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Vorteil aber gewährte Nannettens Gegenwart vollkommen. Sowohl im Gefährte, wo sie sich mit Konrad, dem Kutscher einem treuherzigen Burschen aus Neuburg, gleich auf den lustigsten Fuss zu setzen wusste, als in den Gastöfen, wo sie die Eigenheiten der Fremden genau zu beobachten, auf alle gespräche zu horchen und die Merkwürdigkeiten einer Stadt immer zuerst auszukundschaften pflegteüberall zeigte sie eine rasche und praktische Beweglichkeit, und wo man hinkam, erwarb sie sich durch ein ansprechendes Äussere, durch ihren naiven und schnellen Verstand die charmantesten Lobsprüche. – Das Wetter, das in den ersten Tagen meist Regen brachte, hatte sich gefasst und versprach beständig zu bleiben. So langte man eines Abends ganz wohlgemut in einer ehemaligen Reichsstadt an, wo übernachtet werden musste. Unsere Gesellschaft war in dem besten Gastofe untergebracht, und während diese sich auf ihre Weise gütlich tut, möge der Leser es nicht verschmähen, auf kurze Zeit an einer entfernten Trinkgesellschaft aus der niedern Volksklasse teilzunehmen. Konrad hofft seine Rechnung dort besser als an jedem andern Orte zu finden; man hat ihn auf ein grosses Brauereigebäude, den Kapuzinerkeller, neugierig gemacht und er wird uns den Weg dahin zeigen.

Es lag der genannte Keller in einem ziemlich düstern und schmutzigen Winkel der Altstadt und bildete den Schluss einer Sackgasse, die meist von Küfern, Gerbern und dergleichen bewohnt ward. Konrad sitzt in dem vordern allgemeinen Trinkzimmer, hart an der offnen Tür einer Nebenstube, der er seine ganze Aufmerksamkeit schenkt. Dort hat nämlich ein Zirkel von fünf bis sechs regelmässigen Gästen seinen Tisch, dessen schmale Seite von einem breitschultrigen mann mit pockennarbigem Gesicht besetzt ist, einem aufgeweckten und, wie es scheint, etwas verwilderten Burschen. Aus seinen kleinen schwarzen Augen blitzte die helle Spottlustigkeit, eine zu allerlei Sprüngen und Possen aufgelegte Einbildungskraft. Er trug seine Scherze übrigens mit trockener Miene vor, und machte die Seele der Gesellschaft aus. Man nannte ihn den Büchsenmacher, auch wohl Stelzfuss, denn er hatte ein hölzernes Bein. Zwei Mann unter ihm sass ein Mensch von etwa sechsunddreissig Jahren. Es war keine besonders feine Beobachtungsgabe nötig, um in dieser Gestalt, diesem kopf etwas Bedeutenderes und durchaus Edleres zu entdecken, als man sonst in einem solchen Kreis erwarten würde. Ein schmales, ziemlich verwittertes und tiefgefurchtes Gesicht, das unstete feurige Auge, eine leidenschaftliche Hast in den anständigen Bewegungen zeugten offenbar von ungewöhnlichen Stürmen, die der Mann im Leben mochte erfahren haben. Er sprach wenig, sah meist zerstreut vor sich nieder, und doch, je nachdem ihm die Laune ankam, konnte er an Einfällen den Stelzfuss sogar überbieten, nur dass dies immer auf eine feinere Weise geschah, und ohne sich das geringste zu vergeben. Alle betrachteten ihn mit auffallender Distinktion, ja mit einer gewissen Scheu, obgleich er nur Joseph, der Tischler, hiess. Ihm gegenüber hatte ein jüngerer Geselle, namens Perse, ein Goldarbeiter, sein Glas stehen. Es war der einzige, mit dem Joseph auch ausserhalb dem Wirtshaus einigen Umgang pflegen mochte. Von den übrigen wüssten wir nichts weiter zu sagen, als dass es aufgeweckte Leute und ehrbare Handwerker waren.

"Mir fehlt heute etwas", sagte der Büchsenmacher, "ich weiss nicht was. Ich hab das Licht nun schon viermal hintereinander geputzt, in der Meinung, derweil ein frisches Trumm in meinem Kopf zu finden, denn euer einerlei Geschwätz da von Meistern, Kunden, Herrschaften ist mir ganz und gar zum Ekel, ich weiss von diesem Quark lange nichts mehr und will vorderhand auch nichts davon hören. Die Lichtputze noch einmal! und jetzt was Neues, ihr Herrn! Mir schnurrt eine Grille im Oberhaus. Es wäre nicht übel, der Mensch hätte für seinen Kopf, wenn der Docht zu lang wird, auch so eine Gattung Instrumente oder Vorrichtung am Ohr, um sich wieder einen frischen Gedankenansatz zu geben. Zwar hat man mir schon in der Schule versichert, dass seit Erfindung der Ohrfeigen in diesem Punkte nichts mehr zu wünschen übrig sei; das mag vielleicht für junge Köpfe gelten, aber ich bin bald vierzig; nur in diesem köstlichen Öl, ich meine diesen goldnen Trank aus Malz und Hopfen, find ich ein kleines Surrogat für –"

"Spass beiseit!" rief Perse ihn unterbrechend, "ich kann mir überhaupt nicht denken, Lörmer, wie dir's nur eine Stunde wohl sein mag bei dem unnützen Leben, das du in den zwei Monaten führst, seit du Hamburg verlassen hast. Bei Gott, ich wollt dich schon mehrmals auf dies Kapitel bringen und dir zureden, denn mich dauert's in der Seele, wenn sie davon erzählen, wie du ein geschickter Arbeiter gewesen, wie du Grütz und Gaben hättest, dich den ersten Meistern in deinem Fache gleichzustellen und dein Glück zu machen auf Zeitlebensund nun! sich hier auf die faule Haut legen, höchstens um Taglohn für Hungersterben da und dort ein Stück Arbeit annehmen in einer fremden Werkstatt und dich schlecht bezahlen lassen für gute Ware, wie sie dem Geübtesten nicht aus der Hand geht! Heisst das aber nicht gesündigt an dir selber? ist das nicht himmelschreiend?"

Der Angeredete schaute verwundert auf über diese unerwartete Lektion und lauerte einigermassen beschämt nach Joseph hinüber, als wollte er dessen Gedanken belauschen; aber dieser traf ihn mit einem finstern, bedeutungsvollen blick, wobei sich die übrigen allerlei zu denken schienen.

"Was?" nahm Perse wieder das Wort, "will dem Kerl niemand die Wahrheit sagen? hat keiner das Herz,