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Handarbeit, wie das Tischlerwesen, ausser einer gewissen Liebhaberei, die er etwa für dies Geschäft haben mochte, hauptsächlich nur zur Stärkung seines Körpers unternommen. Auch begriff ich gar wohl, wie wenig ihn Mangel und Not zu dergleichen bestimmt hatte, denn er war ja gewiss ein Mann von den schönsten Gaben und Kenntnissen; desto grösser war mein Mitleiden, als ich sah, wie sauer ihm ein so ungewohntes Leben ankam, wie unwohl es ihm in unserer Gesellschaft war und dass er körperlich zusehends abnahm. Das konnte auch kaum anders sein, denn nach dem Zeugnis des Meisters tat er immer weit über seine Kräfte und man musste ihn oft mit Gewalt abhalten." Hier decke er die hände des Toten auf, wie sie von grober Arbeit gehärtet und zerrissen waren. – Jetzt öffnete sich die tür und ein hagerer Mann mit edlem Anstande trat herein, vor welchem sich der Goldarbeiter ehrerbietig zurückzog und dessen stille Verbeugung Nolten ebenso schweigend erwiderte. Er hielt den Fremden für eine offizielle person, bis Perse ihm beiseite den Präsidenten von K* nannte, den keine amtliche Verrichtung hieher geführt haben könne. So stand man eine Zeitlang ohne weitere Erklärung umeinander und jeder schien die Leiche nur in seinem eignen Sinne zu betrachten.

"Ihr Schmerz sagt mir", nahm der Präsident das Wort, nachdem Perse sich entferne hatte, "wie nahe Ihnen dieser teure Mann im Leben müsse gestanden haben. Ich kann mich eines näheren Verhältnisses zu ihm nicht rühmen, doch ist meine Teilnahme an diesem ungeheuren Fall so wahr und innig, dass ich nicht fürchten darf, es möchte Ihnen meine Gegenware –" "O seien Sie mir willkommen!" rief der Maler, durch eine so unverhoffte Annäherung in tiefster Seele erquicke, "ich bin hier fremd, ich suche Mitgefühlund ach, wie rühre, wie überrascht es mich, solch eine stimme und aus solchem mund hier in diesem Winkel zu vernehmen, den der Unglückliche nicht dunkel genug wählen konnte, um sich und seinen ganzen Wert und alle Lieb und Treue, die er andern schuldig war, auf immer zu vergraben."

Des Präsidenten Auge hing einige Sekunden schweigend an Teobalds Gesicht und kehrte dann nachdenklich zu dem Toten zurück.

"Ist's möglich?" sprach er endlich, "sehe ich hier die Reste eines Mannes, der eine Welt voll Scherz und Lust in sich bewegte und zauberhelle Frühlingsgärten der Phantasie sinnvoll vor uns entfaltete! Ach, wenn ein Geist, den doch der Genius der Kunst mit treuem Flügel über all die kleine Not des Lebens wegzuheben schien, so frühe schon ein ekles Auge auf dieses Treiben werfen kann, was bleibt alsdann so manchem andern zum Troste übrig, der ungleich ärmer ausgestattet, sich in der Niederung des Erdenlebens hinschleppt? Und wenn das vortreffliche Talent selbst, womit Ihr Freund die Welt entzückte, so harmlos nicht war, als es schien, wenn die heitere Geistesflamme sich vielleicht vom besten Öl des innerlichen Menschen schmerzhaft nährte, wer sagt mir dann, warum jenes namenlose Weh, das alle Mannheit, alle Lust und Kraft der Seele, bald bänglich schmelzend untergräbt, bald zornig aus den Grenzen treibt, warum doch jene Heimatlosigkeit des Geistes, dies Fort- und Nirgendhin-Verlangen, inmitten eines reichen, menschlich schönen Daseins, so oft das Erbteil herrlicher Naturen sein muss? – Das Rätsel eines solchen Unglücks aber völlig zu machen, muss noch der Körper helfen, um, wenn die wahre Krankheit fehlt, mit einem nur um desto grässlicheren Schein die arme Seele abzuängstigen und vollends irre an sich selber zu machen!"

Auf diese Weise wechselten nun beide Männer, beinahe mehr den Toten als einander selbst anredend und oft von einer längern Pause unterbrochen, ihre Klagen und Betrachtungen. Erst ganz zuletzt, bevor sie auseinandergingen, veranlasste der Fremde, indem er seinen Namen nannte, den Maler, ein Gleiches zu tun, sowie den Gastof zu bezeichnen, wo jener ihn morgen aufsuchen wollte. "Denn es ist billig", sagte er, "dass wir nach einer solchen Begegnung uns näher kennenlernen. Sie sollen alsdann hören, welcher Zufall mir noch erst vor wenigen Wochen die wunderbare Existenz Ihres Freundes verriet, den bis auf diesen Tag, soviel ich weiss, noch keine Seele hier erkannte. Meine sorge bleibt es indessen, dass ihm die letzte Ehre, die wir den Toten geben können, ohne zu grosses Aufsehn bei der Menge, von einer Gesellschaft würdiger Kunstverwandten morgen abend erwiesen werden könne. Ich habe die Sache vorläufig eingeleitet. Aber nun noch eine Bitte um Ihrer selbst willen: verweilen Sie nicht allzulange an diesem traurigen Orte mehr. Es ist das schönste Vorrecht und der edelste Stolz des Mannes, dass er das Unabänderliche mit festem Sinn zu tragen weiss. Schlafen Sie wohl. Lieben Sie mich! Wir sehen uns wieder." Der Maler konnte nicht sprechen, und drückte stammelnd beide hände des Präsidenten.

Als er sich wieder allein sah, flossen seine Tränen reichlicher, jedoch auch sanfter und zum erstenmal wohltuend. Er fühlte sich mit dieser Last von Schmerz nicht mehr so einsam, so entsetzlich fremd in diesen Wänden, dieser Stadt, ja Larkens' Anblick selber deuchte ihm so jämmerlich nicht mehr; eben als wenn der Schatte des Entschlafenen mit ihm die ehrenvolle Anerkennung fühlen müsste, die er noch jetzt erfuhr.

Nun aber drang es Teobalden mächtig, am Busen der Geliebten auszuruhen. Er steckte ein Nachtlicht an, welches für die Leichenwache bereitlag, er sagte unwillkürlich seinem Freund halblaut eine