Dorf hat die Augen auf dich gerichtet. Und darf ich noch mehr sagen? Zweier Personen muss ich gedenken, die diesen Tag nicht mehr mit uns begehen sollten, deine teure Mutter und unser kürzlich vollendeter Freund: ihr Gruss wird uns an jenem Morgen schmerzlich fehlen, aber doch eine Spur ihres Wesens wird uns an der Stätte begegnen, wo sie einst mit uns waren, von ihrer Ruhestätte wird –"
"Um Jesu willen, Teobald, nicht weiter!" ruft Agnes, ihrer nicht mehr mächtig, und wirft sich schluchzend vor ihm auf die Kniee – "Du bringst mich um – Es kann nicht sein – Erlasset mir's!" Bestürzt hebt er sie auf, liebkost, beschwichtigt, tröstet sie: man sei ja weit entfernt, sagt er, ihrem Herzen Gewalt anzutun, er habe sich nun überzeugt, wie unmöglich es ihr sei, auch liege ja so sehr viel nicht an der Sache, er werde es dem Vater vorstellen, es werde alles gut gehen. Sie kamen vor die Laube, sie musste sich setzen, ein schmaler Streif des Mondes fiel durchs Gezweige auf ihr Gesicht und Teobald sah ihre Tränen in hellen Tropfen fallen. Er solle die Reise allein machen, verlangte sie, er solle wieder zurückkommen, indessen sei die Zeit vorüber, vor welcher sie sich fürchte, dann wolle sie gern alles tun, was man wünsche und wo man es wünsche. Auf die Frage, ob es also nicht die Reise selbst sei, was sie beängstige, erwiderte sie: nein, sie könne nur das Gefühl nicht überwinden, als ob ihr überhaupt in der nächsten Zeit etwas Besonderes bevorstünde – es warne sie unaufhörlich etwas vor dieser schnellen Hochzeit. "Was aber dies Besondere sei, das wüsstest du mir nicht zu sagen, liebes Herz?" Sie schwieg ein Weilchen und gab dann zurück: "Wenn der Zeitpunkt vorüber ist, sollst du es erfahren." Nolten vermied nun, weiter davon zu reden. Er war weniger wegen irgend eines bevorstehenden äussern Übels, als um das Gemüt des Mädchens besorgt; er nahm sich vor, sie auf alle Art zu schonen und zu hüten. Was ihm aber eine solche Vorsicht noch besonders nahelegte, war eine Äusserung Agnesens selbst. Nachdem nämlich das Gespräch bereits wieder einen ruhigen und durch Teobalds leise, verständige Behandlung, selbst einen heitern Ton angenommen hatte, gingen beide, da es schon gegen Mitternacht war, ins Haus zurück. Sie zündete Licht für ihn an, und man hatte sich schon gute Nacht gesagt, als sie seine Hand noch festielt, ihr Gesicht an seinem Halse verbarg und kaum hörbar sagte: "Nicht wahr, das Weib wird nimmer kommen?" "Welches?" fragt er betroffen. "Du weisst es", erwiderte sie, als getraue sie sich nicht, das Wort in den Mund zu nehmen. Es war das erstemal, dass sie ihm gegenüber die Zigeunerin berührte. Er beruhigte sie mit wenigen aber entschiedenen Worten.
Auf seinem Zimmer angekommen untersucht er eifrig den Verschlag, worin unter andern Malereien auch das fatale Bild vergraben war; eine augenblickliche Besorgnis, die Kiste möchte aus Irrtum geöffnet worden sein, war durch Agnesens Worte in ihm aufgestiegen; doch fand sich alles unversehrt.
Den andern Morgen, noch ehe Agnes aufgestanden war, erzählte er die gestrige Szene dem Vater, den er schon wider Erwarten milde gestimmt fand. Der Alte gestand ihm, dass bald nachdem er die beiden verlassen, er etwas Ähnliches, wo nicht noch Schlimmeres, zu befürchten angefangen habe, und seine Heftigkeit bereue. Es bleibe nichts übrig, als man gebe nach; dass sie aber am Ende nicht auch die Reise verweigere, müsse man ja vorbauen. – "Lass uns Frieden schliessen!" sagte er beim Frühstück zu der Tochter und bot ihr die Wange zum Kuss; "ich habe mir den Handel überschlafen, und es soll dir noch so hingehn; man muss eben auf einen Vorwand denken, wegen der Leute. Aber soviel merk ich schon", setzte er scherzhaft gegen den Schwiegersohn hinzu, "der Pantoffel steht Ihnen gut an, von der Bösen da." Die Böse schämte sich ein wenig, und der Zwist war vergessen. Zu der Reise liess sie sich willig finden und mit den Vorbereitungen ward noch heute der Anfang gemacht. Zur erheiternden Begleitung wollte man unterwegs Nannetten, Teobalds jüngste Schwester, aufnehmen, die er ohnedies vorderhand zu sich zu nehmen entschlossen war. Nunmehr überspringen wir einen Zeitraum von wenigen Wochen, in denen der Wagen unsrer beiden Liebenden schon eine gute Strecke weit auf landfremden Wegen fortgerollt sein mag. Man war um zwei muntere Augen vermehre und in der Tat um so viel reicher geworden. Denn wenn das Glück eines Paares, welchem vergönnt ist, auf unabhängige und bequeme Weise ein grösseres Stück Welt miteinander zu sehen, schon an sich für den seligsten Gipfel des mit zarten Sorgen und Freuden so vielfach durchflochtenen Brautstandes mit Recht gehalten wird, so gewinnt diese glückliche Zweiheit gar sehr an herzinnigem Reiz durch das Hinzutreten einer engbefreundeten jüngern person, deren lebendige, mehr nach aussen gerichtete Aufmerksamkeit den beiden die vorüberfliegende Welt in erhöhter Wirklichkeit zuführt, und jene wortlose Beschaulichkeit, worein Liebende in solcher Lage sich sonst so gerne einwiegen lassen, immer wieder wohltätig aufschüttelt. Eine solche Ableitung nun war unserm Paare um so nötiger, als gewisse schwere Stoffe auf dem grund der Gemüter, sowenig man es einander eingestand, sich anfangs nicht sogleich zerteilen wollten. Diesen