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von einer Schadloshaltung, von einem Kostgeld und dergleichen. übrigens speist er, wie ich höre, jetzt regelmässig im goldenen Schwan. Nun! sagt mir, ist einer unter euch, der mir beweist, es gehe so was mit natürlichen, oder doch ehrlichen Dingen zu? Sagt, muss man den Menschen nicht in ein freundschaftliches Verhör nehmen, ehe die Obrigkeit Verdacht schöpft und unsern Bruder einsteckt?"

Man sprach, man riet, man lachte herüber und hinüber. Endlich nahm der Stelzfuss das Wort wieder, indem er sagte: "Weil wir ohnedem jetzt an dem Kapitel von den Mirakeln sind, so sollt ihr noch eine kleine geschichte hören. Sie hat sich erst heute zugetragen, steht aber hoffentlich in keinem Zusammenhang mit der vorigen. Diesen Morgen kommt ein Jude zu mir, hat einen Sack unterm Arm und fragt, ob ich nichts zu schachern hätte, er habe da einen guten Rock zu verhandeln. Der Kerl muss die schwache Seite an dem meinigen entdeckt haben; das verdross mich und ich war dem Spitzbuben ohnedies spinnefeind. Während ich also im stillen überlege, auf was Art ich den Sünder am zweckmässigsten die Treppe hinunterwerfe, fällt mir zufällig meine Taschenuhr ins auge. Nun weiss ich nicht, war es ein weichherziger Gedanke an meinen seligen Vater, von welchem mir das Erbstück kam, oder was war es, dass ich plötzlich in mitleidige Gesinnungen überging. Ich dachte, ein Jud ist doch gleichsam auch eine Kreatur Gottes und dergleichen; kurz, ich nahm die Uhr höchst gerührt vom Nagel an meinem Bette, besah sie noch einmal und fragte: was sie gelten soll? Der Schurke schlug sie nun für ein wahres Spottgeld an und ich gab ihm einen Backenstreich, den schlug er aber gar nicht an, und endlich wurden wir doch handelseinig."

Alles lachte über diese sonderbare Erzählung, nur dem Joseph schien sie im stillen weh getan zu haben.

"Wartet doch", fuhr der Stelzfuss fort, "das Beste kommt noch. Ich ging mit meinen zwei Talern, die ich ungesehn, wie Sündengeld in die tasche steckte, aus dem Haus, ohne recht zu wissen wohin. Soviel ist sicher, ich langte endlich vor dem besten Weinhaus an und nahm dort ein mässiges Frühstück zu mir. Da mir aber, wie gesagt, ein Jude meinen Zeitweiser gestohlen, so wusst ich schlechterdings nicht, woran ich eigentlich mit dem Tag sei; kurz, es wurde Abend, eh mir der Kellner die letzte Flasche brachte. Ich gehe endlich heim, ich komme auf meiner kammer an und spaziere in der Dämmerung auf und ab; zuweilen blinzl' ich nach dem leeren Nagel hinüber und pfeife dazu, wie einer, der kein gut Gewissen hat. Auf einmal ist mir, es lasse sich etwas hören wie das Picken eines solchen Dings, dergleichen ich heute eins verlor; ganz erschrocken spitz ich die Ohren. Das tut wohl der Holzwurm in meinem Stelzfuss, denke ich, und stosse den Stelzen gegen die Wand, wie immer geschieht, wenn mir's die Bestie drin zu arg macht. Aber Pinke Pink, Pinke Pink, immerfort und zwar nur etliche Schritte von mir weg. Bei meiner armen Seele, ich dachte einen Augenblick an den Geist meines guten Vaters. Indessen kommt mir ein Päckel unter die Hand, ich reiss es auf und, dass ich's kurz mache, da lag meine alte Genferin drin! Weiss nicht, wie mir dabei zumut wurde; ich war ein veritabler Narr für Freuden, sprach französisch und kalmukisch untereinander mit meiner Genferin, mir war, als hätten wir uns zehn Jahre nicht gesehen. Jetzt fiel mir ein Zettel in die Finger, dernun, das gehört nicht zur Sache. Schaut, hier ist das gute Tier!" und hiemit legte er die Uhr auf den Tisch.

"Aber der Zettel?" fragte einer, "was stand darauf? wer schickte das Paket?" – Der Büchsenmacher griff stillschweigend nach dem vollen Glas, drückte nach einem guten Schluck martialisch die Lippen zusammen und sagte kopfschüttelnd: "Weiss nicht, will's auch nicht wissen." "Aber dein ist die Uhr wieder?" "Und bleibt mein", war die Antwort, "bis ins Grab, das schwör ich euch."

Während dieser Erzählung hatte Perse etlichemal einen pfiffigen blick gegen den Tischler hinüberlaufen lassen, und er und alle merkten wohl, dass Joseph der unbekannte Wohltäter gewesen war.

Jetzt hob der Büchsenmacher sachte seinen hölzernen Fuss in die Höhe und legte ihn mitten auf den Tisch Dabei sagte er mit angenommenem Ernst: "Seht, meine Herren, da drinne haust ein Wurm; es ist meine Totenuhr hat der Bursche das Holz durchgefressen und das Bein knackt einmal, eben wenn ich zum Exempel über den Stadtgraben zu einem Schoppen Roten spaziere, so schlägt mein letztes Stündlein. Das ist nun nicht anders zu machen, Freunde. Ich denke gar häufig an meinen Stelzen, d.h. an den Tod, wie einem guten Christen ziemt. Er ist mein Memento mori, wie der Lateiner zu sagen pflegt. So werden einst die Würmer auch an euren fleischernen Stötzchen sich erlustigen. Prosit Mahlzeit, und euch ein selig Ende! Aber wir gedenken bis dahin noch manchen gang nach dem Kapuzinerkeller zu tun und beim Heimgang über manchen Stein wegzustolpern,

bis das Stelzlein bricht, juhe!

bricht, juhe!

bis das Stelzlein bricht!"

So sang der Büchsenmacher mit einer Anwandlung