nun erst mehr aufzuwecken. Der Bildhauer fand den Gedanken Noltens, dass, um die romantische Fahrt vollkommen zu machen, Raymund notwendig Henrietten auf seinem Rappen hinter sich haben sollte, ganz zum Entzücken, und sogleich fing er an, die sämtlichen Balladen, welche von nächtlichen Entführungen, Gespensterbräuten usw. handeln, mit Patos zu rezitieren. Nun war es aber für unsre beiden Liebenden der süsseste Genuss, zwischen alle diesen Spielen einer unstet umherflackernden Einbildung auf Augenblicke heimlich im stilleren Herzen einzukehren und die Gedanken auf das Bild der nächsten reizenden Zukunft zu richten, sich einander mit einem halben Wort ins Ohr, mit einem Händedruck zu sagen, wie man sich fühle, was eines am andern besitze, wieviel man sich erst künftig noch zu werden hoffe.
Schon eine Zeitlang hatte Raymund von ferne ein Fuhrwerk zu hören geglaubt; es kam jetzt näher und eine Laterne lief mit. Es war der Wagen des baron. Der Herr Förster schicke ihn entgegen, sagte der Knecht mit einem Tone, der eine schlimme Nachricht fürchten liess. Der gnädige Herr, hiess es, sei schnell dahingefallen, von einem Nervenschlag spreche der Arzt, vor zwei Stunden habe man ihm auf das Ende gewartet, sie möchten eilen, um ihn noch am Leben zu sehen. Welche Bestürzung! welche Verwandlung der frohen Gemüter! Schnell wurden die Wagen gewechselt, der eine fuhr zurück, der andre eilte Neuburg zu.
Der Baron erkannte bereits den Maler nicht mehr, er lag wie schlummernd mit hastigem Atem. Teobald kam nicht von seinem Bette, er und die einzige Schwester des Sterbenden, eine achtungswürdige Matrone, und ein alter Kammerdiener waren zugegen, als der verehrte Greis gegen Morgen verschied. So hatte Nolten einen andern Vater, es hatte der Förster den würdigsten Freund verloren; ja dieser durch und durch erschütterte Mann, da ihm zugleich ein neues Glück in seinen Kindern tröstlich aufgegangen war, gewann doch seinem ersten Schmerzgefühl kaum so viel ab, als billig schien, um, wie es sonst in seiner frommen Art gewesen wäre, dankbar und laut eine Wohltat zu preisen, die ihm der Himmel mit der einen Hand als reichlichen Ersatz nicht minder unerwartet schenkte, als er ihm unerwartet mit der andern ein teures Gut entrissen hatte.
Was Teobald betrifft, so war ein solcher Verlust für ihn noch von besonderer Bedeutung. Wenn uns unvermutet eine person wegstirbt, deren innige und verständige Teilnahme uns von Jugend an begleitete, deren ununterbrochene Neigung uns gleichsam eine stille Bürgschaft für ein dauerndes Wohlergehn geworden war, so ist es immer, als stockte plötzlich unser eigenes Leben, als sei im Gangwerk unseres Schicksals ein Rad gebrochen, das, ob es gleich auf seinem platz beinah entbehrlich scheinen konnte, nun durch den Stillestand des Ganzen erst seine wahre Bedeutung verriete. Wenn aber gar der Fall eintritt, dass sich ein solches Auge schliesst, indem uns eben die wichtigste Lebensepoche sich öffnet, und ehe den Freund die frohe Nachricht noch erreichen konnte, so will der Mut uns gänzlich fehlen, eine Bahn zu beschreiten, welche des besten Segens zu ermangeln, uns fremd und traurig anzublicken scheint.
Wer dieser trüben Stimmung Teobalds am wenigsten aufhelfen konnte, war Agnes selbst, deren Benehmen in der Tat den sonderbarsten Anblick darbot. Sie war seit gestern wie verstummt, sie liess die andern reden, klagen oder trösten, liess um sich her geschehen was da wollte, eben als ginge sie's am wenigsten an, als werde sie nicht von dieser allgemeinen Trauer, sondern von etwas ganz anderem bewegt. Sie kämpfte mit Erhebung gegen ein Gefühl, das sie mit niemand teilen zu können schien. Dann wieder war ihr Wesen auf einmal feierlich gehoben; sie griff die gewöhnlichen häuslichen Geschäfte mit aller äussern Ruhe an, wie sonst, aber nur der Körper, nicht der Geist, schien gegenwärtig zu sein. Auf mitleidiges Zudringen des Bräutigams und Vaters bekannte sie zuletzt, dass eine unerklärliche Angst seit gestern an ihr sei, ein unbekannter Drang, der ihr Brust und Kehle zuschnüre. "Ich sehe euch alle weinen", rief sie aus, "und mir ist es nicht möglich. Ach Teobald, ach Vater, was für ein Zustand ist doch das! Mir ist, als würde jede andere Empfindung von dieser einzigen, von dieser Feuerpein der Angst verzehrt. O wenn es wahr wäre, dass ich meine Tränen auf grösseres Unglück aufsparen soll, das erst im Anzug ist!" Sie hatte dieses noch nicht ausgesagt, als sie in das fürchterlichste Weinen ausbrach, worauf sie sich auch bald erleichtert fühlte. Sie ging allein ins Gärtchen, und als Teobald nach einer Weile sie dort aufsuchte, kam sie ihm mit einer weichen Heiterkeit auf dem Gesicht, nur ungewöhnlich blass, entgegen. Der Maler im stillen war über ihre Schönheit verwundert, die er vollkommener nie gesehen hatte. Sie fing gleich an, jene traurigen Ahnungen zu widerrufen, und nannte es sündhafte Schwäche, dergleichen bösen Zweifeln nachzugeben, die man durch aufrichtiges Gebet jederzeit am sichersten loswerde, und es sei auch gewiss das letzte Mal, dass Nolten sie so kindisch gesehen. Mit der natürlichen Beredsamkeit eines frommen Gemüts empfahl sie ihm Vertrauen auf Gottes Macht und Liebe, von welcher sie nach solcher Anfechtung nur um so freudigeres Zeugnis in ihrem Innersten empfangen habe. – So wahr ihr auch dies alles aus dem Herzen floss, so wich sie Noltens fragen, was denn eigentlich der Grund jenes Verzagens gewesen sei, mit einiger Unruhe aus. Sie glaubte ihn mit dem Bekenntnisse verschonen zu