und wollen, traurig und froh, eines dem andern sein was wir können."
Nolten liess den in Tränen schimmernden blick freundlich auf Agnesen hinübergleiten, die denn, zum Zeichen was sie denke, mit Innigkeit die Hand Margots ergriff, welch letztere, diese Meinung liebreich zu erwidern, sich alsbald gegen beide Mädchen hinbeugte und sie küsste.
"Wer könnte hier noch länger widerstehn!" rief Nolten aus. "Ihre Güte, teurer Mann, ist fast zu gross für mich, ich nehme sie aber, wenn auch nur schüchtern, im Namen unseres Toten an. – Unsere Reise, meine guten Kinder", setzte er gegen die Seinigen hinzu, "insofern sie dem Vergnügen gelten sollte, war ich seit gestern ohnehin entschlossen abzukürzen, ich wollte ungesäumt dem Orte unseres künftigen Bleibens und meiner Pflicht entgegengehn. Unvermutet hat sich uns nun eine dritte Aussicht eröffnet, die selbst mit ihrer schmerzlichen Bedeutung bei weitem den schönsten Genuss und die lieblichste Zuflucht verspricht."
Ein Bedienter kam und meldete einige Herren, welche der Präsident auf diese Stunde zu sich gebeten hatte. Es war der Regisseur des Teaters und drei andere Künstler, die sich für Nolten nicht weniger, als für den Verstorbenen interessierten, da ihnen der Maler durch Renommee schon längst nicht fremd mehr war. Der Regisseur kam vor Jahren einmal mit Larkens in persönliche Berührung. Er wollte, auf Anregung des Präsidenten und darum ohne Widerspruch von seiten der Geistlichkeit, ein Wort am grab reden; Teobald hatte ihm hiezu die nötigen Notizen schon am Morgen zusammengeschrieben. Man beredete noch einiges wegen der Feierlichkeit.
Indessen hatte sich der Tag schon ziemlich geneigt, und seine ahnungsvolle Dämmerung wälzte mit den ersten Trauerschlägen von dem Turme her langsam und feierlich das letzte grösste Schmerzgewicht auf die Brust unsrer Freunde. Die Leiche musste vor dem haus des Präsidenten vorüberkommen, wo denn die ordentliche Begleitung mit einbrechender Nacht, Punkt neun Uhr sich aufstellen und ein Fackelzug von Künstlern und Schauspielern die Leiche abholen sollte, währenddessen die übrigen Fussgänger und die Wagen hier zu warten angewiesen waren.
Nolten suchte noch einen Augenblick loszukommen, um in aller Stille einen letzten gang nach des Tischlers haus zu tun. Dort traf er bereits eine Menge Neugieriger in der engen Gasse versammelt, doch wagte niemand, ihm zu folgen, als der alte Meister ihm den Schlüssel zu der bekannten, weit nach hinten zu gelegenen kammer reichte. Ein weisser, mit frischen Blumen behängter Sarg stand auf dem Gange. Köstliches Rauchwerk kam ihm aus dem Zimmer entgegen, als er eintrat. Aber aufs schönste ward er überrascht und gerührt durch einen Schmuck, den eine unbekannte Hand dem Toten hatte angedeihen lassen. Nicht nur war der Körper mit einem langen, feinen Sterbekleid und schwarzer Schärpe reinlich umgeben, sondern ein grosser, blendend weisser Schleier, mit Silber schwer gestickt, bedeckte das Antlitz und liess einen grünen Lorbeerkranz, der um die hohe Stirne lag, und selbst die Züge des Gesichts gar milde durchschimmern.
Der Maler blieb nicht länger vor dem Bette stehen, als eben hinreichte, um jenes stumme, langgedehnte Lebewohl – sei es auf Wiedersehn, ach! oder auch auf ewig Nimmersehn – durch das Tiefinnerste der Seele ziehen zu lassen und jeden stillen Winkel seiner Brust mit diesem Liebesecho schmerzlich anzufüllen.
Er hörte Tritte auf dem gang, schnell riss er sich los, in Eifersucht, dass diesen Ruheanblick, den er auf alle zeiten mit sich nehmen wollte, kein anderer mit ihm teile. Wir sehen einen frischen Tag über der Stadt aufgehn, und sagen von dem gestrigen Abende nicht mehr, als dass die ganze Feier schön und würdig vollzogen wurde.
Der heutige Morgen, es war ein Sonntag, ging mit Einpacken, oder mit Besuchen hin, die Nolten in der Stadt zu machen und zu erwidern hatte. Die ausserordentliche Begebenheit erwarb ihm eine grosse Anzahl teils neugieriger, teils aufrichtiger Freunde, es kam nun eine Einladung nach der andern, darunter sehr ehrenvolle, die er nicht ablehnen durfte. Es wurde deshalb beschlossen, dass man nicht heute abend, wie anfangs verabredet gewesen, sondern morgen auf das Landgut fahre. Die Familie des Präsidenten war indessen in aller Frühe schon hier eingetroffen, und Nolten sah die Präsidentin auf kurze Zeit, neben dem Gemahl, doch war es ebendarum bei aller möglichen Artigkeit von ihrer Seite eine ziemlich frostige Bekanntschaft. Nannette, welche auch dabei zugegen, konnte sich nicht genug verwundern über die hohle Zärtlichkeit des vornehmen Ehepaars und sie machte gleich hernach Agnesen die ganze Szene vor, wie sich beide geküsst, wie zierlich die Frau ihr Sprüchlein gelispelt habe.
Als Teobald wegen des dem armen Freunde gewidmeten Ehrenschmucks ein dankbares Wort an das fräulein richtete – denn er vermutete sonst niemanden darunter – vernahm er, dass zwar der Schleier von ihr, das übrige jedoch von einer edlen Dame gekommen, welche den Schauspieler vor mehreren Jahren in einigen seiner vorzüglichsten Rollen gesehen habe. Margot nannte ihren Namen mit achtung und erzählte, dass sie dieselbe Frau noch vor ganz kurzer Zeit gelegentlich in einer Gesellschaft sehr munter von jenen Vorstellungen habe erzählen hören.
Montag mittag endlich verliessen die Freunde erleichterten Mutes die Stadt. Die Neuburger Chaise mit einem teil des Gepäcks sollte hier zurückbleiben. Unsre Gesellschaft teilte sich in zwei Gefährte des Präsidenten, so dass die Herren in dem einen, die drei Frauenzimmer in dem andern für sich allein waren.
Nach einer Stunde schon sah man das Schloss vor sich auf der flachen Anhöhe liegen, am fuss derselben ein kleines Landstädtchen, dessen Marken durch manches Betaus am