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ihm den Leviten zu lesen, wie's recht ist? Redet doch auch ihr andern!"

"Redet nicht ihr andern!" entgegnete ernstaft der Büchsenmacher; "das ist, hol mich der Teufel, kein Text für diesen Abend und für die Schenke, wo man Fried haben will. Ich sag euch, und das ist mein letzt Wort in der Sache: gar gut weiss ich, woran ich bin mit mir selber, und soviel ist auch gewiss, wenn ich will hat dies tolle Leben ein ende über Nacht. Der Lörmer wird sich vom Kopf bis zum Fuss das alte Fell abziehen mit einemmal, wie man einen Handschuh abreisst. Ihr sollt sehen. Lasst mich aber indes mit eurer Predigt in Ruh, sie richtet in zwei Jahren nicht aus, was der ungefähre Windstoss eines frischen Augenblicks bei mir aufjagt. – Muss aber heute ja von Lumperei die Rede sein, so will ich euch und" – hiemit nahm der Sprecher plötzlich seine wohlbehagliche, muntere Haltung wieder an – "will ich euch ein Rätsel vorlegen in betreff eines Lumpen, der sich auf unbegreifliche Weise innerhalb vierundzwanzig Stunden zum flotten Mann poussiert hat, und zwar ist es einer aus unserer Gesellschaft." "Wie? Was?" riefen einige. "Ohne Zweifel", erwiderte der Büchsenmacher; "er befindet sich zwar gegenwärtig nicht unter uns und schon mehrere Tage nicht, aber er rechnet sich zur Kompanie, er versprach heute zu kommen, und es wäre unbarmherzig, wenn ihr ihn nicht wenigstens als Anhängsel, als ein Schwänzchen von mir wolltet mitzählen lassen." "Ah!" rief man lachend, "die Figur! die Figur! er meint die Figur!"

"Allerdings", fuhr der andere fort, "ich meine das spindeldünne bleichsüchtige Wesen, das mir von Hamburg an, ungebetenerweise und ohne vorausgegangene genauere Bekanntschaft hieher folgte, um, wie er sagte, in meinen Armen den Tod seines unvergesslichen Freundes und Bruders, des Buchdruckers Murschel, zu beweinen. Nun wisst ihr, ich bewohne seit einiger Zeit mit diesem zärtlichen Barbier, Sigismund Wispeln, eine stube, er isst mit mir und ich teile aus christlicher Milde alles mit ihm bis auf das Bett, das ich mir aus billigen Gründen allein vorbehalten. Man hat aber keinen Begriff, was ich für ein Leiden mit dieser Gesellschaft habe. Schon sein blosser Anblick kann einen alterieren. Eine Menge kurioser Angewohnheiten, eine unermüdliche Sorgfalt, seine Milbenhaut zu reiben und zu hätscheln, seine rötlichen Haare mit allerlei gemeinem Fette zu beträufeln, seine Nägel bis aufs Blut zu schneiden und zu schabenich bekomme Gichter beim blossen Gedanken! und wenn er nun die Lippen so süss zuspitzt und mit den Augen blinzt, weil er, wie er zu sagen pflegt, an der Wimper kränkelt, oder wenn er sich mit den tausend Liebkosungen und Gesten an mich anschmiegt, da dreht sich der Magen in mir um und ich hab ihn wegen dieser Freundschaftsbezeugungen mehr als einmal wie einen Flederwisch an die Wand fliegen lassen. Nun ging ich neulich damit um, mir das geschöpf mit guter Art vom Hals zu schaffen. Vielleicht ist euch nicht unbekannt, dass der Kerl an Händ und Füssen, besonders aber zwischen den Zehen, wirkliche Schwimmhäute hat, auch lebe ich der festen Überzeugung, man würde aus seinen Gliedmassen lauter schmale Stäbe von Fischbein, statt der Knochen, ziehen und überhaupt die wunderbarsten Dinge bei ihm entdecken. Mein Rat war also, sich zuvörderst von einem Professor besichtigen und dann dem Fürsten empfehlen zu lassen, vor allen Dingen aber sich aus meinem Logis zu verlegen. Dieser mein Vorschlag kam freilich etwas unerwartet, und ich musste ihm schon einige Tage Zeit gönnen, um sich zu fassen. Gestern morgen aber stand er ungewöhnlich früh vom Bette auf; ich lag noch halbschlafend mit geschlossenen Augen, musste aber im Geist jede Gebärde verfolgen, die der Widerwart während des Ankleidens machte, jede Miene, nein, ich sage passender, jeden Gesichtsschnörkel, der sich während des Waschens zwanzig- und dreissigfältig bei ihm formierte Jetzt griff er nach seinem ordinären Frühstück, einem vollen Glas mit kaltem Brunnenwasser, jetzt hört ich ihn seine beinernen Finger auf den Tisch setzen und knakkend abdrucken, dass die Wände gellten, das gewöhnliche Manöver, wodurch er mich zum Erwachen, zum Gespräch zu bringen sucht, und 'Guten Morgen, Bruder! wie schlief sich's' lispelt er, aber ich rühre mich nicht. Er wiederholt den Gruss noch einigemal, ohne Erfolg; endlich fühle ich meine Nase zärtlich von zwei eiskalten Fingerspitzen gehalten, ich fahre auf und der Freund hat eben noch Zeit, sich meinem Zorn durch eine schnelle Ausbeugung zu entziehen. Allein wie gross war mein Erstaunen, als ich den Hundsfott im neuen schwarzen Frack, mit neumodisch hoher Halsbinde und süperbem Hemdstrich in der Ecke stehen sah. Die mir wohlbekannte verblichene Hose aus Nanking und die abgenutzten Schuhe zeugten zwar noch von gestern und ehegestern, aber die übrige Pracht, woher kam sie an solchen Schuft? Gestohlen oder entlehnt waren wenigstens die Kleider nicht, denn bald fand ich die quittierten Rechnungen von Tuchhändler und Schneider mit Stecknadeln wie Schmetterlinge an das bekannte armselige Hütchen gesteckt, das naseweis von dem hohen Bettstollen auf seinen veränderten Herrn blickte. Vergebens waren alle meine fragen über diese glücklich begonnene Besserung der Umstände meines Tropfen; ich erhielt nur ein geheimnisvolles Lächeln und noch heute ist mir das Rätsel nicht gelöst. Der Schuft muss auch bare Münze haben; er sprach