Armen als unbekannter Wohltäter unvergesslich gemacht.
Mittagszeit war da, die Mädchen angekleidet und Nolten bereit, mit ihnen zu gehen. Eine Tochter des Präsidenten empfing sie auf das artigste, und nach einiger Zeit erschien der Vater; ausserdem kam niemand von der Familie zum Vorschein. Die Frau, mit dreien andern Kindern, einem ältern Sohne und zwei Töchtern, wurde erst heute abend vom land erwartet, und zwar, wie man überall wusste, nur um ihren Aufentalt wieder auf einige Monate mit dem Gemahl zu wechseln.
Während der Präsident sich, bis man zu Tische ging, eifrig mit dem Maler unterhielt, gesellte sich Margot zu den beiden Frauenzimmern. Sie war immer der Liebling des Vaters gewesen und bildete, weil es ihrer innersten natur widersprach, ausschliessende Partei zu nehmen, eine Art von leichtem Mittelglied zwischen den zwei getrennten Teilen.
Es war serviert, man setzte sich. Für jetzt betraf die Unterhaltung nur Dinge von allgemeinerem Interesse. Ein zartes Einverständnis der Gemüter schloss von selbst den Gegenstand geweihter Trauer für diese Stunde aus. Dagegen war der Augenblick, wo endlich das Gefühl sein Recht erhielt, einem jeden desto inniger willkommen. Wir sind genötigt, hier so manches bemerkenswerte Wort der wechselseitigen Aufklärung über die Eigentümlichkeit und allmähliche Verkümmerung von Larkens' Wesen zu übergehen, und erzählen dafür mit den eignen Worten des Präsidenten, auf welche Art er zur Bekanntschaft des Schauspielers gelangte.
"Vor einem Vierteljahr machte die hiesige Bühne den bis daher in Deutschland noch nicht erhörten Versuch, Ludwig Tiecks Lustspiele aufzuführen. Die idee war von dem berühmten S** – ausgegangen, welcher als Gast hier einige Monate spielte und für jenes entusiastische Projekt weniger die Intendanz, als vielmehr die höheren Privatzirkel des gebildeten Publikums, denen er Vorlesungen hielt, zu elektrisieren wusste. Nach einer sehr gründlichen Vorbereitung unserer Akteurs, und nachdem er durch eine Reihe anderer, gewohnter Vorstellungen sich vorweg das Zutrauen sämtlicher Teaterliebhaber im höchsten Grade gewonnen hatte, ward endlich 'Die verkehrte Welt' angekündigt. Die wenigen, welche diese geistvolle Dichtung kannten und schätzten, wollten freilich voraussehn, dass bei der Stumpfsinnigkeit, nicht nur der Menge, auf die man im voraus verzichtete, sondern der sogenannten Gebildeten die schöne Absicht im ganzen verunglücken müsse; ja S** selbst soll dies vorhergesehen haben, und man glaubt, er habe diesmal teils auf Kosten des grossen Publikums, teils seines eigenen Rufs, einer Privatvorliebe zu viel nachgegeben. Auf der andern Seite ist seine Uneigennützigkeit zu bewundern, da ihm offenbar mehr daran lag, das Genie des Dichters vor den Einsichtsvollen zu verherrlichen, als ihn zur Folie seiner persönlichen Kunst zu gebrauchen. Da inzwischen auch die Eingeweihten das mögliche raten, um eine allgemeine Erwartung zu erregen, den Philistern eins anzuhängen und ihnen die Köpfe im voraus zu verrücken, so versprachen sich diese, vom Titel des Stückes verführt, ein recht handgreifliches Spektakelstück und alles ging glücklich in die Falle. Die Aufführung, ich darf es sagen, war meisterhaft. Aber, Gott verzeihe mir, noch heute, wenn ich an den Eindruck denke, weiss ich mich nicht zu fassen. Diese Gesichter, unten und auf den Galerien, hätten Sie sehen müssen! Tieck selbst würde die Physiognomie des Haufens, als mitspielender person, neben den unter die Zuschauer verteilten Rollen, sich nicht köstlicher haben denken können. Diese unwillkürliche Selbstpersiflage, dies fünf- und zehnfach reflektierte Spiegelbild der Ironie beschreibt kein Mensch. In meiner Loge befand sich der Legitationsrat U., einer der wärmsten Verehrer Tiecks wir sprachen und lachten nach Herzenslust während eines langen Zwischenakts (denn eine ganze Viertelstunde lang war der Direktor in Verzweiflung, ob er weiterspielen lasse oder aufhöre). Während dieses tollen Tumultes nun, während dieses Summens, Zischens, Bravorufens und Pochens hörten wir neben uns, nur durch ein dünnes Drahtgitter getrennt, eine stimme ungemein lebhaft auf jemanden losschwatzen: 'O sehen Sie doch nur um Gottes willen da aufs Parterre hinunter! und dort! und hier! der Spott hüpft wie aus einem Sieb ein Heer von Flöhen an allen Ecken und Enden hin und her – Jeder reibt sich die Augen, klar zu sehen, jeder will dem Nachbar den Floh aus dem Ohre ziehen und von der andern Seite springen ihm sechse hinein – Immer ärger! – ein Teufel hat alle Köpfe verdreht – es ist wie ein Traum auf dem Blocksberg – es wandelt alles im Schlaf – Herrn und Damen bekomplimentieren sich, im Hemde voreinander stehend, glauben sich auf der Assemblee, sagen: 'Waren Sie gestern auch in der verkehrten Welt? Gottlob nun wäre man doch wieder bei sich selbst' usw. – Der alte Geck dort aus der Kanzlei, o vortrefflich! bietet einer muntern Blondine seine Bonbonniere mit grossmächtigen Reichssiegeloblaten an und versichert, sie wären sehr gut gegen Vapeurs und Beängstigungen. Hier – sehen Sie doch, gerade unterm Kronleuchter – steht ein Ladendiener vor einem fräulein und lispelt 'Gros de Naples-Band? Sogleich. Wieviel Ellen befehlen Sie wohl?' Er greift an sein Ohr, zieht es in eine erstaunliche Länge, misst ein Stück und schneidet's ab. Aber bemerken Sie nicht den Inkroyable am dritten Pfeiler vom Orchester an? wie er sich langsam über die Stirne fährt und auf einmal den Poeten embrassiert 'O Freund! ich habe schön geträumt diese Nacht! Ich habe ein winzig kleines Spieldöschen gehabt, das ich hier, schaun Sie, hier in meinen hohlen Zahn legte, ich durfte nur ein wenig darauf beissen und die ganze Zauberflöte, sag ich Ihnen