Wege, durch manches hölzerne Kreuz die katolische Einwohnerschaft im voraus verkündigen. Das Schloss selber ist ein altertümliches Gebäude, massiv von Stein, in zwei gleich lange Flügel gebaut, welche nach unsrer Seite her in einen stumpfen Winkel zusammenlaufen, so, dass der eine, mehr seitwärts gelegene, sich, je näher man dem Hauptportale kam, hinter den andern zurücklegen musste. Das ernste und würdige Ansehn des Ganzen verlor nur wenig durch die moderne gelbbraune Verblendung. Überall bemerkte man vorspringende Erker und schmale Altane, ziemlich unregelmässig, aber bequem und auf die Aussicht ins Weite berechnet. Man fuhr in den Schlosshof ein, der hinten durch eine im Halbkreis gezogene Kastanienallee gar schön geschlossen ist, indem dieselbe rechts und links auf beide Flügelenden zugeht. Die Mitte des Halbzirkels nimmt ein achteckig gefasster See mit Springbrunnen ein, deren altfränkische Delphine nach vier Seiten hin ihr wasser strahlen. Die Allee wird durch geradlinige Wege dreimal durchschnitten, um in die zunächst hinterliegenden Anlagen zu gelangen; der mittlere Ausgang führt nach der Schnur auf ein ansehnliches Gartenhaus zu.
Von der herrschaft wurden im ganzen schloss bloss die beiden Etagen des einen Flügels bewohnt, die obern vom Präsidenten, unten befanden sich die Zimmer der Frau, wo nun auch die beiden Mädchen mit dem fräulein einquartiert werden sollten. Das alles war, wenige Piecen ausgenommen, nach neuerem Geschmacke. An Bedienung, weiblicher sowohl als männlicher, fehlte es nicht.
Nachdem die neuen Gäste einigermassen eingerichtet waren, trank man den Kaffee in einem der vielen Bosketts im Garten und wandelte sodann, in zwei Partien abermals getrennt, die ganze Anlage durch. Ihr Umfang war, obgleich beträchtlich, doch kleiner als es von innen der Anschein gab, weil Bäume und Gebüsch die Mauer überall verbargen.
Agnes und Nannette, ihre gefällige Freundin in der Mitte, empfanden sich in einem völlig neuen Elemente; jedoch sein Fremdes ward ihnen durch Margots höchst umgängliches und ungeniertes Wesen mit jeder Viertelstunde mehr zu eigen. Überhaupt finden wir nun Zeit von der Tochter zu reden, und sie verdient, dass man sie näher kennenlerne. Das munterste Herz, verbunden mit einem scharfen verstand, der unter dem unmittelbaren Einflusse des Vaters, verschiedene, sonst nur dem männlichen Geschlecht zukommende Fächer der Wissenschaft, man darf kecklich sagen, mit angeborener leidenschaft und ohne den geringsten Zug von gelehrter Koketterie ergriffen hatte, schienen hinreichende Eigenschaften, um mit einem Äussern zu versöhnen, das wenigstens für ein gewöhnliches Auge nicht viel Einnehmendes, oder um es recht zu sagen, bei viel Einnehmendem, manches unangenehm Auffallende hatte. Die Figur war ausserordentlich schön, obgleich nur mässig hoch, der Kopf an sich von dem edelsten Umriss, und das ovale Gesicht hätte, ohne den aufgequollenen Mund und die Stumpfnase, nicht zärter geformt sein können; dazu kam eine braune, wenngleich sehr frische Haut, und ein Paar grosse dunkle Augen. Es gab, freilich nur unter den Männern, immer einige, denen eine so eigene Zusammensetzung gefiel; sie behaupteten, es werden die widersprechenden Teile dieses Gesichts durch den vollen Ausdruck von Seele in ein unzertrennliches Ganzes auf die reizendste Art verschmolzen. Man hatte deshalb den Bewunderern Margots den Spottnamen der afrikanischen Fremd- und Feinschmecker aufgetrieben, und wenn hieran gewisse allgemein verehrte Schönheiten der Stadt sich nicht wenig erbauten, so war es doch verdriesslich, dass eben die geistreichsten Jünglinge sich am liebsten um diese Afrikanerin versammelten. Die Spässe der ballgerechten Stutzer waren indes, der Eifersucht zum Troste, unerschöpflich. So hatte ein Lieutenant, der sonst eben nicht im Geruche des witzigsten Kopfes stand, den köstlichen Einfall ausgeheckt: man bemerke an des Präsidenten Tochter, bei genauerer Betrachtung, ein feines Bärtchen um die Lippen, welches wohl daher komme, dass sie als Kind sich schon von den alten Knasterbärten, den Ciceros und Xenophons habe küssen lassen, und vergessen, sich den Mund rein zu wischen. Das Schönste war, dass Margot dergleichen Armseligkeiten, auch wenn sie darum wusste, im geringsten nicht bitter empfand; sie erschien bei den öffentlichen Vergnügungen, wozu freilich mehr die Mutter als das eigene Bedürfnis sie trieb, immer mit gleich unbefangener Heiterkeit, sogar gehörte sie bei Spiel und Tanz zu den eigentlich Lustigen; aber indem sie Wohlgesinnte und Zweideutige ganz auf einerlei Weise behandelte, zeigte sie, ohne es zu wollen, dass sie den einen wie den andern missen könne. Allein auch diese unschuldigste Indifferenz legte man entweder als Herzlosigkeit, oder Stolz aus. Agnes und selbst die leichter gesinnte junge Schwägerin huldigten dem guten Wesen von ganzem Herzen, ohne erst noch seine glänzendste Seite zu kennen.
Die Mädchen sassen im Gespräch auf einer Bank und sahen jetzt einen jungen Menschen von etwa sechszehn Jahren, gewöhnlich aber rein gekleidet und einige Bäumchen im Scherben tragend, den breiten Weg herunterlaufen. Wie er an ihnen vorüberkam, nickte er nur schnell und trocken mit dem kopf vor sich hin, ohne sie anzusehn. Die zarte Bildung seines Gesichts, die ganze Haltung des Knaben machte Nannetten aufmerksam, und Margot sagte: "Es ist der blinde Sohn des Gärtners. Sie haben ihn mitleidig angesehn und es geht anfänglich jedermann so, man glaubt ihn leidend, doch ist er es nicht, er hält sich für den glücklichsten Menschen. Wir lieben ihn alle. Er hilft seinem Vater und verrichtet eine Menge Gartengeschäfte mit einer Leichtigkeit, dass es eine Lust ist, ihm zuzusehn, wenn ihm einmal die Sachen hingerüstet und bedeutet sind. Nichts kommt ihm falsch in die Hand, kein Blättchen knickt ihm unter den Fingern, eben