, wenn uns der Fürwitz mit den Wissenschaften plagt, krebsen mitunter bloss, wenn wir zu fischen meinen, und freilich ist es dann ein Trost, dass es den Herren Philosophen zuweilen auch nicht besser geht. – sehen Sie aber", rief sie aus und schob die spanische Wand zurück, die in der Ecke ihres Zimmers einen grossmächtigen Globus verbarg, "sehen Sie, das bleibt denn doch eine Lieblingsbeschäftigung, wo man auf sicherem Grund und Boden wandelt. Der Vater hat mich drauf geführt, er liess die hohle hölzerne Kugel mit Gips und feiner Farbe weiss überziehen, ich zeichne die neuesten Karten darauf ab und mache ohne Schiff und Wagen mit Freuden nach und nach die Reise durch die ganze Welt. Die eine Hälfte wird bald fertig sein, und hier die neue Welt steigt auch schon ein wenig aus dem leeren Ozean." Agnes bewunderte die Schönheit und Genauigkeit der Zeichnung, die zierliche Schrift bei den Namen, die breit lavierte Schattierung des Meers an den Küsten herunter; Nannette aber rief: "Will man den Weibern einmal nichts anderes lassen, als das beliebte Nähen, Stricken, Bandmalen oder Sticken, und was damit verwandt sein mag, so sollte man mir gegen eine Arbeit wie diese, wenn ich es je bis dahin brächte, die Nase wahrhaftig nicht rümpfen, denn die Strickerin