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sie, während sie sich nach der Mandoline umsah und man sich setzte. "Ich will dir erzählen, wie es eigentlich zuging, dass ich's lernte. Ich habe dich einmal, weisst du noch? an dem Abend, wo wir die Johanniskäfer in das gläserne Körbchen sammelten, da hab ich dich von ungefähr gefragt, ob es dir nicht leid wäre, dass ich so gar nichts von den hübschen Künsten verstehe, die dir so wert und wichtig sind, nicht auch ein bisschen von Musik oder eine Blume hübsch zu malen oder dergleichen, was wohl andre Mädchen können. Du sagtest: das vermissest du an deiner Braut gar nicht. Ich glaubt's auch, wie ich dir denn alles glaube, und dankte dir im Herzen für deine Liebe. Weiter sagtest du dann: die paar Jägerliedchen, die ich zuweilen sänge, die wären dir lieber als alles. Zwei Tage darauf kamen wir nach Tisch ins Pfarrhaus zu Besuch. Die älteste Tochter spielte den Flügel, und so schön, dass wir uns kaum satt hörten, du besonders. Aber eins hat mich damals verdrossen, an der jüngern, an Augusten. Du musst dich erinnern. Lisette war kaum aufgestanden vom Klavier, so fordert die Schwester mich auf, meine stimme auch hören zu lassen, ich ahnte nichts Unfeins von dem Mädchen und fing das nächste beste an. Aber auf einmal werde ich befangen und rot, denn Auguste hält sich ein Notenpapier vor den Mund, ihr lachen zu verbergen; der Ton zitterte mir in der Kehle, und wie ich mich wenigstens zum letzten Verse noch ermannen will, guckt Auguste spottend durch die Rolle wie durch ein Fernrohr auf mich, dass ich vollends konfus ward und mit kleiner stimme kaum noch zum Ende schwankte. Indes ihr andern weiter spieltet und sangt, hatte ich am Fenster genug zu tun und zu wischen mit Weinen. Später, du warst schon fort, fing mich der Vorfall an zu wurmen; ich hätte gern auch etwas gegolten, ich grämte mich innig um deinetwillen; überdem kam meine Krankheit; ich glaube noch bis auf die Stunde, ich wäre schneller genesen, hätt ich mir mit Musik manchmal die Zeit vertreiben können; indessen ging's gottlob auch so vorüber. Um diese Zeit besuchte uns der Vetter zuweilen aus der Stadt und" – (sie stockte und streifte verlegen über das Instrument hin) "nun, also dieser lehrte mich's."

"Eins von den lustigen zuerst!" fiel der Vater, schnell zu hülfe kommend, ein. Rasch und herzhaft fing sie nun an, mit einer stimme, die kräftig und zart, sich doch stets lieber in die Tiefe als in die Höhe bewegte. Ihr Gesang wurde nach und nach immer einschmeichelnder, immer kecker. "Der Herr darf mich wohl ansehn!" sagte sie einmal dazwischen zu Teobald hinüber, der ihren Anblick bisher vermieden hatte. Er zeigte, als das Lied geendigt war, auf ein anderes in ihrem Notenhefte, "der Jäger" überschrieben, dessen Text ihm gefiel, und obwohl es Agnesen nicht ebenso ging, stimmte sie doch sogleich damit an.

"drei Tage Regen fort und fort,

Kein Sonnenschein zur Stunde,

drei Tage lang kein gutes Wort

Aus meiner Liebsten mund!

Sie trutzt mit mir und ich mit ihr,

So hat sie's haben wollen;

Mir aber nagt's am Herzen hier,

Das Schmollen und das Grollen.

Willkommen denn, des Jägers Lust,

Gewittersturm und Regen!

fest zugeknöpft die heisse Brust,

Und jauchzend euch entgegen!

Nun sitzt sie wohl daheim und lacht,

Und scherzt mit den Geschwistern;

Ich höre in des Waldes Nacht

Die alten Blätter flüstern.

Nun sitzt sie wohl und weinet laut

Im Kämmerlein, in Sorgen;

Mir ist es wie dem Wilde traut,

In Finsternis geborgen.

Kein Hirsch und Rehlein überall!

Ein Schuss zum Zeitvertreibe!

Gesunder Knall und Widerhall

Erfrischt das Mark im leib

Doch wie der Donner nun verhallt

In Tälern in die Runde,

Ein plötzlich Weh mich überwallt,

Mir sinkt das Herz zugrunde.

Sie trutzt mit mir und ich mit ihr,

So hat sie's haben wollen,

Mir aber frisst's das herz schier

Das Schmollen und das Grollen.

Und auf! und nach der Liebsten Haus!

Und sie gefasst ums Mieder!

Drück mir die nassen Locken aus,

Und küss und hab mich wieder!"

Beide Männer klatschten lauten Beifall. Sie wollte aufstehn. "Aller guten Dingeweisst du?" rief der Alte, "noch eines!" Also blätterte sie abermals im Heft, unschlüssig, keines war ihr recht; über dem Suchen und Wählen war der Vater aus der stube gegangen; sie klappte das Buch zu und sprach mit Teobalden, während sie hin und wieder einen Akkord griff. Auf einmal fiel sie in ein Vorspiel ein, bedeutender als alle frühern; es drückte die tiefste rührendste Klage aus. Agnesens blick ruhte ernst, wie unter abwesenden Gedanken, auf Nolten, bis sie sanft anhob zu singen.

Wir teilen das kleine Lied noch mit, und denken, der Leser werde sich aus den einfachen Versen vielleicht einen entfernten Begriff von der Musik machen können, besonders aus dem zweiten Refrain, bei welchem die Melodie jedesmal eine unbeschreibliche Wendung nahm, die alles herauszusagen schien, was irgend von Schmerz und Wehmut sich in dem Busen eines unglücklichen Geschöpfs verbergen kann.

Rosenzeit! wie schnell vorbei,

Schnell vorbei,