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von Roheit, die ihm sonst nicht eigen war, und von einer desperaten Lustigkeit begeistert, womit er sich selbst, noch mehr aber dem Joseph wehe tat. – Auf einmal schlug Lörmer den Fuss dreimal so heftig auf das Tischblatt, dass alle Gläser zusammenfuhren, und zugleich entstand ein helles Gelächter, denn in diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und eine Figur trat ein, in welcher der elegante Barbier Wispel keineswegs zu verkennen war.

Er schwebte einigemal vornehm hüstelnd in der vordern stube auf und ab, strich sich den Titus vor dem Spiegel und schielte im Vorübergehen nach unserer Gesellschaft.

"O Span der Menschheit!" brummte Joseph leise in den Bart, denn Lörmer hatte den andern gleich anfangs ein Zeichen gegeben, man müsse tun, als bemerke man Sigismund gar nicht. Dieser liess sich indessen mit vieler Grazie an Konrads Tisch nieder, wo er die Freunde auf vier Schritte im auge hatte. Er nippte zimpferlich aus einem Kelche Schnaps, warf wichtige Blicke umher, klimperte mit dem Messer auf dem Teller und suchte sich auf alle Art bemerklich zu machen.

"Habt ihr", fing der Büchsenmacher gegen die andern gewendet an, "ei, habt ihr von dem Joko, dem brasilianischen Affen, auch schon gehört, von dem wirklich in allen Zeitungen steht?"

"Ja", erwiderte Joseph, "aber er soll sich flüchtig gemacht haben; man vermutet, dass er einer Teatergarderobe ein und anderes entwendet, sich Gesicht und hände rasiert und so gänzlich unkennbar, beschlossen habe, sich die Welt ein wenig zu mustern."

Diese Rede gab Wispeln gelegenheit, über das bekannte Ballett ein kunstverständiges Gespräch mit seinem nächsten Nachbar, dem Kutscher unserer drei Reisenden, anzubinden. Konrad, die hochtrabenden Floskeln des Windbeutels keineswegs zu erwidern imstande, nahm seinen ganzen Witz zusammen, ihn seinerseits zum besten zu haben, woran denn die Gesellschaft ihren köstlichen Spass hatte. Je länger aber der Kutscher sich seinen Mann betrachtet, desto mehr kommt ihm vor, als hätte er den Menschen schon irgendwo gesehen, ja zuletzt geht ihm wirklich ein Licht auf: zu Neuburg selbst war es gewesen, wo Nolten vor drei Jahren diesen Wicht als dienendes Subjekt bei sich gehabt. Kaum hat ihm Konrad seinen Gedanken zugeraunt und etwas von der Anwesenheit seines ehemaligen Herrn fallenlassen, so springt Wispel wie besessen auf, nimmt Hut und Stock, und fliegt, über Stühle und Bänke wegsetzend, davon, indem der Kutscher ihm ebenso flugfertig auf dem fuss nachfolgt, eh die verblüffte Gesellschaft nur fragen kann, was der tolle Auftritt bedeute.

Eben kommt Konrad noch zu der erstaunlichen Szene, wo Wispel sich dem Maler zu erkennen gegeben hat. Dieser sass eben mit den beiden Mädchen auf seinem Zimmer beim Nachtessen und jedes ergötzte sich nun von ganzem Herzen an dieser lächerlichen Erscheinung. "Aber", fängt der Barbier nach einer Weile mit geheimnisvoller Preziosität zu lispeln an, "wenn mich nicht alles trügt, so war Ihnen, mein Wertester, bis jetzt noch völlig unbewusst, welche seltene Connaissancen Sie in hiesiger Stadt zu erneuern gelegenheit finden würden."

"Wirklich?" antwortete der Maler; "es fiel mir nicht im Traume ein, dass mir dein edles Angesicht hier wieder begegnen sollte, aber Berg und Tal kommen zusammen und das nächste Mal sehe ich dich, so Gott will, am Galgen."

"Aye! je vous rends mille graces! Sie scherzen, mein Bester. Doch ich sprach soeben nicht sowohl von meiner Wenigkeit, als vielmehr von einer gewissen person, die früher sehr an Sie attachiert, gegenwärtig in unsern Mauern habitiert, freilich unter so prekären Umständen, dass ich zweifle, ob ein Mann wie Sie, es anständig findet, sich einer solchen liaison auch nur zu erinnern. Auch muss ich gestehn, das Individuum, wovon ich eben rede, machte es mir gewissermassen zur Pflicht, sein Inkognito unter allen Umständen –"

"Ei so packe dich doch zum Henker, du heilloser, unerträglicher Schwätzer!"

"Aha, da haben wir's ja! Sie merken, aus welcher Hecke der Vogel pfeift, und mögen nichts davon hören. O amitié, oh fille d'Avrilso heisst ein altes Lied. Waren Sie beide doch einst wie Kastor und Pollux! Aberloin des yeux, loin du cœur!"

Jetzt wird Nolten plötzlich aufmerksam, eine schnelle Ahnung schauert in ihm auf, er schüttelt den Barbier wie ausser sich an der Brust, und nach hundert unausstehlichen Umschweifen flüstert der Mensch endlich Teobalden einen Namen ins Ohr, worauf dieser sich entfärbt und mit Heftigkeit ausruft: "Ist das möglich? Lügst du mir nicht, Elender? Wo – – wo ist er? Kann ich ihn sehen, kann ich ihn sprechen? jetzt? um Gottes willen, jetzt im Augenblick?"

"Quelle émotion Monsieur!" krächzt Wispel, "tout-beau! Ecoutez moi!" Jetzt nimmt er eine seriöse Stellung an, räuspert sich ganz zart und sagt: "kennen Sie vielleicht, mein Wertester, den sogenannten Kapuzinerkeller? le caveau des capucins, ein Gebäude, das seines klösterlichen Ursprungs wegen in der Tat historisches Moment hat; es soll nämlich bereits zu Anfange des neunten Siècle –"

"Schweig mir, du Teufel, und führ mich zu ihm", schreit Nolten, indem er den Burschen mit sich fortreisst. Agnes, am ganzen leib zitternd, begreift nichts von allem und fleht mit Nannetten vergebens um eine