sich den wehmütigsten Gedanken. Zum erstenmal fühlt er eine grosse Unzufriedenheit über sein ungebundenes Leben überhaupt, und indes die Morgenröte hinter den Bergen anbrach und nun die Sonne in aller stillen Pracht aufging, schien es, als flüstere die Mutter Gottes vernehmliche Worte an sein Herz. Ein Entschluss entstand in ihm, und nach wenig Tagen las man auf einer Tafel, die in der Kapelle aufgehängt war, mit zierlicher Schrift folgendes Bekenntnis (ich habe es der Merkwürdigkeit Wort für Wort auswendig gelernt):
Diess täflein weihe3
unserer lieben frauen
ich
Marmetin, gennent Jung Volker
zum daurenden gedächtnuss eines gelübds. und wer da solches lieset mög nur erfahren und inne werden was wunderbaren massen Gott der Herr ein menschlich gemüete mit gar geringem dinge rühren mag. denn als ich hier ohn allen fug und recht im wald die weisse hirschkuh gejaget auch selbige sehr wohl troffen mit meiner gueten Büchs da hat der Herr es also gefüget dass mir ein sonderlich verbarmen kam mit so fein sanftem tierlin, ein rechte angst für einer grossen sünden da dachte ich: itzund trauret ringsumbher der ganz wald mich an und ist als wie ein ring daraus ein dieb die perl hat brochen. ein seiden bette so noch warm vom süessen leib der erst gestolenen braut. zu meinen füessen sank das lieblich wunderwerk. verhauchend sank es ein als wie ein flocken schnee am boden hinschmilzt und lag als wie ein mägdlin so vom liechten mond gefallen.
Aber zu deme allen hab ich noch müessen mit grossem schrecken merken ein seltsamlichs zeichen auf des arm tierlins seim rucken. nämlich ein schön akkurat kreuzlin von schwarz haar. also dass ich kunt erkennen ich hab mich freventlich vergriffen an eim eigentumb der muetter Gottes selbs. nunmehr mein herz so erweichet gewesen nahm Gott der stunden wahr und dachte wohl er muss das eisen schmieden weil es glühend und zeigete mir im geist all mein frech unchristlich treiben und lose hantierung dieser ganzer sechs Jahr und redete zu mir die muetter Jesu in gar holdseliger weiss und das ich nit nachsagen kann noch will. verständige bitten als wie ein muetterlin in schmerzen mahnet ihr verloren kind. da hab ich beuget meine knie allhier auf diesen stäfflin und hab betet und gelobet dass ich ein frumm leben wöllt anfangen. und wunderte mich schier ob einem gnadenreichen schein und klarheit so ringsumbher ausgossen war. stand ich nach einer gueten weil auf, mich zu bergen im tiefen wald mit himmlischem betrachten den ganzen Tag bis dass es nacht worden und kamen die stern. sammlete dann meine knecht auf dem hügel und hielte ihne alles für, was mit dem volker geschehen sagt auch dass ich müess von ihne lassen. da huben sie mit wehklagen an und mit geschrei und ihrer etlich weineten. ich aber hab ihne den eid abnommen sie wöllten auseinander gehen und ein sittsam leben fürder führen. wo ich denn selbs mein bleibens haben werde dess soll sich niemand kümmern noch grämen oder gelüsten lassen dass er mich fahe. ich steh in eins andern handen als derer menschen. diess täflein aber gebe von dem volker ein frumm bescheidentlich zeugnuss und sage dank auf immerdar der himmlischen huldreichen jungfrauen Marien als deren segen frisch mög bleiben an mir und allen gläubigen kindern. so gestift am 3. des brachmonds im jahr nach unsers Herren geburt 1591.
Leider", fuhr der Pfarrer gegen die Gesellschaft fort, welche mit sichtbarer Teilnahme zuhörte, "leider ist das Original dieser Votivtafel verlorengegangen; eine alte Kopie auf Pergament liegt auf dem Halmedorfer rataus. Auch die Kapelle ist längst verschwunden; die ältesten Leute erzählen, ihre Urgrossväter hätten sie noch gesehen. Wo aber Volker damals sich hingewendet, blieb unbekannt. Einige vermuten einen Pilgerzug nach dem gelobten Land, wo er dann in ein Kloster gegangen sein soll."
"Eine andere Sage", nahm der Obrist wieder das Wort, "lässt ihn auf dem Wege nach Jerusalem von seiner Mutter, einer Zauberin, entführt werden und ich gedenke hier nur noch einiger alten Verse, weiche wahrscheinlich den Schluss eines grösseren Lieds ausmachten. Sie weisen auf die fabelhafte Geburt Volkers hin und machen ihn, wie mich deucht, gar charakteristisch für den freien kräftigen Mann, zu einem Sohne des Windes. Er selber soll das Lied zuweilen gesungen haben.
Und die mich trug in Mutterleib,
Die durft ich niemals schauen,
Sie war ein schön, frech, braunes Weib,
Wollt keinem mann trauen.
Und lachte hell und scherzte laut:
Ei, lass mich gehen und stehen!
möchte lieber sein des Windes Braut,
Denn in die Ehe gehen.
Da kam der Wind, da nahm der Wind
Als Buhle sie gefangen,
Von dem hat sie ein lustig Kind
In ihren Schoss empfangen."
"Wird mir doch in diesem Augenblick", sagte die Pfarrerin, indem sie ein heimliches Auge an der Linde hinauflaufen liess, "mir wird von all dem Zauberwesen so kurios zumute, dass ich mich eben nicht sehr entsetzen würde, wenn jetzt noch die Fabel vom singenden Baum wahr würde, ja wenn Herr Volker leibhaftig als lustiges Gespenst in unsre Mitte träte."
"Noch ein anderes Lied", sagte der Obrist, "ist mir im Gedächtnis geblieben, das man sich im mund von Volkers Bande denken muss. Ich will, wenn die Frauenzimmer nicht schon durch das vorige – –"
Plötzlich wurde der Erzähler von den Tönen eines Saiteninstruments unterbrochen, welche ganz nahe aus dem Gipfel der dichtbelaubten Linde hervorzukommen schienen. Die Anwesenden erschraken und aller Augen waren nach dem Baume gerichtet. Niemand bewegte sich vom platz; tiefe Stille