als wenn die Gegenstände Augen hätten statt seiner und kämen ihm von selbst entgegen. Dies gibt nun einen so rührenden Begriff von der Neigung, dem stillen Einverständnis zwischen der äussern natur und der natur dieses sonderbaren Menschen. Da er nicht von Geburt, sondern etwa seit seinem fünften Jahre blind ist, so kann er sich Farben und Gestalten vorstellen, aber wunderlich klingt es, wenn man ihn die Farben gewisser Blumen mit grosser Bestimmteit, aber oft grundfalsch so oder so angeben hört; er lässt sich seine idee nicht nehmen, da er sie ein für allemal aus einem unerklärlichen Instinkt, hauptsächlich aus dem verschiedenen Geruche, dann auch aus dem eigentümlichen Klange eines Namens vorgefasst hat. Das erstere kann man ihm noch hingehn lassen, der Zufall tut viel, und wirklich hat er es einigemal bei sehr unbekannten Blumen auffallend getroffen."
"Wäre aber", sagte Agnes, "doch etwas Wahres daran, so sollte man auch wohl die Gabe haben können, etwa aus der stimme eines Menschen auf sein Wesen zu schliessen, wenn auch nicht auf den Namen, denn gesetzt, man schöpfte diesen für die Blumen wirklich aus einem bestimmten Gefühl, oder, wie soll ich sagen? aus einer natürlichen Ähnlichkeit, so kämen wir auf jeden Fall zu kurz neben diesen Frühlingskindern, die man doch gewiss erst, nachdem sie vollkommen ausgewachsen waren, getauft hat, um ihnen nicht Unrecht zu tun mit einem unpassenden Namen, während wir den unsrigen erhalten, ehe wir noch den geringsten Ausdruck zeigen."
Margot war über diese artige Bemerkung erfreut und Nannette erinnerte gelegentlich an die sogenannte Blumensprache, woraus man seit einiger Zeit ordentlich kleine Handbücher mache. "Was mir an dieser Lehre besonders gefällt, das ist, dass wir Mädchen bei all ihrer Willkürlichkeit doch gleich durch die Bedeutung, die dem armen nichtswissenden Ding im buch beigelegt ist, unser Gefühl bestimmen und umstimmen lassen können, weil wir dem Menschen, der sich untersteht, so was ein für allemal zu stempeln, doch einen Sinn dabei zutrauen müssen, oder weil eine gedruckte Lüge doch immer etwas Unwiderstehlicheres hat als jede andere."
"Oder", versetzte Margot, "weil wir ängstlich sind, durch unser vieles Um- und Wiedertaufen eine böse Verwirrung in das hübsche Reich zu bringen, so dass uns die armen Blumen am Ende gar nichts Gewisses mehr sagen möchten."
"Wie närrisch ich früher über Namen der Menschen gedacht habe und zuweilen noch denken muss, kann ich bei der gelegenheit nicht verschweigen", sagte Agnes. "Sollten denn, meint ich, die Namen, welche wir als Kinder bekommen, zumal die weniger verbrauchten, nicht einen kleinen Einfluss darauf haben, wie der Mensch sich später sein innerliches Leben formt, wie er andern gegenüber sich fühlt? ich meine, dass sein Wesen einen besonderen Hauch von seinem Namen annähme?"
"Dergleichen angenehmen Selbsttäuschungen", erwiderte das fräulein, "entgeht wohl niemand, der tiefern Sinn für Charakter überhaupt hat, und da sie so gefahrlos als lieblich sind, so wollen wir sie uns einander ja nicht ausreden."
Nannette war beiseite getreten und kam mit einem kleinen Strauss zurück. Während sie ihn in der Stille zurechtfügte, schien ihr ein komischer Gedanke durch den Kopf zu gehen, der sie unwiderstehlich laut lachen machte. "Was hat nun der Schelm?" fragte Margot, "es geht auf eins von uns beiden – nur heraus damit!" "Es geht auf Sie!" lachte das Mädchen, "ist aber nichts zum Übelnehmen. Ich suchte da nach einer Blume, die sich für Ihren Sinn und Namen passen könnte, nun heisst doch wohl Margot nicht weniger noch mehr als Margarete, natürlich fiel mir also ein, wie leichtfertig es lassen müsste, wie dumm und ungeschickt, wenn Ihnen jemand hier dies Gretchen im Busch verehren wollte." Alle lachten herzlich über diese Zusammenstellung, die freilich nicht abgeschmackter hätte sein können.
"Im Ernst aber", sagte Nannette und sprach damit wirklich ihres Herzens Meinung aus, "für Sie, bestes fräulein, könnte ich wohl einen Sommer lang mit dem Katalogen in der Hand durch alle Kaisergärten suchen, eh mir endlich das begegnete, was Ihrer person, oder weil dies einerlei ist, Ihres Namens vollkommen würdig wäre." "So?" lachte Margot, "also bleib ich, eben bis auf weiteres brav Gretel im Busch! Zum Beweis aber" (hier stand sie auf und trat vor ein Rondell mit blühenden Stöcken) "dass ich glücklicher bin im Finden als Sie, Böse und Schöne, steck ich Ihnen gleich diese niedliche Rose ins Haar, Agnes hingegen diese blauliche Blüte mit dem würzigen Vanilleduft!"
Man ging nun scherzend weiter und das fräulein fing wieder an: "Vom guten Henni sind wir ganz abgekommen, so heisst der Blinde, eigentlich Heinrich. Weil seine vorhin genannten Talente einigermassen zweideutig sind, so muss man ihm bei den andern desto mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen. Er hat viel mechanisches Geschick und seltne musikalische Anlagen. In einer leeren kammer des linken Schlossflügels, welche vor nicht sehr langer Zeit noch zur Hauskapelle der frühern Besitzer eingerichtet war, steht eine Orgel, die lange kein Mensch ansah. Sie befand sich im schlechtesten Zustande, bis Henni vor andertalb Jahren sie entdeckte. Er hatte nun nicht Rast noch Ruhe, das verwahrloste staubige Werk, Klaviatur, Pedal und Blasbälge, samt den fehlenden und zerbrochenen Stäbchen, Klappen und Drähten, deren Zahl beiläufig hundert und eines sein