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gute Nacht, und war schon auf der Schwelle, als Lörmer, der Büchsenmacher, ihm den Weg vertrat. Der Mensch bot einen Anblick dar, der Ekel, Grauen und Mitleid zugleich erwecken musste. Von Wein furchtbar erhitzt, mit stieren Augen, einen grässlichen Zug von Lächeln um den herabhängenden Mund, so war er im Begriff, das Heiligtum des Todes zu betreten. Nolten, ganz ausser sich vor Schmerz und Zorn, stösst ihn zurück und reisst den Schlüssel aus der Tür, Lörmer wird wütend, der Maler braucht Gewalt und kann nicht verhüten, dass das Scheusal vor ihm niederstürzt und mit dem Kopf am Boden aufschlägt. "Ich bitte Sie", lallt er, indem er sich vergebens aufzurichten sucht, und nicht bemerkt, dass Nolten schon verschwunden ist, um die Hausleute von dem Skandal zu benachrichtigen, "um Gottes Barmherzigkeit willen! lassen Sie mich hinein! mich! ich bin noch allein der Mann, ihm zu helfenSie müssen wissen, Herr, er pflegte gelegentlich auf den Lörmer was zu halten, Herrsehen Sie, diese Uhr hab ich von ihmaber sie ist stehengebliebenWir standen du und du, mein guter Herr, ich und der KomödiantHiess er mich nicht immerdar sein liebes Vieh? hat er je einen andern so geheissen? und – – Hol euch der Teufel alle zusammensehen muss ich ihn, da hilfe kein Gott und keine PolizeiIhr wisst den Henker zu distinguieren, ob ein Mensch in der Tat und Wahrheit k...iert ist oder nichtSoll ich dir etwas im Vertrauen sagen? Da drinne liegt er munter und gesund und hat euch alle am Narrenseil. Denn das ist einer, sag ich euch, der weiss wie man den Mäusen pfeift. Undaber – – wenn es je wahr wäre –" (hier fing er an zu heulen) "wenn er mir das Herzeleid antun wollte, und aufpakken und seinen Stelzer verlassenwenn dasJesu Maria! Auf! auf! schlag die Tür ein! ich muss ihm noch beichtenJagt Papst und Pfaff und Bischöf, die ganze Klerisei zum Teufel! ich will dem Komödianten beichten, trotzdem dass er ein Ketzer istEr muss alles wissen, was ich seit meiner Firmelung an Gott und Welt gesündigt! Auf! hört ihr nicht? Ich will die ganze Baracke in Trümmer schmeissen, ich will ein solches Jüngstes Gericht antrommeln, dass es eine Art hat! – Alter! lieber Schreiner, lass mich hinein –" Das Schloss sprang auf, und Lörmer stürzte einige Stufen hinab in das Zimmer, wo man ihn, als die Leute kamen, bewusstlos am Fuss des Bettes liegen fand. Am Morgen kam ein Billett des Präsidenten und lud den Maler mit den Frauenzimmern zu einem einfachen Mittagmahl. Nolten war diese Ableitung besonders um der Mädchen willen sehr erwünscht, mit deren verlassenem Zustande, weil er jeden Augenblick veranlasst ward, bald aus dem haus zu gehen, bald sich mit Schreibereien zu befassen, man in der Tat Bedauern haben musste. Agnes und ihr Benehmen war indes zu loben. Bei allen Zeichen des aufrichtigsten Anteils bewies sie durchaus eine schöne, vernünftige Ruhe, sogar schien sie natürlicher, und sicherer in sich selbst, als es auf der ganzen Reise der Fall gewesen sein mochte; nicht nur dem Maler, auch Nannetten fiel das auf. Es hatte aber diese sonderbare Verwandlung ihren guten Grund, nur dass das Mädchen zu bescheiden war, ihn zu entdecken, oder zu schüchtern vielmehr, um an ihre alten "Wunderlichkeiten" (wie Teobald zuweilen sagte) in dem Augenblicke zu mahnen, wo es sich um eine ernste und schaudervolle Wirklichkeit handelte. Allein auch ihr war es ein hoher Ernst mit dem, was sie für jetzt zurückzuhalten ratsam fand. Denn in der ganzen schrecklichen Begebenheit mit Larkens erblickte sie nichts anderes als die gewisse Erfüllung eines ungewissen Vorgefühls, und so vermochte sie ein offenbares und geschehenes Übel mit leichterem Herzen zu beweinen, als ein gedrohtes zu erwarten.

Nolten erkundigte sich bei dem Wirt nach den Verhältnissen des Präsidenten, und erfuhr, dass derselbe, obgleich seit Jahr und Tag mit seiner Frau gespannt, eines der angesehensten Häuser hier bilde, sich aber als ein leidenschaftlicher Mann vor kurzem auch mit der Regierung entzweit habe, und bis auf weiteres von seinem amt abgetreten sei. Er wohnte selten in der Stadt und neuerdings fast einzig auf seinen Gütern in der Nähe.

Perse, der Goldarbeiter, kam einiger Bestellungen wegen, welche die Leiche betrafen. Beiläufig erzählte er, dass der Barbier, als mehrerer Diebstähle verdächtig, seit heute früh im Turme sitze. Er habe gestern in der öffentlichen Wirtsstube sich aus Alteration und Reue wegen ähnlicher an Larkens verübter Schändlichkeiten selber verschwatzt. Die grösste Niederträchtigkeit an dem Schauspieler habe der Taugenichts dadurch begangen, dass er sich von jenem das Stillschweigen über seinen wahren Charakter mit schwerem Gelde habe bezahlen lassen, indem er ihm täglich gedroht, alles auszuplaudern. – Teobald fragte bei dieser gelegenheit nach dem Büchsenmacher, und konnte aus Perses umständlichem Berichte soviel entnehmen, dass Larkens dem Menschen, weil es ein gescheiter Kopf, einiges Interesse geschenkt, das übrigens so gut als weggeworfen gewesen, da die deutliche Absicht des Schauspielers, ihn zu korrigieren bloss dem Übermut des Burschen geschmeichelt habe, zumal die Art, wie Larkens zu Werke gegangen, bei weitem zu delikat gewesen. übrigens habe sich Larkens nicht nur dem Zirkel, sondern besonders auch vielen