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mit allem Verlangen sich dagegen stemmt! Ist so was nicht, um sich die Haare auszuraufen und mit beiden Füssen wider sich selber zu rennen? Wie dort der Berg, der Mollkopf, glotzt und prahlt, recht dreist die Fäuste in die Wampen presst, dass er so breit sei!" Hier schlug Raymund ein schallendes Gelächter auf, machte einen Satz in die Höhe und sprang wie toll den Abhang hinunter.

"Nun ja, Gott steh uns bei! so etwas ist noch nicht erhört!" hiess es mit einem mund. Aber Nolten nahm sich des Bildhauers mit Wärme an; er schilderte ihn als einen unverbesserlichen Naturmenschen, als einen Mann, der seine Kräfte fühle, und übrigens von aller Tücke, wie von Affektation gleich weit entfernt sei, und wirklich gelang es ihm durch einige auffallende Anekdoten von der Herzensgüte seiner Sansfaçon die Gesellschaft so weit auszusöhnen, dass man zuletzt nur noch lächelnd die Köpfe schüttelte. Alle gesellige Lust flammte noch einmal auf; man sprach nun erst recht kordial von Noltens und Agnesens Zukunft; der Bildhauer hatte sich auch wiedereingefunden, unvermerkt verflossen ein paar Stunden und einige Stimmen erinnerten endlich nur leise an den Heimweg. Die Sonne neigte sich zum Untergang. Das herrlichste Abendrot entbrannte am Himmel und das Gespräch verstummte nach und nach in der Betrachtung dieses Schauspiels. Agnes lehnt mit dem Haupt an der Brust des Geliebten, und wie die Blicke beider beruhigt in der Glut des Horizonts versinken, ist ihm, als feire die natur die endliche Verklärung seines Schicksals. Er drückt Agnesen fester an sein Herz; er sieht sich mit ihr auf eine Höhe des Lebens gehoben, über welche hinaus ihm kein Glück weiter möglich scheint. Wie nun in solche Momente sich gern ein leichter Aberglaube spielend mischt, so geschah es auch hier, als der helle Doppelstrahl, der von dem Mittelpunkt des roten Luftgewebes ausging, sich nach und nach in vier zerteilte. Was lag, wenn man hier deuten wollte, der Hoffnung unseres Freundes näher, als einen teil des wonnevoll gespaltnen Lichts auf zwei geliebte, weit entfernte Gestalten fallen zu lassen, deren wehmütige Erinnerung sich jeden Abend einige Male bei ihm gemeldet hatte. Allein wie sonderbar, wie schmerzlich muss er es eben jetzt empfinden, dass er dem treusten kind, das hier in seinen Armen geschmiegt mit leisen Küssen seine Hand bedeckte, und dann ein Auge aller Himmel voll, gegen ihn aufrichtetenunmehr nicht seinen ganzen Busen öffnen durfte! Er musste den Kreis seines Glücks, seiner Wünsche im stillen für sich abschliessen und segnen, doch in die Mitte desselben darf er Agnesen als schützenden Engel aufstellen.

Die übrigen waren aufgestanden, man wollte gehen. Teobald trennte sich schwer von diesem glücklichen Orte, noch einmal überblickt' er die Runde der Landschaft und schied dann mit völlig befriedigter Seele.

Alsbald bewegte sich der Zug munter den Hügel hinab. Am Wäldchen wurde nicht versäumt, das Echo wieder anzurufen Raymund brachte allerlei wilde Tierstimmen hervor und stellte mit Hussa-Ruf und Hundegekläff das Toben einer Jagd vollkommen dar; die Frauenzimmer sangen manches Lied, und gemächlich erreicht man das Pfarrhaus, wo die von Neuburg sich sogleich zum Abschied wenden wollen, trotz den Vorstellungen des Pfarrers, der einen Plan, die sämtlichen Gäste diese Nacht in Halmedorf unterzubringen, komisch genug vorlegte. Raymund schloss sich der Partie des Malers an, um morgen von Neuburg aus weiterzureisen. Wenigstens müsse man den Mond noch abwarten, meinte Amandus, und er wollte seine Kalesche, ein uraltes aber höchst bequemes Familienerbstück, inzwischen parat halten lassen. So verweilte man sich aufs neue; den Männern schien erst jetzt der Wein recht zu schmecken, und Nolten selbst überschritt sein gewöhnliches Ziel. Währenddem hat der Himmel sich umzogen, es wurde völlig Nacht, und Agnes, von seltsamer Unruhe befallen, liess mit Bitten und Treiben nicht nach, bis man endlich zum letzten Wort gekommen war und die beschwerte Kutsche vom Haus wegrollte. Raymund ritt vor den Pferden her und kaum hatten sie das Dorf im rücken, so fing er herzhaft an zu singen. Er nahm in seinem frohen Übermut dem Bauernburschen, der nebenher leuchtete, die beiden fackeln ab und schwang sie rechts und links in weiten Kreisen, indem er sich an den wunderlichen Schatten höchlich ergötzte, die er durch verschiedene Bewegung der Brände in eine riesenhafte Länge, bald vor-, bald rückwärts, schleudern konnte. Sooft es anging kam er an den Schlag und brachte die Gesellschaft durch allerlei phantastische Vergleichungen über seine Reiterfigur zum innigen lachen. Er war wirklich höchst liebenswürdig in dieser Laune, selbst Agnes liess ihm Gerechtigkeit widerfahren. Der Maler wetteiferte mit ihm, teils schauerliche, teils liebliche Märchen aus dem Stegreife zu erzählen, wobei sich Teobald ganz unerschöpflich zeigte. Als sie im Wald an einer öden Strecke Ried vorüberkamen, hiess es, hier sei vor vielen hundert Jahren das Herz eines Zauberers nach dessen tod in die Erde gegraben worden, das dann, zum schwarzen Moos verwachsen, als ein unendliches Gespinst rings unterm Boden fortgewuchert habe. Daraus wäre von dem Riesen Flömer eine unermessliche Strickleiter gemacht worden, die er gegen den halben Mond geworfen; das eine Ende sei mit der Schleife am silbernen Horne hängen blieben und nun sei der Riese triumphierend zum Himmel hinaufgeklettert. Agnes erinnerte, im Gegensatz zu solchen Ungeheuern, an eine kleine anmutige Elfengeschichte, die Nolten als Knabe ihr vorgemacht hatte, und so gab jedes einen Beitrag her; auch die drei andern jungen Leute blieben nicht zurück, vielmehr diese trauliche Dunkelheit schien sie