vorderhand; zuvörderst ist es meine Pflicht und Schuldigkeit, dass ich Ihnen gegenwärtiges Schreiben übermache, denn es wird wohl für Sie gehören; man fand es, wie es ist, auf dem Tisch in Josephs stube liegen."
Begierig nahm Teobald den dargebotenen Brief und eilte damit in ein anderes Zimmer. Als er nach einer ziemlichen Weile wieder zurückkam, konnte man auf seinem Gesicht eine gewisse feierliche Ruhe bemerken, er sprach gelassener, gefasster, und wusste namentlich den gekränkten Handwerker bald wieder zu beruhigen. übrigens entliess er für jetzt die beiden Kameraden, um mit Agnesen und der Schwester allein zu sein und ihnen das Wesentlichste vom Zusammenhang der Sache zu eröffnen. Oft unterbrach ihn der Schmerz, er stockte, und seine Blicke wühlten verworren am Boden.
Von dem Inhalt jenes hinterlassenen Schreibens wissen wir nur das Allgemeinste, da Nolten selbst ein Geheimnis daraus machte. Soviel wir darüber erfahren konnten, war es eine kurze, nüchterne, ja für das Gefühl der Hinterbliebenen gewissermassen versöhnende Rechtfertigung der schauderhaften Tat, welche seit längerer Zeit im stillen vorbereitet gewesen sein musste, und deren Ausführung allerdings durch Noltens erscheinen beschleunigt worden war, wiewohl in einem Sinne, der für Nolten selbst keinen Vorwurf entielt. Auch wäre die Meinung irrig, dass nur das Beschämende der Überraschung den Schauspieler blindlings zu einem übereilten Entschluss hingerissen habe, denn wirklich hat sich nachher zur Genüge gezeigt, wie wenig ihm seine neuerliche Lebensweise, so seltsam sie auch gewählt sein mochte, zu eigentlicher Unehre gereichen konnte. Begreiflich aber wird man es finden, wenn bei der Begegnung des geliebtesten Freundes der Gedanke an eine zerrissene Vergangenheit mit überwältigender Schwere auf das Gemüt des Unglücklichen hereinstürzte, wenn er sich ein für allemal von demjenigen abwenden wollte, mit dem er in keinem Betracht mehr gleichen Schritt zu halten hoffen durfte, und aus dessen reiner Glücksnähe ihn der Fluch seines eigenen Schicksals für immer zu verbannen schien.
(Einige Jahre nachher hörten wir von Bekannten des Malers die Behauptung geltend machen, dass den Schauspieler eine geheime leidenschaft für die Braut seines Freundes zu dem verzweifelten Entschlusse gebracht habe. Wir wären weit entfernt, diese Sage, wozu eine Äusserung Noltens selbst Veranlassung gegeben haben soll, schlechtin zu verwerfen, wenn wirklich zu erweisen wäre, dass Larkens, wie allerdings vorgegeben wird, kurz nachdem er seine Laufbahn geändert, Agnesen bei einer öffentlichen gelegenheit, und unerkannt von ihr, zu Neuburg gesehen habe. – Getraut man sich also nicht, hierin eine sichere Entscheidung zu geben, so müssen wir das harte Urteil derjenigen, welche dem Unglücklichen selbst im tod noch eine eitle Bizarrerie schuld geben möchten, desto entschiedener abweisen.)
"O wenn du wüsstest", rief Teobald Agnesen zu, "was dieser Mann mir gewesen, hätt ich dir nur erst entdeckt, was auch du ihm schuldig bist, du würdest mich fürwahr nicht schelten, wenn mein Schmerz ohne Grenzen ist!" Agnes wagte gegenwärtig nicht zu fragen, was mit diesen Worten gemeint sei, und sie konnte ihm nicht widersprechen, als er das unruhigste Verlangen bezeigte, den Verstorbenen selber zu sehen. Zugleich ward ihm die sorge für den Nachlass, für die Bestattung seines Freundes zur wichtigsten Pflicht. Larkens selbst hatte ihm diesfalls schriftlich mehreres angedeutet und empfohlen, und Teobald musste auf einen sehr wohlgeordneten Zustand seiner Vermögensangelegenheiten schliessen. Vor allen Dingen nahm er Rücksprache mit der obrigkeitlichen Behörde, und einiger Papiere glaubte er sich ohne weiteres versichern zu müssen.
Indessen war es bereits spät am Tage und so trat er in einer Art von Betäubung den Weg nach der Stätte an, wo der traurigste Anblick seiner wartete.
Ein Knabe führte ihn durch eine Menge enger Gässchen vor das Haus eines Tischlers, bei welchem sich Larkens seit einigen Monaten förmlich in die Arbeit gegeben hatte. Der Meister, ein würdig aussehender, stiller Mann, empfing ihn mit vielem Anteil, beantwortete gutmütig die eine und andere Frage und wies ihn sodann einige steinerne Stufen zum unteren Geschoss hinab, indem er auf eine Tür hinzeigte. Hier stand unser Freund eine Zeitlang mit klopfendem Herzen allein, ohne zu öffnen. Jetzt nahm er sich plötzlich zusammen und trat in eine sauber aufgeräumte, übrigens armselige kammer. Niemand war zugegen. In einer Ecke befand sich ein niedriges Bett, worauf die Leiche mit einem Tuch völlig überdeckt lag. Teobald, in ziemlicher Entfernung, getraute sich kaum von der Seite hinzusehen, Gedanken und Gefühle verstockten ihm zu Eis und seine einzige Empfindung in diesem Augenblicke war, dass er sich selber hasste über die unbegreiflichste innere Kälte, die in solchen Fällen peinlicher zu sein pflegt, als das lebhafteste Gefühl unseres Elends. Er ertrug diesen Zustand nicht länger, eilte auf das Bette zu, riss die Hülle weg und sank laut weinend über den Leichnam hin.
Endlich, da es schon dunkel geworden, trat Perse, der Goldarbeiter, mit Licht herein. Nur ungern sah Teobald sich durch ein fremdes Gesicht gestört, aber das bescheidene Benehmen des Menschen fiel ihm sogleich auf und hielt ihn um so fester, da derselbe mit der edelsten Art zu erkennen gab, dass auch er einiges Recht habe mit den Freunden des Toten zu trauern, dass ihm derselbe, besonders in der letzten Zeit, viel Vertrauen geschenkt. "Ich sah", fuhr er fort, "dass an diesem wundersamen mann ein tiefer Kummer nagen müsse, dessen Grund er jedoch sorgfältig verbarg; nur konnte man aus manchem eine übertriebene Furche für seine Gesundheit erkennen, so wie er mir auch selbst gestand, dass er eine so anstrengende