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Überfluss Raymundens mündliche Beredsamkeit noch in Reserve gestellt, wenn Nolten je Bedenken tragen sollte, die Stelle anzunehmen, ein Zweifel, dessen nur der Hofrat fähig sein konnte, weil er immer von seiner eignen Seltsamkeit ausging. Was übrigens die Sendung Raymunds anbelangt, so verhielt sich's wirklich so, wie er vorhin erklärte; er selber hatte beim Antritt seiner Reise noch keine Ahnung von den Dingen, die im Werke waren.

Die beiden Künstler schlossen jetzt in der Aussicht auf ihr gemeinschaftliches Ziel sogleich Brüderschaft, und wer hätte nicht teil an ihrem Glücke nehmen sollen? Alle sprachen durcheinander aufs lebhafteste von der Sache hin und her.

"Ja", fragte die Pfarrerin, "und der Zug geht wohl bald vor sich?"

"Bald oder nicht! wie man's nimmt; jeder Tag später macht mir Langeweile!" rief Raymund, indem er sich ungeduldig auf dem Absatz herumwarf. "In zwei Monaten ist der Termin."

"Da wird man erst ein Pärchen aus euch machen müssen?" sagte der Pfarrer zu Agnes hin.

"dachte ich es doch!" rief Raymund, "bleibt mir nur, ihr schwarzen Herrn, mit euren Weitläufigkeiten fort! Soviel ihr aus den beiden machen könnt, sind sie ja schon." Er sprach dies halb im Scherz, doch hätte der Pfarrer nicht wissen dürfen, dass er die Geistlichen für etwas Überflüssiges hielt und nie recht hatte leiden mögen.

"Wie?" rief Amandus, "Sie sind, wie ich höre, auch Bräutigam: Sie lassen sich wohl gar nicht kopulieren?"

"Bewahre Gott mich davor!" antwortete der Bildhauer. "Die Kopula ist schon gefunden."

"So sind Sie ein Heide?"

"Und zwar ein frommer!"

"Doch was sagt Ihre Braut zu Ihrem Vorsatz?"

"Ich habe sie noch nicht gefragt."

"Und", sagte der Pfarrer, leicht abbrechend, "was spricht lieb Agneschen?" Sie schaute auf, sie hatte nicht gehört, wovon die Rede war, da sie sich angelegentlich mit Nolten unterhielt. Nach der sonderbaren, beinahe verdriesslichen Wendung, welche das Gespräch der beiden Männer genommen, war es natürlich, dass die Frauen im stillen schon das arme Mädchen bedauerten, das an einen so närrischen und wilden Menschen geraten müssen, und dies Mitleiden verbarg sich endlich gar nicht mehr, als Teobald sich eifriger nach Henrietten erkundigte, und Raymund anfing, mit aller ihm eigenen treuherzigen Lebhaftigkeit zu erzählen, auf welchem guten Fuss er mit ihr lebe, wie sie sich unterhielten, welche Untugenden und "Dummheiten" er ihr schon abgewöhnt, was für Talente an ihr entwickelt habe. Da er zum Beispiel ein leidenschaftlicher Freund vom Kegelschieben sei und es für die gesundeste Motion halte, so habe er sich in den Kopf gesetzt, seine Braut müsse es aus dem Fundamente lernen. Er habe den Unterricht, auf einer unbesuchten Bahn, auch sogleich mit ihr begonnen; es geschehe ihr zwar einigermassen sauer, doch zeige sie den besten Willen und werde es mit der Zeit sehr weit bringen. Ferner, weil er wahrgenommen, dass sie mit einer törichten Furcht vor allem Feuergewehr und Schiessen gestraft sei, und ihm solche übertriebene Alterationen in den Tod zuwider seien, so habe er sie von dem Lächerlichen dieses Benehmens zuerst teoretisch überzeugt, ihr den Mechanismus einer Flinte, die wirkung des Pulvers ruhig und ordentlich erklärt und endlich einen praktischen Anfang im Schlossgraben bei der Scheibe gemacht, der aber leider bis jetzt den gehofften Erfolg noch nicht bewiesen. Im Fall es nun, wie das ungeschickte Ding ihn mit Tränen versichert habe, er aber noch nicht glaube, wirkliche Nervenschwäche wäre, so würde er freilich davon abstehen müssen, doch hoffe er es noch durchzusetzen.

Die Frauenzimmer, sowie die Männer, konnten nicht umhin, ihr Missfallen auszudrücken, es gab einen allgemeinen Streit, und Agnes fing an dem Bildhauer im Herzen recht gram zu werden, sie kannte ihn nicht genug und hielt ihn für boshaft; wie nun ihr ganzes Wesen seit jener Botschaft gewaltsam aufgeregt war, so nahm sie auch den gegenwärtigen Fall heftiger auf als sie sonst getan haben würde, sie glaubte eine ihrer Schwestern von einem Barbaren misshandelt, die Wange glühte ihr vor Unwillen und ihre stimme zitterte, so dass Teobald, der diese Ausbrüche an ihr fürchtete, sie sanft bei der Hand nahm und beiseite führte.

Raymund hatte, wie ernst es mit den Vorwürfen besonders der Frauenzimmer gemeint sei, gar nicht bemerkt, weil es ihm in der Gesellschaft durchaus an allem Takte gebrach. Sein unruhiger von einem aufs andere springender Sinn war schon ganz anderswo mit den Gedanken, während man ihn über seinen Fehler nachdenklich gemacht und fast verletzt zu haben meinte. Er blickte durch den Tubus in die Ferne und schüttelte zuweilen mit dem Kopf; auf einmal stampft er heftig auf den Boden. "Ums himmels willen, was ist Ihnen?" fragte der Oberst. "Nichts!" lachte Raymund, aus seinem Traum erwachend, "es ist nur so verflucht, dass ich die Jette jetzt nicht da haben soll! sie nicht am Schopfe fassen kann und recht derb abküssen! sehen Sie, lieber Oberst, eigentlich ist's nur die Unmöglichkeit, was mich foltert, die plumpe, physische Unmöglichkeit, dass der einfältige Raum, der zwischen zweien Menschen liegt, nicht urplötzlich verschwindet, wenn einer den Willen recht gründlich hat, dass dies Gesetz nicht fällt, wenn auch mein Geist