sich einen Tod angetan – heute nacht – wer hätte das auch denken können – Gift! Gift hat er genommen – gehen Sie, mein Herr, gehen Sie nur und sehen mit eignen Augen, wenn Sie noch zweifeln! Die Polizei und die Doktoren und was weiss ich? sind schon dort, es ist ein Zusammenrennen vor dem Haus und ein Geschrei, dass mir ganz übel ward. Bald hätt ich Sie vergessen über dem Schreck, da lief ich denn, soviel die Füsse vermochten, und –"
Nolten war stumm auf den Sessel niedergesunken. Agnes schloss sich tröstend an ihn, während Nannette die eingetretene Totenstille mit der Frage unterbrach: ob denn keine Rettung möglich sei?
"Ach nein, Mademoiselle!" ist die stockende Antwort, "die Ärzte sagen, zum wenigsten sei er seit vier Stunden verschieden Ich kann's nicht alles wiederholen, was sie schwatzten. – O liebster, bester Herr, vergeben Sie, was ich gestern in der Torheit sprach Sie waren sein Freund, Ihnen geht sein Schicksal so sehr zu Herzen, so entreissen Sie ihn den Blicken, den Händen der Doktoren, eh diese seinen armen Leib verletzen! Ich bin ein elender, nichtswürdiger, hündischer Schuft, hab Ihren Freund so schändlich missbraucht und verdiene nicht, hier vor Ihnen zu stehen, aber möge Gott mich ewig verdammen, wenn ich jetzt fühllos bin, wenn ich nicht hundertfach den Tod ausstehen könnte für diesen Mann, der seinesgleichen auf der Welt nimmer hat. Und nun soll man ihn traktieren dürfen wie einen gemeinen Sünder! Hätten Sie gehört, was für unchristliche Reden der Medikus führte, der S. –, ich hätt ihn zerreissen mögen als er mit dem Finger auf das Gläschen hinwies, worin das Operment gewesen, und er mit lachender Miene zu einem andern sagte: 'Der Narr wollte recht sichergehen, dass ihn ja der Teufel nicht auf halbem Weg wieder zurückschicke, ich wette die Phiole da war voll, aber solche Lümmel rechnen alles nach der Masskalme! – nicht wahr Herr Hofrat, wer par force tot sein will, kann doch wohl weder im comparativo noch superlativo tot sein wollen?' Und dabei nahm der dicke, hochweise Perückenkopf eine Prise aus seiner goldenen Tabatiere, so kaltblütig, so vornehm, dass ich – ja glauben Sie, das hat Wispeln weh getan, weher als alles – Wispel hat auch Gefühl, dass Sie's nur wissen, ich habe auch noch ein Herz!" Hier weinte der Barbier wirklich wie ein Kind. Aber da er nun mit geläufiger Zunge fortfahren wollte, das Aussehen des Toten zu beschreiben, wehrte der Maler heftig mit der Hand, schlang die arme wütend um den Leib Agnesens und schluchzte laut. "O Allmächtiger!" rief er vom stuhl aufstehend und mit gerungenen Händen durchs Zimmer stürmend, "also dazu musst ich hieher kommen! Mein armer, armer, teurer Freund! Ich, ja ich habe seinen fürchterlichen Entschluss befördert, mein erscheinen war ihm das Zeichen zum tödlichen Aufbruch. Aber welch unglückseliger Wahn gab ihm ein, dass er vor mir fliehen müsse? und so auf ewig, so ohne ein liebevolles Wort des Abschieds, der Versöhnung! Sah ich denn darnach aus, als ob ich käme, ihn zur Verzweiflung zu bringen? Und wenn auf meiner Stirn die Jammerfrage stand, warum mein Larkens doch so tief gefallen sei, gerechter Gott! war's nicht natürlich? konnte ich mit lachendem Gesicht, mit offnen Armen, als wäre nichts geschehen ihn begrüssen? konnte ich gefasst sein auf ein solches Wiedersehen? Und doch, war ich es denn nicht längst gewohnt, das Unerhörte für bekannt anzunehmen, wenn er es tat? das Unerlaubte zu entschuldigen, wenn es von ihm ausging? Es hat mich überrascht, auf Augenblicke stieg ein arger Zweifel in mir auf, und in der nächsten Minute straft' ich mich selber Lügen: gewiss, mein Larkens ist sich selber treu und gleich geblieben, sein grosses Herz, der tiefverborgene edle Demant seines Wesens blieb unberührt vom Schlamme, worein der arme sich verlor!"
Schon zu Anfang dieser heftigen Selbstanklage hatte sich sachte die Tür geöffnet, kleinmütig und mit stummem Grusse, einen gesiegelten Brief in der Hand, war der Büchsenmacher eingetreten, ohne dass der Maler ihn wahrgenommen hätte. Starr vor sich hinschauend stand der Stelzfuss an der Seite des Ofens und jedermann fiel es auf, wie er bei den letzten Worten Teobalds zuweilen die buschigen Augbraunen finster bewegte und zornglühende Funken nach dem mann hinüberschickte, der mitten im Jammer beinahe ehrenrührig von dem Verstorbenen und dessen gewohnter Umgebung zu sprechen schien.
Kaum hatte Nolten geendigt, so trat der Büchsenmacher gelassen hervor mit den Worten: "Lieber Herr! es ist für uns beide recht gut, dass Sie gerade selber aufhören, denn ich stand auf heissen Kohlen im Winkel dort, weil's fast aussehen konnte, als wollt ich horchen; das ist aber meine Sache nicht, sonderlich wenn es mein eigenes oder meiner Kameraden Lob oder Schande gilt, und davon war just eben die Rede. Ihre Worte in Ehren, Herr, Sie müssen ein genauer Freund von meinem wackern Joseph gewesen sein, also sei's Ihnen zugut gehalten. Werden späterhin wohl selbsten innewerden, dass Sie dato nicht so ganz recht berichtet sind, was für eine Bewandtnis es mit dem Joseph und seiner Genossenschaft habe. Ich sollte meinen, er hatte sich seiner Leute nicht eben zu schämen. Nun, das mag ruhen