mag, wieder ordentlich herzurichten. Oft hörte man ihn bei Nacht operieren, klopfen und sägen, und es war sonderbar, ihn dann so ohne alles Licht in der einsamen kammer bei seiner Arbeit zu denken. Was ihm aber kein Mensch geglaubt hätte: nach weniger als vier Wochen war er wirklich mit allem zustande gekommen. Sie müssen ihn einmal, und ohne dass er's weiss, auf der Orgel phantasieren hören; er behandelt sie auf eine eigene Art und nicht leicht würde ein anderes Instrument das eigentliche Wesen dieses Menschen so rein und vollständig ausdrücken können. Ich hätte billig unter seinen Vorzügen zuerst von seiner Frömmigkeit gesprochen, doch wird Ihnen diese nach dem bisher Gesagten um so wahrer und zärter erscheinen, und ich brauche jetzt desto weniger Worte davon zu machen. – Klavierspielen hatte er schon früher ohne Anleitung auf einem schlechten Pantalon gelernt, mein Vater versprach, ihm auf seinen Geburtstag ein ordentliches Instrument zu schenken. Solange wir in der Stadt wohnen, lass ich auch wohl zuweilen den Schlüssel in dem meinigen stecken und mag mir gerne denken, dass er sich ein Stündchen nach Herzenslust darauf ergehe, derweil seine Mutter die Zimmer reinigt. Er lobte mir neulich den Ton des Flügels mit solchem Feuer, dass er sich mit seinem Geheimnis verschnappte, er wurde plötzlich blutrot und ich hätte fürwahr viel gegeben, um einen Augenblick selbst zu erblinden und kein Zeuge dieser Beschämung zu sein. Es blieb nichts übrig, als ihn aufzufordern, sogleich eine Sonate mit mir zu probieren, die er mir und meinem Bruder abgehört hatte. Nichts geht ihm über das Vergnügen, vierhändig zu spielen. Das Stück, wovon ich rede, ist eines von den schwerern, allein es ging durchweg fast ohne Anstoss."
Der Präsident stand eben mit dem Maler auf der rechten Seite des Schlosses, als die Mädchen gegen den Hof herkamen; sie sprachen dort über eine gewisse Baukuriosität, der wir gelegentlich auch einen blick schenken müssen. Es endigte sich nämlich jener Flügel mit einer breitstufigen Steintreppe, welche vor den Fenstern des oberen Stocks ein Belvedere ansetzte und, hüben und drüben mit einem Geländer versehen, auf steinernen Bogen herablief. Mit der letzten Stufe an der Erde trat man in ein niedliches Rosengärtchen, welches im Viereck von einer niedern, künstlich ausgehauenen Balustrade umgeben, einerseits auf den Abhang des Schlossbergs hinuntersah, andererseits durch ein eisernes Gatter in die Allee einführte. Alles das fand sich in den gleichen Verhältnissen auch auf der entgegengesetzten Flanke des Gebäudes, jedoch meist nur von Holz und auf den Schein berechnet. Altan und Treppe waren dort verwittert und ohne Gefahr nicht mehr zu betreten.
Die Gesellschaft begab sich ins Innere des Hauses, und bis zum Abendessen trieb ein jedes was ihm beliebte. Der Präsident liess seinen Gästen Zeit, es sich bequem zu machen. Gleich anfangs hatte er den Grundsatz erklärt, es müsse neben den Stunden der gemeinsamen Unterhaltung und des unmittelbaren Beieinanderseins durchaus auch eine Menge Augenblicke geben, die, sozusagen, den zweiten und indirekten, gewiss nicht minder lieblichen teil der Geselligkeit ausmachen, wo es erfreulich genug sei, sich miteinander unter einem dach zu wissen, sich zufällig zu begegnen und ebenso nach Laune festzuhalten. Unseren beiden Frauenzimmern, welche dem Hausherrn gegenüber doch immer etwas von Schüchternheit bei sich verspürten, kam eine solche Freiheit zu ganz besonderm Troste, dem Maler war sie ohnehin Bedürfnis, und sogleich gab der Präsident das Beispiel, indem er sich noch auf ein Stündchen ins Arbeitskabinett zurückzog.
Die Tischzeit versammelte alle aufs neue, und als man sich zuletzt gute Nacht sagte, trat jedem der Gedanke erstaunend vor die Seele, durch was für eine ungeheure Fügung sich die fremdesten Menschen dergestalt haben zusammenfinden können, dass es schon heute schien, als hätte man sich immerdar gekannt, als wäre man zusammengekommen, um niemals wieder Abschied zu nehmen.
Nachdem wir von der Stellung der Personen, sowie von deren häuslicher und ländlicher Umgebung insoweit den Begriff gegeben haben, besorgen wir noch kaum, dass unsre Leser ein vollständiges Journal von den Unterhaltungen der nächsten Tage von uns erwarten möchten.
Was ausserhalb des Schlossbezirks nur immer Anlockendes zu Pferd und Wagen zu erreichen war, und was das Eigentum des Präsidenten, zumal eine sehr reichhaltige Bibliotek, zur Unterhaltung darbot, ward abwechselnd genossen und versucht. Der Präsident liebte die Jagd, und obgleich Teobald weder die mindeste Übung, noch auch bis jetzt einigen Geschmack daran hatte, so war ihm in seiner gegenwärtigen Verfassung der Vorteil dieser Art sich zu bewegen, wobei sowohl Leib als Seele in kräftiger Spannung erhalten wird, gar bald sehr fühlbar und bei einigem Glück mit den ersten Versuchen sogar ergötzlich geworden. Er kehrte an so einem Abend auffallend erheitert und lebhaft nach haus. Auch hatten die Mädchen bereits ihren Scherz mit ihm, indem Margot behauptete: es könnte wohl nicht leicht ein Maler die schönste Galerie der seltensten Kunstwerke mit grösserem Interesse durchlaufen, als er die Gewehrkammer ihres Vaters, worin er wirklich stundenlang verweilte. Gewiss aber war auch weit und breit eine solche Sammlung nicht anzutreffen. Gewehre aller Art, vom ersten Anfang dieser Erfindung bis zu den neuesten Formen des englischen und französischen Kunstfleisses, konnte man hier aufs schönste geordnet in fünf hohen Glaskästen sehen. Die Freunde bemerkten mit Lächeln, wie Nolten jedesmal eine andere Flinte für sich aussuchte, denn mit jeder hoffte er glücklicher zu sein, und endlich griff er gar nach einem alten türkischen Geschoss, welches zwar prächtig und gut, doch für den Zweck nicht passend und deshalb von dem schlechtesten Erfolg begleitet war